Neu in Berlin: Bei der BVG fährt ein elektrischer Doppeldeckerbus

Einstöckige Elektrobusse rollen bereits durch Berlin, E-Doppeldecker gab es bisher nicht. Die Premiere zum BVG-Tarif findet auf einer besonderen Buslinie statt.

Endstation Pfaueninsel: der Elektro-Doppeldecker an der südlichsten Haltestelle der Linie 218
Endstation Pfaueninsel: der Elektro-Doppeldecker an der südlichsten Haltestelle der Linie 218Ingenieurgesellschaft Auto und Verkehr (IAV)

Leise durch die Stadt gleiten, ohne Lärm und Abgase. In Berlin steht eine Premiere der besonderen Art auf dem Programm. Nach einem ersten Probelauf Ende September wird an diesem Donnerstag ein elektrischer Doppeldeckerbus im Nahverkehr eingesetzt – auf einer Strecke der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Das auf Batterieantrieb umgerüstete Fahrzeug soll auf der Linie 218 die Heerstraße entlang, dann durch den Grunewald nach Wannsee und zur Pfaueninsel-Fähre fahren. Der Bus wird mehrere Touren absolvieren, in einem Umlauf, der normalerweise mit historischen Bussen der Traditionsbus Berlin gefahren wird. Wer mitreisen will: Ein ganz normales BVG-Ticket genügt.

Zu Beginn dieser Woche stand der E-Doppeldecker, der eine Reichweite von rund 120 Kilometern hat, noch in der Werkstatt. Doch die Betreiber rechnen fest damit, dass er zum Fahrtermin fit ist. Vorgesehen ist, dass der Bus am 13. Oktober um 8.50 Uhr am Bahnhof Wannsee startet – um zur Pfaueninsel, genauer gesagt zum Anleger auf der Festlandseite, zu fahren. Von dort geht es um 9.04 Uhr zurück über Wannsee, die Havelchaussee und die Heerstraße zum S-Bahnhof Messe Nord/ICC in Witzleben.

Einsatz im Berliner Nahverkehr ist „ein Meilenstein“

„Dort trifft der Bus laut Plan um 9.55 Uhr ein und hat an der Endhaltestelle Herbartstraße etwa eine Viertelstunde Aufenthalt, bevor er um 10.11 Uhr wieder Richtung Pfaueninsel rollt“, sagt Andreas Cremer von der Ingenieurgesellschaft Auto und Verkehr, kurz IAV. Er hofft auf ein reges Interesse. Nicht ohne Grund: Die Busszene will da sein. Ob es weitere Einsatztage auf der Linie 218 geben wird, ist noch nicht bekannt.

Das Berliner Unternehmen, das vor fast vier Jahrzehnten von Wissenschaftlern der Technischen Universität gegründet wurde, bietet sich mit mittlerweile weltweit rund 8000 Beschäftigten als Hochtechnologiedienstleister der Kraftfahrzeugindustrie an. Hauptgesellschafter ist Volkswagen. Die IAV setzt den Doppelstockbus als rollendes Demonstrationsobjekt ein: Die Ingenieure und Techniker haben den Dieselantrieb aus- und den von ihnen entwickelten Teilesatz IAV Elcty eingebaut. So wurde der ehemalige Wagen 3679 der BVG, der 1988 in Dienst gestellt wurde, „elektrisiert“. 2007 war er von dem Landesunternehmen ausgemustert worden. Danach wurde das Fahrzeug vom früheren Geschäftsführer der Berlin City-Tour erworben und als Schulbus eingesetzt.

Der umgebaute Bus war einst für die BVG im Einsatz. Nun dient der MAN D 88 mit Potsdamer Kennzeichen als rollender Werbeträger für den Teilesatz IAV Elcty, mit dem sich Dieselbusse auf Elektroantrieb umrüsten lassen.
Der umgebaute Bus war einst für die BVG im Einsatz. Nun dient der MAN D 88 mit Potsdamer Kennzeichen als rollender Werbeträger für den Teilesatz IAV Elcty, mit dem sich Dieselbusse auf Elektroantrieb umrüsten lassen.IAV

„Der Start des Fahrgastbetriebes auf der Linie 218 ist für unseren hochmodernen Teilesatz ein Meilenstein. Wir erbringen damit den Beweis, dass unsere Technologie sowohl bei Bestands- als auch bei Neufahrzeugen für den Linienbetrieb geeignet ist“, sagt Utz-Jens Beister, der als Produktmanager bei der IAV den Bereich der E-Mobilität betreut.

Es ist nicht der einzige Doppeldecker, den die IAV-Leute mit einem Elektroanrieb ausgestattet haben. Insgesamt vier Busse sind bereits umgerüstet worden. Ein Fahrzeug, das einst bei der Lübeck-Travemünder Verkehrsgesellschaft im Einsatz war, wird in Dresden bei Stadtrundfahrten getestet. Zwei ältere Doppeldecker vom Typ SD 200, Baujahr 1975 und 1976, stehen aktuell bei der IAV am Standort Gifhorn zur Erprobung.

In einen Dresdener Stadtrundfahrtbus wird IAV Elcty gerade eingebaut – in der Elbestadt sollen künftig 25 Doppeldecker elektrisch fahren. Der Bund gibt Fördergeld.

Alte Doppeldecker sind in vielen Städten als Stadtrundfahrtbusse unterwegs

Der Umbausatz der IAV passt in Doppeldecker der Typen MAN SD200 und MAN SD202. Nachdem sie viele Jahre lang für die BVG in Berlin, aber auch in Lübeck Fahrgäste befördert haben, sind solche Fahrzeuge vielerorts als Stadtrundfahrtbusse im Einsatz. Sie fahren zum Beispiel in Kiel, Schwerin, Nürnberg, Leipzig und Potsdam – dort zurzeit noch mit Dieselantrieb. „Wir sehen also noch einiges Potenzial“, so IAV-Sprecher Robin Kittelmann.

