Sie hatte mal den richtigen Moment für die richtigen Worte erwischt: Als sie Friedrich Merz mit einer guten Rede einfach nach Hause schickte und sich an die Spitze der CDU setzte. Das war durchaus beeindruckend, wie Annegret Kramp-Karrenbauer damals antrat.

Damals? Dieser Moment ist ja noch nicht lange vergangen, doch er wirkt wie eine Erinnerung aus einer anderen Zeit. Weil danach für die CDU-Chefin so gut wie alles schief lief: Zoten im Karneval, beleidigte Reaktionen auf ein bisschen Politik bei YouTube, die Forderung, mehr Geld in die Rüstung zu stecken. Das kam und kommt alles nicht gut an. Kramp-Karrenbauers Umfragewerte sind schlecht. Und wenn nicht alles täuscht, liegt das nicht nur an ein paar unangenehmen Äußerungen. Es geht vielmehr darum, wie uns hier Politik präsentiert wird.

Das zeigt schon ein Blick auf diesen Mittwoch, an dem dem hunderte Bundestagsabgeordnete aus dem Urlaub nach Berlin eingeflogen werden mussten, um Annegret Kramp-Karrenbauer als neue Verteidigungsministerin zu vereidigen. Das kostet die Steuerzahler viel Geld, ist in Zeiten der Klimaschutzdebatte, in der es auch darum geht, dass Politiker und Beamte nicht mehr zwischen Bonn und Berlin hin und her fliegen sollten, kein schönes Zeichen.

Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee

Aber geschenkt, man kann ja auch argumentieren, es sei wichtig, dass die Verteidigungsministerin vor dem Bundestag vereidigt wird, weil die Bundeswehr eine Parlamentsarmee ist. Weil die Soldaten so sehen, dass sie eine neue Ministerin haben. Alles sehr bedenkenswert.

Doch wird man den Verdacht nicht los, dass auch diese aufwendige Vereidigung mitten in den Ferien Annegret Kramp-Karrenbauer vor allem eine große Bühne bieten soll für ihre weitere politische Karriere. Und diese Bühne wird ihr gebaut von der jetzigen Kanzlerin, von Angela Merkel, die Kramp-Karrenbauer so gerne als ihre Nachfolgerin sähe. Denn es war Merkel, die diese Sondersitzung des Bundestags wollte. Angela Merkel, die mittlerweile seit mehr als zwei Jahrzehnten das politische Personal einer ganzen CDU-Generation hin- und herschiebt. Und nun am Ende Kramp-Karrenbauer dort sehen will, wo sie noch ist. Im Kanzleramt.

Dieses Kalkül stand bisher hinter allen Schritten Kramp-Karrenbauers in den Jahren 2018 und 2019. Sie gab als gewählte Ministerpräsidentin des Saarlandes einfach ihr Amt auf, um Generalsekretärin der CDU zu werden. Schritt eins. Dann gab sie dieses Amt nach kurzer Zeit wieder auf, um Vorsitzende der Partei zu werden. Schritt zwei. Dann wollte sie Verteidigungsministerin werden, um sich für noch Höheres in diesem Ministeramt zu profilieren. Schritt drei.

Schlechte Witze im Karneval

Das wirkt alles so kalkuliert und präsentiert ein Politikertum, das die meisten Leute doch eher befremdet. Und es ist mehr und mehr zweifelhaft, ob diese strategische Art, Politik zu betreiben, erfolgreich für Kramp-Karrenbauer sein wird.

Für ihre Zukunft, für den gewünschten Weg zur Kanzlerschaft, ist die Übernahme des Verteidigungsministeriums auch nicht unbedingt hilfreich. Es ist eher ein Fehler. Und wahrscheinlich ein größerer, als schlechte Witze im Karneval zu machen und das Internet abschalten zu wollen, wenn es auf YouTube gegen die CDU geht.

Höhenflug der Grünen

Warum? Weil das Verteidigungsministerium ein wichtiges Ministerium für Karrieren in der alten Welt war. In Zeiten des Höhenflugs der Grünen kann man sich mit diesem „Ist-nötig-aber-unbeliebt“-Ministerium jedoch viel weniger profilieren als etwa mit dem Umwelt- oder Wirtschaftsministerium. Und AfD-Wähler beeindruckt man damit auch nicht, da hält sich doch jedes einzelne Mitglied für den besseren Verteidigungsminister.

Robert Habeck kann es freuen, dass die Kanzlerin seine Konkurrentin in die alte Welt geschickt hat, die früher mal Prestige bot. Die neue ist dann für ihn da. Und wenn es wirklich mal eine schwarz-grüne Koalition unter einem Kanzler Habeck geben sollte, dann hat er ja schon mal eine Politikerin, die im ungeliebten Verteidigungsministerium weitermachen kann: Kramp-Karrenbauer. Das war sicher nicht ihr Plan. Aber so kann’s gehen, wenn man die Karriere zu strategisch plant.