Vergessener Ort in Mitte: Venedig? Nein, der Mühlengraben mitten in Berlin!

Ein romantisches Eckchen Berlins, das nicht nur aus dem Stadtbild, sondern auch aus der Erinnerung verschwunden ist. Dabei befinden wir uns mittendrin in der alten Stadt, was man an der Kuppel des Schlosses am Ende des Bildes erkennen kann. Aber was ist das für ein Gewässer, das sich durch Stadthäuser zieht als sei man in Venedig?

Alte Karten lassen erahnen, dass sich einst die Spree im Urstromtal in vielen kleinen und großen Armen ausbreitete – dazwischen Inselchen, Werder genannt, und viel sumpfiges Gelände. Auf der Höhe der heutigen Jungfernbrücke teilten sich zwei Spreeärmchen und umflossen eine solche kleine Sandinsel. Den einen Arm kennen wir heute als Spreekanal, der andere war der Mühlengraben, in Erinnerung an seinen natürlichen Ursprung  auch Werderscher Pfuhl genannt.

Der Stadthistoriker Ernst Fidicin beschrieb ihn 1843: „An dem heutigen Mühlengraben, der früher viel breiter war und Cölln von dem Werder trennte, zog sich die Stadtmauer entlang.“ An deren Innenseite  verlief die Brüderstraße, links von dieser  der Mühlengraben. Wenigstens eine Linie, die heute noch erkennbar ist.

Rechts und links des Grabens standen eng beieinander verwinkelte Häuser, viele aus Fachwerk, alle unmittelbar am Wasser. Auf dem Foto von 1865 ragen die Mauern direkt am Ufer auf. Ältere Gemälde zeigen an manchen Stellen noch sandige Uferstabschnitte und Holzbauten auf Stelzen im Wasser.

Die Anwohner hatten sich mit hölzernen Stegen eigene Zugänge gebaut, von wo aus sie Brauchwasser schöpften oder Wäsche wuschen. Mit Rudern oder Stangen bewegte Bötchen machten den  vertieften und verengten Graben zur kleinen Wasserstraße.

Der Abfluss vom Spreekanal in den Mühlengraben lag nahe der heute noch lokalisierbaren Sperlingsgasse, den Zufluss überspannte die 1999 gebaute Kleine Jungfernbrücke. In seinem „Lexicon von Berlin“ beschrieb Johann Christian Gaedicke 1806: „Der Mühlengraben  geht von der kleinen Jungfernbrücke  hinter den Häusern der Brüderstraße und der Stechbahn (ehemaliger Ritterturnierplatz vor dem Schloss, d. R.) weg, treibt die Werderschen Mühlen, und fällt dann wieder in den Mühlengraben.“

Über Jahrhunderte betrieb das Wasser des Mühlengrabens die  im 14. Jahrhundert gebauten Werderschen Mühlen. Sie standen an der Ecke der für den Bau des Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals abgerissenen Häuser der Schlossfreiheit  und reichten bis an die Schleusenbrücke. Von den Mühlen aus leitete man auch  Wasser bis in die Wasserbehälter auf dem Dach des Schlosses, über dem großen Eosanderschen Portal. Die Werderschen Mühlen wurden 1876 abgerissen.

Doch noch gab es den Mühlengraben, wenn auch seit der Spreeregulierung von 1888 nur noch in Resten. Seinen Wiedereintritt in den Spreekanal überwölbten die heute denkmalgeschützten Gemäuer des  Sockel für das Kaiserdenkmal. Er ist jetzt als Standort für das Einheitsdenkmal vorgesehen.

Als 1960, nach dem Abriss der Ruine des Hohenzollernschlosses, an der Südseite der riesigen Brache  das DDR-Staatsratsgebäude gebaut wurde, schüttete man den  Mühlengraben zu. Ihn freizulegen, wie andere Städte das in vergleichbaren Fällen tun, wurde noch nicht erwogen.