„Highway to Hell“: Linke will Wohnhäuser auf der A100-Trasse

Im Jahr 2024 soll die Autobahn von Neukölln nach Treptow eröffnet werden, so der Bund. Doch nun wurde die Forderung nach Baustopp und Rückbau bekräftigt.

Baustelle der A100: Bauabschnitt Höhe Dieselstraße in Berlin-Treptow
Baustelle der A100: Bauabschnitt Höhe Dieselstraße in Berlin-Treptowimago/Jürgen Held

Der Bauherr hat eine gute Nachricht für die Kraftfahrer in Berlin. Wenn es mit der Verlängerung der A100 weiter so vorangeht wie erwartet, dann wird die Stadt in weniger als zweieinhalb Jahren eine neue Autobahn haben. „Die Verkehrsfreigabe ist weiterhin für Dezember 2024 geplant“, sagte Ralph Brodel, Sprecher der bundeseigenen Autobahn GmbH, der Berliner Zeitung. Doch Katalin Gennburg und ihre Mitstreiter wollen verhindern, dass der Abschnitt zwischen Neukölln und Treptow in Betrieb geht. Bei einem Baustellenrundgang, zu dem die Linken-Abgeordnete eingeladen hatte, wurde ein Gegenvorschlag präsentiert: Auf der Trasse könnten bis zu 8800 Wohnungen entstehen.

„Das ist eine unfassbar deprimierende Baustelle“, sagt Katalin Gennburg. Sie steht in der Abendsonne auf einer sandigen Zufahrt abseits der Kiefholzstraße. Hinter ihr arbeiten Männer an Verschalungen, Kräne und Baumaschinen stehen bereit. Die Kippmulden für Altmaterial sind rumänisch beschriftet: „Lemn“ für Holz, „Fier“ für Eisen. An einer Betonwand hängt ein Transparent, das von einer der vielen Protestaktionen auf der Autobahnbaustelle zurückgeblieben ist. „Musizieren statt betonieren“, steht darauf. Doch das Protestkonzert der Gruppe „Lebenslaute“ ist lange vorbei. Jetzt wird an diesem Teil des 16. Bauabschnitts wieder gearbeitet, und weitere Etappen stehen an.

Keine Lärmschutzwand, nur ein Fledermauszaun

Auf der To-do-Liste steht aktuell die „Herstellung der letzten zwei Baugruben für das Trogbauwerk“, berichtet Ralph Bordel. Das bedeute, dass der künstliche Geländeeinschnitt, der derzeit noch vor der Ringbahnbrücke an einer Wand mit dem Graffito „Highway to Hell“ endet, weitergebaut wird. Die Herstellung der tiefliegenden Entwässerungsleitung für die Hauptfahrbahn, die Errichtung von Lärmschutzwänden und Lärmschutzbekleidungen sowie der weitere technische Ausbau gehören ebenfalls zum Arbeitsprogramm der nächsten Monate. Die Botschaft der Autobahn GmbH ist klar: Es wird weiter gearbeitet – egal, wie manche Berliner über das Projekt denken.

An der Autobahn-Baustelle am Ende der Beermannstraße in Treptow: Ex-Bausenatorin Katrin Lompscher und Katalin Gennburg, Abgeordnete der Linken  und Sprecherin für Stadtentwicklung.
An der Autobahn-Baustelle am Ende der Beermannstraße in Treptow: Ex-Bausenatorin Katrin Lompscher und Katalin Gennburg, Abgeordnete der Linken und Sprecherin für Stadtentwicklung.Berliner Zeitung/Peter Neumann

Katalin Gennburg macht aus ihrer Einschätzung keinen Hehl. Das Vorhaben passe nicht in eine Zeit, in der über Klimakrise und Erderhitzung diskutiert wird, meint sie. Die bis zu sechsstreifige Autobahn, die vom Dreieck Neukölln zur Straße Am Treptower Park führen soll, werde die Stadt zerschneiden und viele Menschen belasten, kritisiert die Abgeordnete, die im Treptower Norden ihren Wahlkreis hat. „Zu unserer Seite wird es keine Lärmschutzwand geben, nur einen Fledermauszaun.“ Bäume wurden gefällt, an der Beermannstraße fielen zwei große Mietshäuser dem Abrissbagger zum Opfer.

