Holländische Idylle: Nur so lang, bis man es sich mit den Behörden verscherzt hat. 
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Vor ein paar Tagen fand ich einen Brief in meinem Briefkasten, in dem mich die Stadt Rotterdam freundlich auffordert, rund 2000 Euro zurückzuzahlen. Zugegebenermaßen überraschte mich das nicht sonderlich. Bevor ich vor genau zwei Jahren aus den Niederlanden weggezogen bin, hatte ich Wohngeld bekommen – aufgrund der horrenden Mieten in niederländischen Großstädten nicht ungewöhnlich. Da ich mich damals nie offiziell im Bürgeramt abgemeldet habe, bekam ich den Mietzuschuss noch einige Monate weiter überwiesen, während ich schon längst in Hamburg wohnte, und na ja, einem geschenkten Gaul … Sie können es sich denken.

Irgendwann merkte dann irgendwer in der niederländischen Behörde, dass der bezuschusste Gaul längst auf anderen Wiesen graste und drehte mir den Geldhahn zu. Online sah ich, dass man „Unbekannt verzogen/Deutschland“ in meiner Akte vermerkt hatte, als ob man in einer fernen, technologisch fortschrittlicheren Zukunft noch mal Nachforschungen jenseits der Landesgrenzen anstellen wolle. Aber seien wir realistisch: Solange ich außer Landes war, blieb die Zahlungsforderung ohne Adressat.

Schwarzfahren in der U8? Weiß in Frankreich niemand

Ich bin wirklich alles andere als stolz auf meinen misslungenen Betrug, und natürlich ärgere ich mich über meine Kurzsichtigkeit, nun, da ich wieder in den Niederlanden gemeldet bin und gleich eine dicke Rechnung begleichen darf. Eines hat mich diese Geschichte aber gelehrt: Unzählige Seifenopern, Abreißkalender, Schlagertexte und Lebensratgeber haben mir ein völlig falsches Bild von der Welt vermittelt. Wenn man es ein bisschen schlauer anstellt als ich, kann man vor seinen Problemen nämlich sehr wohl weglaufen. Man muss sich nur ins Ausland absetzen und auf die Ineffizienz von Behörden vertrauen.

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In Tschechien kennt sicherlich niemand Ihre Schufa-Einträge und in Frankreich weiß keiner, dass Sie mal in der U8 beim Schwarzfahren erwischt worden sind. Selbst Ihre Punkte in Flensburg werden wohl nie die nahe Grenze nach Dänemark überqueren. Ich finde es wirklich eine rührende Erkenntnis, dass jeder sich theoretisch woanders einen frischen Start gönnen kann, wenn in dem aktuellen Land mal gerade etwas mies läuft. Der Grenzübertritt hat nämlich etwas von einer rituellen Waschung: Alle kleinen und großen Sünden fallen von einem ab und vor den ausländischen Behörden steht man rein und jungfräulich da, mit nichts anderem bekleidet als der eigenen Geburtsurkunde.

Bibliotheksgebühr prellen und ins Ausland abhauen

Vor einigen Tagen erzählte mir mein Freund Hendrik, dass er sich als Erasmus-Student in Amsterdam mal ein Buch aus der Bibliothek ausgeliehen und vergessen hat, es zurückzugeben. Als es ihm wieder einfiel, war die Säumnisgebühr schon zu einem so stattlichen Betrag gewuchert, dass er das Buch kurzerhand einfach mit nach Deutschland nahm und seine Schuld bei der Bibliothek nie beglich. Inzwischen wohnt er wieder in Amsterdam.

Vor Kurzem hat er geträumt, dass ein Bibliothekar an der Tür klingelt und die Säumnisgebühr für zehn Jahre einfordert, inzwischen der Gegenwert eines Gebrauchtwagens. Im Traum geriet er in Panik, stürmte durch den Hausflur auf die Straße und rannte in Richtung Deutschland. Der überraschend sportliche Bibliothekar überwältigte ihn allerdings schon an der nächsten Querstraße. Und das ist vielleicht die viel wichtigere Erkenntnis: Wenn man vor seinen Problemen weglaufen will, sollte man sich wenigstens sicher sein, dass man schneller ist als sie.