Es ist ein verstörender Fall, der Fragen aufwirft. Ein Grundschüler vergewaltigt auf einer Klassenfahrt in der Uckermark einen zehnjährigen Mitschüler. Zwei Elfjährige halten das Opfer dabei fest. Der Haupttäter stammt aus Afghanistan, wie auch einer der Mittäter. Nun hat sich Gabriele K.* (Name von der Redaktion geändert) gemeldet, die diesen elfjährigen Mittäter, nennen wir ihn Sami, als ehrenamtliche Flüchtlingshelferin betreut hat – bis sie von der Tat erfuhr.

„Ich kenne viele schlimme Flüchtlingsschicksale, aber dieser Fall macht mich fassungslos und nahezu depressiv“, sagt Gabriele K. „Ich hätte das diesem Kind nicht zugetraut, ich hätte eher mit einem Vorfall gerechnet, wo es sich selber schweren Schaden zufügt.“

Sie möchte über die schwierigen Umstände reden, unter denen Sami aufwuchs. Das reicht als Erklärung sicherlich nicht aus. Aber sie fragt sich schon, ob der Junge zum Mittäter geworden wäre, wenn er früher Hilfe bekommen hätte, eine Traumabehandlung erhalten hätte und einen Platz an einer anderen Schule. Vor allem aber möchte sie die Öffentlichkeit darüber informieren, wie dramatisch die Lage in Berlin beim Thema Kinderschutz ist.

Die Flucht nach Deutschland

Sami kam mit seinem Vater und seinem sehr kranken jüngeren Bruder vor über zwei Jahren nach Deutschland, mit dem Schlauchboot über die Ägäis. Die Mutter ging auf der Flucht verloren, sie lebt inzwischen in der Türkei, der Junge hat keinen Kontakt mehr zu ihr. Das belastet Sami. Sein Bruder ist gehbehindert, weshalb ihn der Vater während der entbehrungsreichen Flucht die meiste Zeit auf dem Rücken getragen hat. So erzählte es der Junge jedenfalls.

Fest steht, dass der Vater in Berlin zunächst gemeinsam mit Sami in einem Flüchtlingsheim im bürgerlichen Berliner Südosten unterkommt. Der jüngere Sohn wird in einem Pflegeheim betreut. Sami ist an der Schule unauffällig, zeigt beste Leistungen in Mathe, Kunst und Sport. Er spricht gut Deutsch und hat neben drei Einsen nur Zweien auf dem Zeugnis. Dem Vater, der Analphabet ist, muss er im Alltag als Übersetzer helfen. „Der Junge muss praktisch alles managen“, sagt Gabriele K. Doch nicht immer klappt es.

Im Hellersdorfer Kiez häufen sich die Probleme

„Der Vater ist völlig überfordert, das Kind wiederum hat immer nach Orientierung verlangt“, berichtet die pensionierte Lehrerin. Sami habe beispielsweise von seinem Vater verlangt, ihm zu sagen, wie lange er Fernsehen gucken darf. Der Vater aber habe sich nur auf das kranke Kind konzentriert, das im Heim lebt. Dem Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten soll der Vater schließlich gesagt haben, wenn er eine Wohnung bekomme, werde er seinen kranken Sohn zu sich nehmen.

Tatsächlich erhält er schließlich eine kleine Wohnung in Hellersdorf. Doch seinen Sohn darf er nicht zu sich holen. Das zuständige Jugendamt Charlottenburg befindet, dass ein so krankes Kind von geschulten Kräften betreut werden müsse. Sami bleibt mit seinem Vater alleine. Der ist jetzt erst recht auf seinen Sohn angewiesen.

Kurz darauf lernt Gabriele K. die beiden kennen. Sie hat schnell den Eindruck, dass Sami ein außergewöhnliches Kind ist, erzählt sie. Ein Junge, der seine Situation so schonungslos analysiert, wie sie es bei einem Elfjährigen nicht für möglich gehalten hätte. Mitte 2017 erfolgt der Umzug aus dem eher bürgerlich geprägten Stadtteil, in dem er im Flüchtlingsheim lebte, in den harten Hellersdorfer Kiez. Sami muss an eine Schule, an der sich soziale Probleme in einem Maße häufen, dass auch die engagierten Lehrkräfte das nicht ausgleichen können.

Die verzweifelte Suche nach einer Therapie

Der Junge aus Afghanistan ist plötzlich häufig in Schlägereien mit Sechstklässlern verwickelt. Er spricht das selber gegenüber der Flüchtlingshelferin an: „An dieser Schule geht es nur darum, wer der Stärkere ist. Ich finde das nicht gut, aber ich kann mir auch nicht alles gefallen lassen.“ Sami wird aggressiv – auch gegen sich selbst.

Genau solche Probleme hat Flüchtlingshelferin mit dem Wechsel an die Hellersdorfer Schule befürchtet. Sie habe das Schulamt nahezu angefleht, den Jungen nicht dort einzuschulen, erzählt sie. Es kam eine verständnisvoll formulierte Absage.

Mitte November 2017 schaltet Gabriele K. das Jugendamt ein, weil sich Sami selbst verletzt. Sie schreibt an das Amt, eine Antwort kommt 14 Tage später: A. teilt mit, dass B. zuständig ist. Gabriele K. schreibt also an B. und erfährt, dass C. zuständig ist. Irgendwann schaltet sich die Teamleiterin des Jugendamtes ein, doch auch das bringt nichts. Die Therapie, die Gabriele K. für ihren Schützling gerne hätte, bevor er in die Pubertät kommt, gibt es nicht.

