Harte Zeiten für Kontrolleure: Kaum noch Schwarzfahrer in Berlin

Neue Zahlen zeigen, dass im Sommer fast alle Nutzer der BVG und der S-Bahn gültige Tickets hatten. Ein Linken-Abgeordneter erklärt, warum das so war. 

Fahrkartenkontrolle: Ein Ticket wird gescannt.
Fahrkartenkontrolle: Ein Ticket wird gescannt.dpa/Daniel Karmann

„Erschleichen von Leistungen“: So nennen es Juristen, wenn Menschen ohne gültigen Fahrschein Bus oder Bahn fahren. Doch in den vergangenen Monaten sah es so aus, als stünde die Spezies der Schwarzfahrer vor dem Aussterben. Der Anteil der Fahrgäste, die bei Kontrollen ohne Ticket angetroffen wurden, ging im Sommer in Berlin auf knapp ein Prozent zurück. Das teilte der Senat auf eine parlamentarische Anfrage des Linken-Abgeordneten Sebastian Schlüsselburg hin mit. Hauptgrund war offenbar, dass das 9-Euro-Ticket auch Menschen mit wenig Geld eine Möglichkeit gab, den Nahverkehr legal zu nutzen. „Ich gehe davon aus, dass sich die positive Entwicklung auch unter dem 29-Euro-Abo fortsetzt“, sagte der Rechtspolitiker Schlüsselburg der Berliner Zeitung.

Für wenig Geld in ganz Deutschland mit dem Nah- und Regionalverkehr fahren: Das 9-Euro-Ticket machte es im Juni, Juli und August möglich. Die als Ergänzung zum Tankrabatt ersonnene Netzkarte sollte die Deutschen angesichts steigender Energiekosten entlasten. Das Super-Sonderangebot verschaffte Menschen mit geringem Einkommen Reisemöglichkeiten, die sie bisher in dieser Form nicht hatten. Auch innerhalb von Berlin wurde die neue Mobilitätsoption genutzt. „Fahrgäste, die bisher lieber durch die hintere Tür in den Bus kamen, stiegen nun vorn ein und zeigten mir stolz ihr 9-Euro-Ticket“, erzählte ein Busfahrer der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG).

In Berlin wurde das 9-Euro-Ticket 4,5 Millionen Mal gekauft

Für Experten ist es kein Wunder, dass das Ticket in Berlin im Deutschland-Vergleich überdurchschnittlich häufig erworben wurde. Das liegt nicht nur daran, dass das Durchschnittseinkommen niedriger ist als in anderen Regionen und viele Berliner auf den Cent achten müssen. Weil das Nahverkehrsangebot gut ist, ließen sich auch Menschen, die sonst anders unterwegs sind, zu Schnupperfahrten verführen. Und so verkaufte das Landesunternehmen BVG rund 3,3 Millionen 9-Euro-Tickets, während die S-Bahn Berlin circa 1,2 Millionen der preiswerten bundesweiten Monatskarten absetzte.

Nun steht fest, dass sich das bislang einzigartige Sonderangebot auch bei den Schwarzfahrerzahlen bemerkbar gemacht hat. Das geht aus der Antwort von Verkehrsstaatssekretärin Meike Niedbal (Grüne) auf die Anfrage von Sebastian Schlüsselburg hervor. Demnach wurden von Juni bis August dieses Jahres mehr als 1,4 Millionen Fahrgäste der BVG nach ihren Tickets gefragt. Davon konnten 19.140 keinen gültigen Fahrschein vorweisen. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum des Vorjahres hatten 74.093 BVG-Fahrgäste kein gültiges Ticket dabei.

Bei der S-Bahn wurden nur knapp 9000 Schwarzfahrer angetroffen

Bei der S-Bahn Berlin wurden von Juni bis August mehr als 1,1 Millionen Fahrgäste kontrolliert. Davon wurden 8856 ohne gültigen Fahrschein angetroffen. Auch hier ergibt der Vergleich mit demselben Zeitraum des Vorjahres eine starke Abnahme. Damals gingen den Fahrscheinprüfern der S-Bahn immerhin 68.518 Schwarzfahrer ins Netz, wie die Zahlen des Senats zeigen.

Eine Konsequenz ist, dass auch die Quoten gesunken sind. Während der Gültigkeit des 9-Euro-Tickets betrug der Anteil der Menschen, die bei Kontrollen der BVG ohne gültiges Ticket angetroffen wurden, 1,36 Prozent. Im gesamten Jahr 2021 waren es dagegen 4,16 Prozent. Bei der S-Bahn betrug die Quote sogar nur noch 0,79 Prozent. Im vergangenen Jahr hatte sie sich auf 3,24 Prozent belaufen. In früheren Zeiten hatten sich die Schwarzfahrerquoten in Berlin zum Teil auf sechs Prozent summiert.

„Ein Boost für die Verkehrswende“

„Das 9-Euro-Ticket war eine echte Entlastung für viele Menschen und ist ein Boost für die Verkehrswende gewesen“, fasst Sebastian Schlüsselburg zusammen. „Es war aber auch ein rechtspolitischer Erfolg, weil die Quote der Menschen ohne Fahrschein auf ein absolutes Rekordtief gefallen ist. Das wird in den kommenden Monaten die Justiz und die Steuerzahlenden enorm entlasten, weil erheblich weniger Menschen eine Ersatzfreiheitsstrafe wegen Erschleichens von Beförderungsleistungen antreten müssen.“ Dies ist seit langem ein wichtiges Thema für den Linken-Politiker.

Damit das so bleibt, schließt der rechtspolitische Sprecher der Berliner Linken-Fraktion eine Forderung an die Ampel im Bund an. „Sie muss unverzüglich bundesweit eine Anschlusslösung für das 9-Euro-Ticket finden, die gerade auch den Einkommensschwächsten hilft. Und der Bundestag muss so schnell wie möglich den Straftatbestand des Erschleichens von Beförderungsleistungen streichen. Diese Strafnorm aus der Nazizeit kriminalisiert Armut und gehört abgeschafft“, sagte Schlüsselburg der Berliner Zeitung.

Das neue 29-Euro-Abo wurde schon mehr als 100.000-mal erworben

Wie berichtet, hat der Berliner Senat für die Monate Oktober, November und Dezember 2022 ein Nachfolgeangebot zum 9-Euro-Ticket aufgelegt, das allerdings auf das Berliner Stadtgebiet beschränkt ist. In diesen Monaten lassen sich mit dem 29-Euro-Abo die monatlichen Kosten für die Nutzung des Nahverkehrs um rund 34 Euro senken. Seit dem 26. September wurde das neue Jahresabonnement mehr als 100.000-mal erworben – wobei offenbar nicht alle Käufer Neukunden waren. So tauschten Inhaber des Seniorentickets ihr VBB-Abo 65 plus gegen das neue, preiswertere Abo um.

Die neue Offerte könnte dazu führen, dass der Anteil der Menschen, die ohne Ticket Bus und Bahn fahren, niedrig bleibt, hofft Sebastian Schlüsselburg. „Es kann aber auch sein, dass es dennoch zu einem leichten Anstieg im Vergleich zum 9-Euro-Ticket kommen könnte, weil das Ticket 20 Euro teurer ist und damit für Menschen mit ganz kleinen Einkommen oder Obdachlose vielleicht zu teuer ist. Das werden wir uns als Linksfraktion sehr genau ansehen.“