Mit einem Bauschild weist die bundeseigene Autobahn GmbH auf ihr Berliner Projekt, die Verlängerung der A100 von Neukölln nach Treptow, hin. Das Enddatum stimmt nicht mehr: Die Eröffnung ist nun für Ende 2024 geplant.
Mit einem Bauschild weist die bundeseigene Autobahn GmbH auf ihr Berliner Projekt, die Verlängerung der A100 von Neukölln nach Treptow, hin. Das Enddatum stimmt nicht mehr: Die Eröffnung ist nun für Ende 2024 geplant.Berliner Zeitung/Peter Neumann

Noch immer kein Verkehrskonzept

Das Autobahnprojekt werde sich auch weit nach Friedrichshain und Kreuzberg hinein auswirken. Denn der Verkehr, der über die A100 heranströmt, wird rund um den Endpunkt hinter dem Park-Center die Straßen weiträumig verstopfen. „Bis heute gibt es kein Verkehrskonzept“, sagt sie.

Vielleicht stecke dahinter auch Methode, sagt ein Mitglied der Bürgerinitiative A100. Es soll Druck erzeugt werden, damit es gegen die vom Bund geplante Fortsetzung des Stadtrings über die Spree hinweg zur Frankfurter Allee und zur Storkower Straße keinen Widerstand mehr gibt, argwöhnt er. Doch der 17. Bauabschnitt würde noch komplizierter als der 16., sagt die frühere Bausenatorin Katrin Lompscher, die an dem vom Bildungswerk „Helle Panke“ organisierten Rundgang teilnimmt. Die Ex-Senatspolitikerin weiß: „Dieses Projekt wird noch größere Eingriffe erfordern“ – zum Beispiel beim Bau des zweistöckigen Tunnels in der Neuen Bahnhofstraße, für den alle Versorgungsleitungen aus dem Untergrund geräumt werden müssten, wie der Vertreter der Initiative sagt. Mit Gesamtkosten in Milliardenhöhe wird gerechnet.

Autobahn GmbH: Im Moment liegen die Baukosten noch im Rahmen

Dabei sei der 16. Bauabschnitt nach Treptow schon kostspielig genug. „Aktuell befindet sich das Projekt im Rahmen der genehmigten Baukosten in Höhe von 613 Millionen Euro“, so die Autobahn GmbH. „Eine Erhöhung der Gesamtkosten ist auf Grund der Preissteigerungen bei Bauleistungen und Materialien wahrscheinlich.“

Highway to Hell – Autobahn zur Hölle. Das Graffito markiert die Wand, an der die Trogstrecke der neuen Autobahn derzeit endet. Künftig soll der Geländeeinschnitt unter der Ringbahn (im Hintergrund) weiter nach Norden führen.
Highway to Hell – Autobahn zur Hölle. Das Graffito markiert die Wand, an der die Trogstrecke der neuen Autobahn derzeit endet. Künftig soll der Geländeeinschnitt unter der Ringbahn (im Hintergrund) weiter nach Norden führen.Berliner Zeitung/Peter Neumann

Der Stadtplaner Tim Lehmann präsentiert seine Machbarkeitsstudie, die vor fünf Jahren für Diskussionen gesorgt hätte. Anstelle der Autobahn könne ein Band aus Domizilen für bis zu 22.000 Menschen entstehen – bis zu 18 Hochhäuser und mehr als 80 Achtgeschosser. So könnte ein autofreies Quartier mit hoher Dichte entstehen, das sich durch das größtenteils grüne Umfeld zieht.

Katrin Lompscher und Katalin Gennburg finden das Konzept sympathisch. „In den betroffenen vier Bezirken sollten sich jetzt Menschen zusammenfinden und des Themas annehmen“, sagt die Ex-Senatorin. „Wir sollten das Zeitalter des Stadtautobahnbaus beenden und das Zeitalter des Stadtautobahnrückbaus einleiten“, so die Abgeordnete. Noch vor fünf Jahren sei sie dem Wolkenkuckucksheim zugerechnet worden, wenn sie ein Ende des Autobahnbaus forderte, erinnert sich Gennburg. Doch sie sei weiterhin zuversichtlich, dass ein Baustopp möglich sei. „Jetzt erst recht.“