Eine Traumatherapie sei zu teuer

Die Flüchtlingshelferin sagt, sie wolle den Mitarbeitern des Jugendamtes nicht einseitig eine Schuld zuschieben. Sie sehe die Beschäftigten als Opfer des Systems: Im Jugendamt sind viele Stellen unbesetzt, Anfang September waren es noch mehr als elf, bestätigt der zuständige Stadtrat Gordon Lemm auf Anfrage. Doch Personal ist hier nicht so leicht zu finden. „In Hellersdorf hat ein Sozialarbeiter doppelt so viele Fälle, eine sehr schwierige Klientel und meist weite Anfahrtswege“, sagt Gabriele K., Sozialarbeiter würden sich lieber Posten in bürgerlichen Bezirken suchen.

Nach drei Monaten Behördenpingpong mit dem chronisch überlasteten Jugendamt von Marzahn-Hellersdorf wird der Fall des Jungen schließlich auf einer sogenannten Hilfekonferenz behandelt. Ende März wird zwar ein Familienhelfer genehmigt, eine Traumatherapie aber lehnen die Mitarbeiter des Jugendamtes sowie des Kinder- und jugendpsychiatrischen Dienstes ab. Beide Maßnahmen zusammen wären zu teuer, soll eine Mitarbeiterin gesagt haben. Es gebe da eine Übereinkunft im Bezirk. Nein, rechtlich sei das durchaus möglich, sagt später Jugendstadtrat Gordon Lemm auf Anfrage.

Behörde bittet, sich nicht einzumischen

Tatsächlich gibt es genügend Beweise, wie dringend solche Maßnahmen gewesen wären, sagt Gabriele K. Eine persischsprachige Psychologin habe einen Traumatherapiebedarf festgestellt, ein entsprechendes Schreiben liegt der Berliner Zeitung vor. Und auch ein zweiter Arzt, der wegen der Selbstverletzungen konsultiert wurde, soll eine Therapie für dringend erforderlich gehalten haben, sagt die Flüchtlingshelferin.

Auch bei Sami zu Hause wird die Lager immer ernster. Im April 2018 bittet Sami Gabriele K. um Hilfe und berichtet von Gewalttätigkeit des Vaters. Gabriele K. sieht das Kindeswohl gefährdet und wendet sich gemeinsam mit Samis Klassenlehrerin ans Jugendamt. Doch statt einzugreifen, bittet die Behörde Gabriele K., sich nicht einzumischen.

In der Schule wird der Junge immer auffälliger, mehrmals muss er die Klasse verlassen, weil er Lehrer beschimpft. Er freundet sich mit einem anderen Afghanen an – mit dem Jungen, der später den Mitschüler vergewaltigen wird. Die Tat passiert auf der Klassenfahrt auf Schloss Kröchlendorff in der Uckermark – kurz bevor die Kinder zu Bett gehen. Der Zehnjährige vergeht sich an einen Gleichaltrigen, während Sami und ein syrischer Mitschüler das Opfer festhalten. Die aufsichtsführenden Lehrer bekommen davon zunächst nichts mit. Ein Freund des Opfers vertraut sich schließlich einem Sozialarbeiter an. Erst so wird der Fall bekannt.

Kontakt abgebrochen

Die Flüchtlingshelferin erfährt zunächst nur, dass der Junge die Schule verlassen muss. „Da ahnte ich Schlimmes. Wegen einer weiteren Prügelei wird man ja nicht ohne Vorwarnung der Schule verwiesen.“ Der Junge habe damals gar nicht gewusst, was eine Vergewaltigung ist, sagte sie. Ihm das zu erklären, fiel ihr allzu schwer. Diese schlimmen Vorgänge lassen ihr keine Ruhe. Zumal sie selbst noch zur Klassenfahrt geraten hat. Denn ursprünglich zweifelte die Klassenlehrerin, ob sie den gewalttätigen Jungen überhaupt auf die Fahrt mitnehmen sollte. „Ich habe mich noch dafür eingesetzt und auch gesagt, dass ich ihn persönlich in der Uckermark abholen würde, sollte etwas vorfallen.“ An eine Vergewaltigung dachte sie dabei nicht.

Sie möchte Sami jetzt nicht weiter betreuen. Eine Vergewaltigung durch eine Kindergruppe ist für sie etwas so Schreckliches, dass sie es selber nicht richtig verarbeiten kann. Andererseits weiß sie, dass Sami zwar Mittäter war, trotzdem aber selber auch dringend Hilfe braucht. Psychologisch betreut wird er bis heute nicht. Bald befasst sich erneut eine Hilfekonferenz mit dem Fall. Gabriele K. hofft, dass auch Sami geholfen wird. Ihr selber fehlt dafür aber die Kraft, sagt sie.

Ein juristisches Nachspiel hat der Fall nicht. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen eingestellt, da Täter und Opfer noch Kinder sind. Was den jungen Tätern und Opfern weiter passieren wird, ist unklar. Weder Stadtrat Lemm noch die Bildungsverwaltung wollen mit Verweis auf den Kinderschutz weitere Angaben machen.