Für Autos tabu: Hackescher Markt könnte Berlins nächste neue Fußgängerzone werden

Das Altbauquartier in Mitte gehört zu den erfolgreichsten Einkaufsvierteln der Stadt. Jetzt werden Stimmen immer lauter, mehr Platz für Passanten zu schaffen.

Am Hackeschen Markt in Mitte sind fast rund um die Uhr Fußgänger unterwegs.
Am Hackeschen Markt in Mitte sind fast rund um die Uhr Fußgänger unterwegs.Berliner Zeitung/Markus Wächter

Noch müssen sich die Fußgänger am Hackeschen Markt in Mitte auf schmalen Gehwegen drängen. Auch in diesem Teil des östlichen Berliner Stadtzentrums gehört der Großteil des Straßenlandes den Autos. Doch das könnte sich ändern, denn für das beliebte Einkaufsviertel ist eine gravierende Änderung im Gespräch. „Wir wünschen uns in Mitte mehr Bereiche für Fußgänger. In diesem Zusammenhang haben wir auch den Hackeschen Markt in den Blick genommen“, sagte Almut Neumann, die für die Straßen zuständige Bezirksstadträtin, am Montag. Ein „komplexes Thema“, gab Berlins Mobilitätssenatorin Bettina Jarasch (ebenfalls Grüne) zu bedenken. „Doch zusammen mit der Deutschen Umwelthilfe prüfen wir jetzt, was machbar wäre.“

Rosenthaler Straße, Neue Schönhauser Straße, An der Spandauer Brücke, das östliche Ende der Oranienburger Straße: Die schmalen Straßen des Altbauquartiers unweit vom Alexanderplatz gehören zu den erfolgreichsten Shopping-Distrikten von Berlin. Im vergangenen Jahr ermittelte der Gewerbeimmobilien-Vermieter Comfort, dass am Hackeschen Markt im Schnitt bis zu 7500 Fußgänger pro Stunde unterwegs sind. Damit kam der Bereich nach dem Kurfürstendamm/Tauentzienstraße, wo stündlich bis zu 8500 Passanten gezählt wurden, und dem Alexanderplatz (rund 8000) unter den sechs untersuchten Berliner Einkaufsstraßen auf einen beachtlichen dritten Platz.

Bezirksstadträtin Neumann: „Ein wichtiges und sichtbares Projekt“

Am Hackeschen Markt ist nicht nur tagsüber, wenn die Geschäfte offen sind, viel los. Auch abends und am Wochenende sind hier viele Menschen unterwegs. Kinos, Theater sowie Restaurants ziehen Einheimische und Touristen gleichermaßen an. Vor allem für junge Menschen ist die hippe Gegend ein Anziehungspunkt. Da drängt sich die Frage auf: Wäre es nicht sinnvoll, dort dauerhaft einen Fußgängerbereich einzurichten – mehr noch als in der Friedrichstraße? Nun werden Stimmen, die das fordern, immer lauter.

„Der Hackesche Markt sollte autofrei werden. Das ist ein wichtiges und sichtbares Projekt, das ich mir mittelfristig wünsche“, hatte Almut Neumann der Berliner Zeitung im Sommer mitgeteilt. Es würde diesen Ort „enorm entspannen“, wenn dort keine Autos mehr fahren dürfen. „Natürlich muss dort Lieferverkehr möglich sein.“ Auch Straßenbahnen und Fahrräder sollten sich weiterhin bewegen können, so die Stadträtin.

2023 wieder Sitzbänke und Blumenkübel auf der Friedrichstraße

Am Montag bekräftigte die Grünen-Politikerin ihre Einschätzung, dass autofreie Gebiete sinnvoll sind – vor allem dort, wo viele Fußgänger unterwegs sind. Der Hackesche Markt stünde auf ihrer Prioritätenliste oben, so Neumann. „Am Potsdamer Platz entsteht gerade ein Fußgängerbereich“, berichtete die Stadträtin. In Abstimmung mit dem privaten Straßeneigentümer bereite der Bezirk eine Teileinziehung vor. Motorisierter Individualverkehr wäre dann dort nicht mehr zulässig.

Wie berichtet ist dies auch für die Friedrichstraße geplant. Zwar muss der Abschnitt zwischen der Leipziger und der Französischen Straße, der seit dem Sommer 2020 autofrei ist, aufgrund einer Gerichtsentscheidung in der Nacht zu Mittwoch wieder für Kraftfahrzeuge geöffnet werden. Doch Bezirk und Senat bekräftigten am Montag, dass er bald danach wieder gesperrt und dann exklusiv Fußgängern zur Verfügung stehen wird. „Wir arbeiten an der Begründung der geplanten Teileinziehung, damit sie gerichtsfest wird“, sagte Bettina Jarasch. Noch in diesem Jahr soll die Verfügung erlassen werden. Anfang 2023, vielleicht im Januar, würden dann wieder Barrieren aufgestellt – und dazwischen, im neuen Fußgängerbereich, Sitzbänke und Blumen, mehr als bislang.

