Der Parteichef und Kandidat konnte sich einen kleinen Werbeblock nicht verkneifen. Wer bis zum 16. September in die SPD eintritt, sagte der Sozialdemokrat Jan Stöß am Sonntagabend, der stimme auch über den künftigen Regierenden Bürgermeister von Berlin ab. „Bei der SPD kann man mitentscheiden“, fasste der Landesvorsitzende zufrieden zusammen.

Zuvor hatte sich die Parteiführung getroffen und ein Verfahren verabredet, das an diesem Montag formell beschlossen werden soll. Es ging um Termine und die Methode, aus den drei Bewerbern für das höchste Amt im Senat den einen auszuwählen, den die meisten Sozialdemokraten wollen. Damit ist knapp eine Woche nach dem überraschend angekündigten Rückzug von Klaus Wowereit (am vorigen Dienstag) der Fahrplan für die Übergabe klar. Das Wichtigste: In gut zwei Monaten, am 6. November 2014, weiß die Stadt, wer gewonnen hat. Spätestens dann.

Kandidaten für die Wowereit-Nachfolge sind bekanntlich außer Stöß der Fraktionsvorsitzende Raed Saleh und der Stadtentwicklungssenator Michael Müller. Zwar läuft die Bewerbungsfrist erst an diesem Montag ab, aber mit noch mehr Kandidaten rechnet niemand. Die drei sollen sich von Mitte September bis Mitte Oktober den Mitgliedern auf vier öffentlichen Veranstaltungen präsentieren, deren genaue Daten und Orte noch nicht feststehen. Hinzu kommen weitere Veranstaltungen der Parteiorganisationen auf Kreisebene.

Briefwahl-Unterlagen werden verschickt

Zeitgleich werden Briefwahl-Unterlagen an die derzeit 17.100 Mitglieder verschickt, anfangs natürlich mit allen drei Namen. Wenn nach der ersten Auszählung am 18. Oktober noch kein Sieger feststeht, gibt es eine Stichwahl unter den Mitgliedern mit neuen Stimmzetteln, auf denen nur noch die beiden Bestplatzierten stehen. Die Auszählung, siehe oben, erfolgt am 6. November – gut einen Monat, bevor der immer noch Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit im Abgeordnetenhaus seinen Rücktritt erklären wird. Dann, am 11. Dezember, wählt das Parlament mit seiner rot-schwarzen Mehrheit einen neuen SPD-Senatschef.

So der Plan. „Die Mitglieder haben damit das erste, aber auch das letzte Wort, wer für die SPD Regierender Bürgermeister von Berlin werden soll“, sagte Stöß. Genau diese Bedingungen hatten etliche Sozialdemokraten vorher eingefordert: Es müsse eine „Mitgliederentscheidung pur“ her, hieß es etwa in einem Offenen Brief aus dem Kreisverband Pankow. Und zwar nicht zufällig aus diesem Bezirk, hatte doch Pankow vor der Bundestagswahl 2013 den Fehler begangen, dass die Funktionäre eines Kreis-Parteitags das Votum der Basis überstimmten. Dies sorgte für Empörung und Streit auf Monate und wirkt jetzt noch nach. Der Brief, unterschrieben etwa von der Vize-Fraktionschefin im Abgeordnetenhaus, Clara West, und von Ost-Promi Wolfgang Thierse, warnt denn auch in dramatischen Worten vor einer „bleibenden Vergiftung des innerparteilichen Klimas“, die „in letzter Konsequenz zum Verlust der Regierungsfähigkeit der Sozialdemokratie“ führen könne.

Dem scheint aus Sicht der SPD nun einigermaßen vorgebeugt worden zu sein. Die zweite wichtige Bedingung für die Kandidatenkür formulierte Reinickendorfs SPD-Chef Jörg Stroedter am Sonntag so: „Es muss am Ende ein klares Ergebnis für den Sieger her, also eine absolute Mehrheit.“ Auch das wäre spätestens mit der Stichwahl gesichert. Sie könnte zwar knapp ausgehen, aber wer gewinnt, hätte in jedem Fall mehr als die Hälfte der gültigen Stimmen. Viele, etwa Treptow-Köpenicks Kreisvorsitzender Oliver Igel, rechnen auch mit einer hohen Wahlbeteiligung – bei parteiinternen Abstimmungen hieße das, um die 50 Prozent.

Nußbaum hält Saleh für geeignet

Doch Verfahrensfragen sind das eine. Ob die SPD eine zermürbende Auseinandersetzung wirklich vermeiden kann und einen „fairen Wettbewerb“ inszeniert, wie ihn alle Kandidaten beschwören, ist offen. Die Wahlkampfbühnen werden jedenfalls jetzt schon gestürmt. Im aktuellen „Spiegel“ nutzte Fraktionschef Raed Saleh, mit 37 Jahren jüngster Bewerber, die Chance für sattes Eigenlob. Seine Außenseiterposition, die erste Umfragen anzeigen, schrecke ihn nicht, sagte er. „Das bin ich gewöhnt. Mein ganzes Leben lang musste ich mich von unten nach oben arbeiten und andere erst mal überzeugen.“ Unterstützt wurde sein Auftritt von Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos), der Spiegel Online am Sonntag klar machte, dass er Saleh für sehr, Müller für mittelmäßig und Stöß für kaum geeignet hält als Regierenden Bürgermeister.

Warum er selbst nicht kandidiere? „Ich wurde nicht gefragt.“