Start des Nachtzugs von Berlin nach Amsterdam und Brüssel verzögert sich 

Auch in Berlin ist die Nachfrage nach Nachtzugtickets gestiegen. Doch neue Strecken sind nicht in Sicht. Bei einem anderen Projekt gibt es ebenfalls Probleme.

Angekommen in Berlin. Ein Nightjet der Österreichischen Bundesbahnen hält im Hauptbahnhof.
Angekommen in Berlin. Ein Nightjet der Österreichischen Bundesbahnen hält im Hauptbahnhof.imago/Rüdiger Wölk

Das Interesse ist groß, das Image gut. Nachtzugreisen liegen im Trend, und die Anbieter freuen sich über die große Nachfrage. „Die Auslastung war diesen Sommer so stark wie noch nie seit dem Start des Nightjets im Jahr 2016. Dies gilt auch für die Berlin-Verbindungen“, sagte Bernhard Rieder, Sprecher der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), am Montag der Berliner Zeitung. Doch die Erweiterung des Nachtzugnetzes ist ins Stocken geraten. Wie jetzt bekannt geworden ist, werden die angekündigten neuen Verbindungen von und nach Berlin in diesem Jahr nicht mehr kommen. Auch anderswo stößt der Ausbau auf Schwierigkeiten.

Klimafreundlich durch Europa reisen: Die Diskussion über die Erderhitzung hat dazu geführt, dass immer mehr Menschen den Nachtzug als Alternative zum Flugzeug nutzen wollen. Das freut die ÖBB, den größten Anbieter in Europa. Die Nightjets und Euronights, die das staatliche Unternehmen betreibt, sind gut gebucht. „Aktuell sieht es bis weit in den Herbst nach einer sehr starken Buchungslage aus“, sagte Bernhard Rieder.

Im Schlafwagen sind meist nur noch Restplätze verfügbar

Auf den Berlin-Verbindungen der ÖBB waren die Schlafwagen im Sommer „praktisch immer ausgebucht“, berichtete der Unternehmenssprecher am Montag weiter. „Lediglich Restplätze, zum Beispiel der dritte Platz im Triple-Abteil, waren verfügbar.“

Nachdem sich die Deutsche Bahn (DB) aus dem Betrieb von Schlaf- und Liegewagen zurückgezogen hatte, übernahmen die Österreicher 2016 den Nachtzug zwischen Berlin, Freiburg, Basel und Zürich. Die Route wurde rasch zu einer der lukrativsten Strecken im Nightjet-Netz. Seit Ende 2018 gibt es auch wieder eine direkte Nachtverbindung zwischen Berlin und Wien. Sie führt über Frankfurt (Oder) sowie Wroclaw (Breslau) in die österreichische Hauptstadt und inzwischen darüber hinaus nach Graz in der Steiermark. Die ungarische Bahn steuert Wagen nach Budapest bei.

Nachtzug in den Norden bleibt im Programm

Auch für den Zug, der Berlin und Hamburg über Nacht mit dem Großraum Kopenhagen, Malmö und Kopenhagen verbindet, wird eine hohe Auslastung gemeldet. Der tägliche Betrieb endet in diesem Jahr planmäßig am 24. September, doch das schwedische Bahnunternehmen Snälltåget plant weitere Fahrten im Oktober, November und Dezember. 2023 soll der Nachtzug in den Norden „definitiv“ wieder verkehren, erneut mit täglichen Fahrten von April bis September, teilte ein Sprecher Ende Juni mit.

Angesichts des zunehmenden Interesses könnte der Nachtzugmarkt weitere Verbindungen gebrauchen. Doch der Netzausbau geht nur stockend voran – was auch Berlin betrifft. Zwei Projekte, von denen die deutsche Hauptstadt profitieren sollte, liegen auf Eis. So kündigte das niederländische Unternehmen European Sleeper, das ursprünglich bereits im April 2022 einen Nachtzug von Prag und Berlin nach Amsterdam und Brüssel starten wollte, jetzt eine erneute Verschiebung an – diesmal auf kommendes Jahr. „Wir streben nun den Start im Frühjahr 2023 an, arbeiten aber noch am richtigen Rollmaterial und haben auch an einigen Stellen Schwierigkeiten mit der Streckenkapazität“, teilte Chris Engelsman, einer der Gründer, der Berliner Zeitung mit. 

„Dieses Jahr wird es wohl nicht mehr sein“

Der tschechische Zugbetreiber Regiojet wollte Wagen und Personal beisteuern. Doch auch das zweite Berlin-Projekt des privaten Bahnunternehmens, bei dem es um eine tägliche Nachtzugverbindung von Berlin über Wien und Graz nach Ljubljana in Slowenien und Zagreb in Kroatien geht, kommt in diesem Jahr offenbar nicht mehr auf die Gleise. Zuletzt war davon die Rede, dass der neue Zug in Richtung Alpen und Mittelmeer zum Fahrplanwechsel im Dezember 2022 den Betrieb beginnen soll. Nun hieß es jedoch bei Regiojet: Leider wisse man noch nicht, wann die Verbindung aufgenommen wird. „Dieses Jahr wird es wohl nicht mehr sein“, so die jüngste Mitteilung.

