Das Pendeln zwischen Berlin und Brandenburg ist für Nutzer von S- und Regionalbahnen meistens kein großes Vergnügen: Die Züge sind im Berufsverkehr voll, es ist schwer, einen Sitzplatz zu ergattern. Das soll sich ändern. Berlin, Brandenburg und die Deutsche Bahn als Anbieter schlossen eine Rahmenvereinbarung ab: Für acht Korridore zwischen beiden Bundesländern soll ermittelt werden, welche Ertüchtigungen, Erweiterungen oder Neubauten nötig sind, um den wachsenden Bedarf an Schienenverkehr zu bewältigen.

Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) erklärte bei der Unterzeichnung: „Wir müssen für die Pendler eine Alternative zum Auto schaffen.“ Das sei schon alleine dafür nötig, um die Luftverschmutzung durch den Autoverkehr zu verringern.

Wie groß der Druck ist, zeigen Günthers Zahlen: 300 000 Menschen pendeln demnach täglich aus Brandenburg nach Berlin, 180 000 in die andere Richtung. Wie viele davon die Bahnen nutzen, ist nicht bekannt. Aber allein im Regionalverkehr ohne S-Bahn bewältigte der Verkehrsverbund VBB voriges Jahr rund 81 Millionen Passagiere. 1999 war es noch die Hälfte. Man kann davon ausgehen, dass der Löwenanteil von Pendlern gestellt wird.

Kathrin Schneider (SPD), Infrastrukturministerin Brandenburgs, sieht in der Vereinbarung eine Chance, bei der Verkehrsplanung in Vorhand zu kommen und nicht immer erst dann zu reagieren, wenn der Bedarf bereits übergroß ist. Sie beklagte, dass sie keine neuen Zugverbindungen bestellen könne, weil es zu weinige Gleise gebe. Die Korridore seien gut, weil sie der brandenburgischen Landesplanung entsprechen: Siedlungen sollen entlang der Bahnstrecken wachsen.

Einmalige Vereinbarung

Ronald Pofalla, für die Infrastruktur verantwortliches Mitglied des Bahn-Vorstands, lobte die Vereinbarung als einmalig in Deutschland. Sie sei erforderlich, weil Berlin bis 2030 um 300 000 auf 3,8 Millionen Einwohner wachsen werde, auch die Bevölkerungszahl im Speckgürtel wachse. Bessere Eisenbahnverbindungen dienten der Erreichbarkeit der Hauptstadt und der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit Brandenburgs.

Die Korridore sind: Spandau– Nauen, Stammbahn Berlin–Potsdam, Gesundbrunnen–Velten, Nordbahn und Heidekrautbahn (Gesundbrunnen–Oranienburg beziehungsweise Gesundbrunnen–Basdorf), der RE1 Magdeburg–Berlin–Frankfurt (Oder)–Cottbus, der Raum Rangsdorf, Berlin–Königs Wusterhausen – Cottbus sowie eingleisige S-Bahn-Abschnitte wie Wannsee–Griebnitzsee.

Was am Ende der Planung herauskommt, ist ungewiss: Beim RE1 könnten Bahnsteige in Brandenburg verlängert werden, um mehr Wagen an die Züge hängen zu können. Die S-Bahn könnte von Blankenfelde nach Rangsdorf und von Spandau nach Falkensee verlängert werden. Wo Platz ist, sind parallele Gleise von S- und Regionalbahn denkbar, sagte die brandenburgische Ministerin Schneider.

Einen Zeitrahmen, wann die Planungen abgeschlossen sind, konnte aber weder sie noch Senatorin Günther nennen. Bekannt ist derzeit lediglich, dass am 29. November erstmals ein Steuerungsgremium zusammentritt. Auch die Finanzierung steht noch nicht in den Haushalten: Berlin und Brandenburg müssen die Planungen bezahlen. Der Bund wird sie rückwirkend übernehmen, sagte Pofalla, wenn die Bauarbeiten wirklich in Angriff genommen und vom Bund bezahlt werden.

Trotzdem "zu wenig"?

Florian Müller vom Fahrgastverband Igeb lobte die Vereinbarung, auch wenn sie Jahre zu spät komme: „Es ist gut, dass die Dringlichkeit der Planung politisch erkannt wurde.“ Zu begrüßen sei, dass die Planungen für regionale Verbindungen nicht mehr vom Bundesverkehrswegeplan abhängig seien, aus dem Projekte auch wieder herausfallen könnten, ohne dass die Länder darauf Einfluss nehmen können. Müller sieht besonderen Bedarf, dass die S-Bahn überall zweigleisig ausgebaut werden muss.

Rainer Genilke, verkehrspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Potsdamer Landtag, hatte Spott für die Vereinbarung übrig: „Seit drei Jahren untersucht die Landesregierung die Korridore – und was kommt raus? Eine Arbeitsgruppe.“ Es würde geprüft und geprüft, dabei stehe schon jetzt außer Frage, dass zum Beispiel die S-Bahn nach Velten verlängert werden müsse. Der Plan umfasse außerdem nur den sogenannten „engeren Verflechtungsraum“ umfasse, also etwa 20 Kilometer jenseits der Berliner Stadtgrenze. Genilke: „Das ist zu wenig.“