„Dank IAV Elcty können Busse drei Leben haben“, sagt er. „Im ersten Leben waren sie im Nahverkehr unterwegs, dann dienten sie als Diesel-Stadtrundfahrtbusse. Nun fahren sie elektrisch“ – ohne lokale Emissionen, fast geräuschlos.

Für E-Fahrzeuge passt die Route des 218er perfekt. Die Ausflugslinie führt über weite Abschnitte durch Wald – und wer möchte auf der Havel- oder Pfaueninselchaussee schon gern Abgase riechen? Doch natürlich sind Fahrzeuge ohne lokale Emissionen auch in dicht bebauten Stadtgebieten richtig. „Wenn wir über nachhaltige Mobilität sprechen, geht es vor allem um unsere Städte“, sagt Robin Kittelmann. Dort müsse die Belastung sinken, müsse Mobilität leiser und sauberer werden.

In der Berliner Busszene wird bestätigt, dass die Fahrten auf der BVG-Linie im Westen der Stadt tatsächlich etwas Besonderes sind. „Im Berliner Stadtlinienverkehr sind sie meines Wissens eine Premiere. Allerdings gab es am 28. September bereits einen Probelauf auf der Linie 218, um festzustellen, wie betriebsstabil das Fahrzeug ist.“

Fahrgäste mit BVG-Tickets können bei fahrplanmäßigen Fahrten erleben, wie es sich anfühlt, mit einem Elektro-Doppeldecker durch die Stadt zu fahren. Es sind Schnupperfahrten der besonderen Art, deutschlandweit ein Novum. „Wir freuen uns, dass die BVG diesen Einsatz ermöglicht“, so Robin Kittelmann. Ein Dank gehe auch an die Arbeitsgemeinschaft Traditionsbus Berlin, die im Auftrag der BVG für den Busbetrieb auf der Strecke verantwortlich ist.

Reise in die Vergangenheit zum BVG-Tarif

Die Linie 218 ist als Testfeld ideal: Werktags ist dort wenig los. Sie gilt zudem als eine der schönsten Busrouten in Berlin. Sie bringt nicht nur Ausflügler zur Pfaueninsel-Fähre, die Busse halten unter anderem auch am Grunewaldturm, am Wirtshaus Schildhorn oder in der Nähe von Badestellen wie der Lieper Bucht. Im Grunewald findet man versteckte Sehenswürdigkeiten wie den „Friedhof der Namenlosen“, auf dem die als Nico bekannte Musikerin Christa Päffgen von der US-Band Velvet Underground begraben liegt.

Doch die größte Besonderheit sind die Fahrzeuge, die auf der Linie 218 zum regulären BVG-Tarif genutzt werden können. Seit April 2000 setzt die Traditionsbus Berlin dort historische Doppeldecker ein. Damit wird die Fahrt zu einer Reise in die West-Berliner Vergangenheit. Zunächst dominierte der Typ Büssing DE. Dazu zählte der Bus 2437, der seinen millionsten Kilometer auf dieser Ausflugslinie absolvierte und mittlerweile 1,2 Millionen Kilometer auf der Uhr hat. „Heute haben sich nun die Standardbusse der 70er- und 80er-Jahre im täglichen Einsatz etabliert, die SD202, SD200 und E2H Wagen. Dennoch sind weiterhin auch DEs regelmäßig auf dem 218er anzutreffen. Und ab und zu kommt der D2U Schaffner-Autobus auf Strecke“, so der Verein. Jahr für Jahr legen die historischen Fahrzeuge insgesamt 90.000 Kilometer zurück.

Studie bescheinigt BVG „grundsätzliche Machbarkeit“ von E-Doppeldeckern

Mit dem Elektro-Doppeldecker durch Berlin – das ist keine Zukunftsmusik. Wie berichtet will die BVG solche Fahrzeuge einsetzen, sobald dies als wirtschaftlich sinnvoll erscheint. Hieß es im Januar noch, dass die ersten E-Doppelstöcker 2026 durch die Stadt rollen könnten, nennt das Landesunternehmen allerdings jetzt keinen Zeitplan mehr.

„Eine Studie hat im Frühjahr ein Grundkonzept für den Berliner E-Doppeldecker und die grundsätzliche Machbarkeit bestätigt“, sagte BVG-Sprecher Markus Falkner. Bevor die BVG auf Berlin zugeschnittene Elektro-Doppeldecker einsetzen könne, sei aber ein Entwicklungsvorlauf notwendig. „Im Rahmen des Entwicklungsprozesses werden wahrscheinlich zunächst Pilotfahrzeuge eingesetzt, um eine optimale Serienlieferung vorzubereiten.“ Danach sei ein großflächiger Einsatz vorgesehen.

Britische Doppelstöcker könnten später mit Batterien nachgerüstet werden

Eine Umrüstung der heutigen MAN-Doppeldecker von Diesel- auf Batterieantrieb sei derzeit nicht vorgesehen, so Falkner. „Das ist aufgrund ihrer Substanz und der bereits fortgeschrittenen Nutzungsdauer wirtschaftlich und ökologisch nicht sinnvoll.“ Anders könnte es bei den Nachfolgern aussehen, die der britische Hersteller Alexander Dennis (ADL) nach Berlin liefert. Dazu der Sprecher: „Eine Umrüstung der ADL-Doppeldecker bis 2030 ist eine theoretische Option und wird deshalb neben anderen Optionen geprüft.“