Der Hinweis von European Sleeper wirft ein Schlaglicht auf zwei Problemzonen, die den Ausbau des europäischen Nachtzugnetzes behindern. Weil über viele Jahre lang kaum in Schlaf- und Liegewagen investiert wurde, ist der Markt für diese Fahrzeuge in Europa leer gefegt. Außerdem erfordert die Planung internationaler Züge immer noch komplizierte Abstimmungen – allen Europa-Sonntagsreden zum Trotz.

Neuer Nachtzug nach Stockholm startet arg gerupft

Das bekommen derzeit auch der schwedische Zugbetreiber SJ und seine Fahrgäste zu spüren. Die Schweden bekamen viel Beifall für ihre Bemühungen, die vor Jahren eingestellte Nachtzugverbindung Hamburg–Stockholm wieder aufzunehmen. Weil jedoch noch nicht alle Wagen zur Verfügung stehen, musste SJ Fahrzeuge anmieten. 

Gemütlich verreisen. Ein Blick in den neuen Komfort-Liegewagen der ÖBB. Fahrzeuge dieser Art sind im Nightjet zwischen Wien/Innsbruck und Hamburg im Einsatz.
Gemütlich verreisen. Ein Blick in den neuen Komfort-Liegewagen der ÖBB. Fahrzeuge dieser Art sind im Nightjet zwischen Wien/Innsbruck und Hamburg im Einsatz.dpa/Christian Charisius

Doch mit der zuständigen dänischen Behörde gibt es Diskussionen, die andauern. Beobachter befürchten, dass die Premierenfahrt am 1. September und weitere Fahrten nur mit Liegewagen, ohne Sitz- und Schlafwagen stattfindet. „SJ Euronight wurde in Schweden und Deutschland zugelassen, aber wir warten noch auf die Zulassung in Dänemark“, teilte das Unternehmen mit. „SJ, die dänische Zivilluftfahrt- und Eisenbahnbehörde und die Eisenbahnagentur der Europäischen Union arbeiten hart daran, dass wir die endgültigen Genehmigungen so schnell wie möglich erhalten.“

Es gibt aber auch noch ein weiteres Thema: Auch für Nachtzüge werden Entgelte für die Nutzung von Bahnstrecken und Bahnhöfen fällig. In Deutschland sind die Trassenpreise relativ hoch, analysieren Experten. Das sei ein Grund dafür, warum der Nachtzug Berlin–Wien–Graz einen Umweg über Polen nimmt, hieß es. Hinzu kommen schon oft beklagte Benachteiligungen der Bahn im Vergleich zum Flugverkehr, die Kosten, Preise und damit die Wettbewerbsfähigkeit negativ beeinflussen. So wird für internationale Bahntickets in Deutschland Mehrwertsteuer erhoben, während internationale Flugtickets davon befreit sind. Luftverkehr ist energiesteuerfrei, Bahnverkehr weiterhin nicht.

Hohe Trassenpreise und Verzerrungen des Wettbewerbs

„Ein eigenwirtschaftlicher Betrieb von Nachtzügen in Deutschland ist in der Regel nicht möglich aufgrund der hohen Trassenpreise und der Wettbewerbsverzerrungen zum Flugverkehr. Der Nachtzug nach Graz funktioniert nur deshalb, weil er durch Polen und Österreich direkt oder indirekt bezuschusst wird und die Trassenpreise in Polen niedrig sind“, gibt der Berliner Verkehrsexperte Jürgen Murach, Mitglied im Fachausschuss Mobilität der SPD Berlin, zu bedenken. Staatliche Zuschüsse für Nachtzüge würden auch in Schweden, Finnland, Norwegen, Italien und selbst in den USA gezahlt.

„Alternativ zu einer Bezuschussung, die unter Wettbewerbsgesichtspunkten problematisch ist, gäbe es auch die Möglichkeit, die Trassenpreise zu senken oder Nachtzüge aus klimaschutzpolitischen Gründen völlig von den Trassenpreisen zu befreien“, so Murach weiter. Dies sei Sache der Bundesregierung. Alternativ wäre auch denkbar, dass der Staat die Bahnunternehmen wie in Österreich und Polen unterstützt – zum Beispiel wenn es darum geht, Schlafwagen und Mehrsystem-Lokomotiven für den grenzüberschreitenden Verkehr zu beschaffen. So oder so: Nachtzüge sind ein komplexes und kompliziertes Geschäftsfeld.