Dass ein Fremder Kinder verschleppt und tötet wie im Fall von Mohamed und Elias, ist eine absolute Ausnahme. Um Kinder zu stärken und vor Übergriffen zu schützen, bietet der Verein „Wir stärken Dich“ Kurse in Kitas und Grundschulen an. Wir sprachen mit Regionalchef Jürgen Rüstow über Ängste von Eltern und Kindern.

Herr Rüstow, wie sollten Eltern oder Pädagogen reagieren, wenn Sie von Schülern oder Kita-Kindern auf die Morde an Mohamed und Elias angesprochen werden?

Wenn die Kinder nachfragen, sollten Eltern oder Lehrer darauf eingehen und informieren. Wichtig aber erscheint mir, dass dies nicht mit erhobenem Zeigefinger abläuft. Eltern sollten ihre eigenen Ängste nicht auf die Kinder projizieren und sie dadurch noch zusätzlich verunsichern. Vor allem sollten die Kinder wissen, dass sie bei möglichen Übergriffen laut sein sollen, aggressiv sein dürfen, dahin gehen sollen, wo viele andere Menschen sind und diese ansprechen sollen.

Und wenn die Kinder es nicht von sich aus ansprechen?

Wenn das Thema überhaupt angesprochen wird, dann immer mit dem Gedanken, das Kind zu stärken, nicht, es zu verunsichern.

Sie wollen mit Ihren Kursen das Selbstbewusstsein von Kindern stärken. Wieso ist das so wichtig?

Wir üben in Rollenspielen mit den Kindern, dass sie auf ihre Gefühle achten und im Umgang mit Erwachsenen auch danach handeln sollen. Kinder sollen weggehen, wenn sie sich in einer Situation nicht wohlfühlen. Und sie lernen insbesondere Nein zu sagen, wenn sie nicht geküsst, in den Arme genommen oder auf andere Art berührt werden wollen. Das kann auch den Onkel oder die Tante betreffen. Die Kinder sollen lernen, über ihren eigenen Körper selbst zu bestimmen. Ohnehin sind fremde Täter, die wie bei den nun diskutieren Fällen aus dem Nichts zu kommen scheinen, ja eher die Ausnahme. Übergriffe und Missbrauch finden meist im familiären Umfeld und im Bekanntenkreis statt. Da nähern sich Täter über einen längeren Zeitraum dem Kind an.

Was genau sollen die Kinder bei Ihnen lernen?

Sie lernen, selbstsicher aufzutreten und das auch schon mit ihrer Körpersprache und ihrer Stimme auszudrücken. Die Schultern hängen lassen, ist da nicht so gut. Die Kinder sollen den Menschen in die Augen schauen, deutlich Nein sagen können, wenn sie etwas nicht wollen. Bestenfalls lernen die Kinder sogar, in seltsamen Situationen besonders mutig zu wirken. Und eben nicht ängstlich.

Kinder aus zerrütteten Familien gelten als labiler und besonders gefährdet. Wieso?

Sie sind deshalb angreifbarer, weil sie oft von zu Hause aus nicht so viel Unterstützung bekommen haben. Zum anderen sind sie oft erst einmal offener gegenüber Menschen, die sich dem Kind zuwenden. Es freut sie, dass da endlich jemand aufmerksam ihnen gegenüber ist, dem Kind vielleicht Geschenke macht.

Was können Eltern tun?

Eltern sollen ihre Kinder durch Wertschätzung und Anerkennung stärken und klare Absprachen treffen. So raten wir Eltern in unseren Kursen sogenannte Vertrauenspersonen festzulegen, also vier, fünf Personen aus dem näheren Umfeld zu bestimmen, mit denen das Kind nach Kita oder Schule auch mal mitgehen kann. Dann sind die Kinder in so einer Situation nicht so unsicher, wenn jemand sagt „deine Mama schickt mich“.

Wie entscheidend ist das Vertrauen zwischen Eltern und Kind?

Das ist sehr wichtig. Kinder sollten das Gefühl haben, Mama oder Papa alles erzählen zu können. Auch das üben wir in Rollenspielen. Wenn zum Beispiel ein Kind mal etwas kaputt macht, soll es sich trotzdem trauen, den Eltern davon zu erzählen. Dann sind Mama oder Papa erst einmal etwas sauer, aber bald ist wieder alles in Ordnung. Auch wenn ein Kind in der Schule von Mitschülern gemobbt wird, ist es wichtig die Eltern zu informieren.

Sind Eltern im Laufe der Jahre eher ängstlicher geworden und rüsten sie ihre Kinder tatsächlich mit einem GPS-Chip aus, um sie ständig orten zu können?

Eltern sind heute in der Regel besser informiert über die tatsächlichen Gefahren. Auch über Missbrauch ist viel mehr bekannt als früher. Gleichzeitig sind sie ängstlicher geworden.

Heute haben schon Grundschüler Zugang zum Internet. Birgt das zusätzliche Gefahren?

Mitunter sind die Eltern da noch ungeübter als die Kinder. Eltern sollten zum Beispiel keine Kinderfotos auf Facebook posten, die die Kinder später als Erwachsene nicht würden sehen wollen. Gefährlicher sind meiner Meinung nach bestimmte Online-Computerspiele, die häufig von Tätern dazu genutzt werden, virtuellen Kontakt aufzunehmen. Erst später werden der Junge oder das Mädchen feststellen, dass diese Person 30 Jahre älter ist als angegeben. Deshalb sollten Kinder niemals ohne Absprache mit den Eltern zu einem Treffen mit einer Online-Bekanntschaft gehen. Eltern sollten regelmäßig Gelegenheiten schaffen, mit ihren Kindern über deren Alltag, über schöne Erlebnisse, aber auch über Bedrückendes zu sprechen. Dann fällt so etwas womöglich bald auf.

Gespräch: Martin Klesmann