Die Friedrichstraße in Mitte. Bis vor kurzem standen Sitzgelegenheiten und Blumenkübel auf der Fahrbahn. In der Nacht zu Mittwoch muss der Abschnitt rund um die Galeries Lafayette wieder für Kraftfahrzeuge geöffnet werden, vorübergehend. Obwohl das Verbot am Montag noch galt, waren dort schon wieder Autos unterwegs.
Die Friedrichstraße in Mitte. Bis vor kurzem standen Sitzgelegenheiten und Blumenkübel auf der Fahrbahn. In der Nacht zu Mittwoch muss der Abschnitt rund um die Galeries Lafayette wieder für Kraftfahrzeuge geöffnet werden, vorübergehend. Obwohl das Verbot am Montag noch galt, waren dort schon wieder Autos unterwegs.Berliner Zeitung/Markus Wächter

Auch die Mobilitätssenatorin hält es für sinnvoll, den Hackeschen Markt und dessen Umfeld künftig den Fußgängern zu überlassen. Unterstützung kommt laut Jarasch von der Deutschen Umwelthilfe – jener Umwelt- und Verbraucherschutz-Organisation, die sich Themen wie Klimaschutz, Luftreinhaltung und Mobilitätswende auf die Fahnen geschrieben hat. Der gemeinnützige Verein setze sich dafür ein, Innenstadtbereiche autofrei zu machen, und arbeite dabei mit dem Senat zusammen, berichtete die Senatorin. Der Hackesche Markt sei nicht weit von der Berliner Geschäftsstelle entfernt.

Grünen-Politiker sprachen sich am Montag ebenfalls dafür aus, in diesem Teil von Mitte einen Fußgängerbereich einzurichten. „Das wäre sehr sinnvoll“, sagte Oda Hassepaß, als verkehrspolitische Fraktionssprecherin für den Fußverkehr zuständig. Anders als in der Friedrichstraße seien rund um den Hackeschen Markt viele Menschen zu Fuß unterwegs, sagte die Abgeordnete. Wenn man dort einen Fußgängerbereich abstecken würde, würde sich diese Maßnahme ganz von selbst erklären – anders als an der Friedrichstraße, wo dies immer wieder hinterfragt wurde. Am Hackeschen Markt sei der „Fußverkehr der vorherrschende Verkehr“, pflichtete Stefan Lehmkühler, Grünen-Politiker aus Mitte, bei. „Nun geht es darum, pragmatisch zu handeln – und Fakten zu schaffen.“

2002 war der Hackesche Markt schon einmal für Autos tabu

Zumindest probeweise ist der Hackesche Markt schon einmal für Kraftfahrzeuge gesperrt worden. Das war 2002 – damals beklagten sich Anwohner allerdings über Ausweichverkehr. Auch angrenzende Bereiche bieten sich für eine Entlastung vom motorisierten Individualverkehr an, erklärte das Bezirksamt. Viele Autos seien dort nicht mehr unterwegs, berichteten Beobachter.

Bettina Jarasch und Almut Neumann trafen sich am Montagmorgen, um die jüngste Fahrradstraße im Bezirk Mitte zu eröffnen. Noch sind nicht alle Markierungen in der Charlottenstraße fertig, hieß es. Auch einige Verkehrszeichen fehlen. „Schildermangel“, erklärte Laura Fritsche vom Straßen- und Grünflächenamt. Doch in zwei Wochen soll die neue Gestaltung fertig sein. Grüne Fahrbahnmarkierungen, die Auto- und Radfahrer über die neue Aufteilung informieren sollen, ergänzen die weißen Striche auf der Straße, die nach der Straßenverkehrsordnung einzig rechtlich relevant sind.

Anradeln bei –1 Grad Celsius: Bezirksstadträtin Almut Neumann (l.) und Mobilitätssenatorin Bettina Jarasch am Montag auf der Charlottenstraße in Mitte. Der Abschnitt zwischen der Leipziger Straße und Unter den Linden gilt nun als Fahrradstraße.
Anradeln bei –1 Grad Celsius: Bezirksstadträtin Almut Neumann (l.) und Mobilitätssenatorin Bettina Jarasch am Montag auf der Charlottenstraße in Mitte. Der Abschnitt zwischen der Leipziger Straße und Unter den Linden gilt nun als Fahrradstraße.Berliner Zeitung/Markus Wächter

Auf dem Teilstück, das sich zwischen der Leipziger Straße und Unter den Linden erstreckt, haben Fahrräder nach der Ausschilderung durchgehend Vorrang. Für Kraftfahrzeuge gilt: Anlieger frei. Zudem ist der Abschnitt in mehrere gegenläufige Einbahnstraßen aufgeteilt worden, die Durchgangsverkehr verhindern sollen. Allerdings halten sich längst nicht alle Kraftfahrer daran.

„Das finden wir wahnsinnig ärgerlich“, so Neumann. Die neuen Regelungen würden zu oft ignoriert. Das Bezirksamt habe die Polizei gebeten, die Charlottenstraße „schwerpunktmäßig zu kontrollieren“, sagte die Stadträtin.

Bündnis „Rettet die Friedrichstraße“ ist skeptisch

Die neue Fahrradstraße, die im Berliner Radverkehrsplan vorgesehen ist, stößt auf Kritik. So monieren Radfahrer, dass die Einbahnstraßenregelung die Zufahrt von der Straße Unter den Linden ermöglicht. Normalerweise würden solche Regelungen so konzipiert, dass Fahrradstraßen von Hauptverkehrsstraßen aus nicht direkt erreichbar seien. Die vielen Ein- und Ausfahrten entlang der Charlottenstraße seien Gefahrenstellen, heißt es weiter.

Auch beim Bündnis „Rettet die Friedrichstraße“, das sich gegen die verkehrspolitischen Maßnahmen in diesem Teil von Mitte wendet, gibt es Skepsis. Die gegenläufigen Einbahnstraßen machten den Bereich schwerer erreichbar, so der Zusammenschluss.„Halten Sie die neue Fahrradstrasse in der Charlottenstraße für sicher?“ fragt Anja Schröder, Inhaberin einer Weinhandlung. Sie hat die Entscheidung des Verwaltungsgerichts zur Friedrichstraße erstritten. „Zufahrt zu 1300 Tiefgaragenstellplätze (übrigens immer voll) Lieferverkehr zu 11 Restaurants und Zufahrten zu 3 Hotels…“