Immer mehr Menschen haben eins, mittlerweile wird die Anschaffung sogar vom Senat gefördert. Für den Großeinkauf und den Kindertransport bei Regen ist es auch gut, und eigentlich ist ein Leben ohne Lastenfahrrad doch gar nicht mehr vorstellbar. Ein Lastenrad mit sieben Gängen und drei Rädern. Ein Rad hinten und zwei vorne, dazwischen ein großer schwarzer Kasten mit zwei Sitzbänken und Anschnallgurten.

Die alleinerziehende Mutter erwarb eines, damals, es war auch Herbst. Das Rad war nicht ganz billig, aber auch nicht besonders teuer, es kostete also etwa so viel wie ein gebrauchter Kleinwagen. Am Anfang schien es kompliziert, das neue Fahrzeug zu steuern. Würde man damit durch die Lücke zwischen zwei Pollern passen? Wie kommt man am besten zwischen geparkten Autos auf den Bürgersteig, um das Rad abzustellen? Wie hoch dürfen Bordsteinkanten sein?

Abdeckplane als wertvollster Besitz

Sie übte und irgendwann konnte sie sich lässig und ohne Angst damit fortbewegen. Die Kinder saßen glücklich unter der Plane. Der Weihnachtsbaum wurde mit dem Rad gekauft und die Bierkästen für ihre Geburtstagsparty geholt.

Als einer der Vorderreifen platt war, war es gar nicht so einfach, die Leute vom Fahrradladen zu überzeugen, ihn zu reparieren. Das Fahrrad war zu groß, sie hatten keinen Platz dafür. Aber ein Lächeln half.

Früher hatte sie immer geglaubt, ihr Leben würde einfacher sein, wenn sie doch noch den Führerschein machen würde, aber nun verstand sie gar nicht mehr, warum in der Innenstadt überhaupt noch Autos erlaubt waren. Warum hatten nicht alle Lastenfahrräder? Früher hatte sie Abdeckplanen immer spießig gefunden, nun hatte sie sich selber eine besorgt und deckte das Rad jedes Mal sorgfältig damit zu, wenn sie es auf den Hof stellte. Es war mittlerweile ihr wertvollster Besitz.

Das Glück war fast perfekt

Inzwischen waren immer mehr Menschen mit Lastenfahrrädern unterwegs und sie fühlte sich nicht mehr so sensationell ungewöhnlich, wenn sie damit durch Berlin fuhr. Dennoch: Vor der Schule und der Kita war ihr die Bewunderung der anderen Eltern gewiss. Es war kein Problem, andere Kinder mitsamt Schulranzen und Kitarucksäcken abzuholen und noch den Einkauf auf die Kinder im Rad zu legen.

Außerdem konnte man an der Ampel freihändig auf dem Rad sitzen bleiben. Dank seiner drei Räder fiel es nicht um und so hatte sie ab jetzt immer eine Sitzgelegenheit dabei. Wenn sie eine Bluetooth-Box in das Rad legte, konnten sie und die Kinder morgens auf dem Schulweg Musik hören, sie konnte freihändig fahren und dabei rauchen und überhaupt weckte das Rad in ihr Gefühle, wie sie Halbstarke mit ihrem ersten Motorrad haben mögen.

Würde es irgendwann Lastenfahrrad-Gangs geben? Oder einen Film wie „Easy Rider“, nur mit Lastenrädern? Das Glück war fast perfekt. Das Einzige was ihr fehlte, waren jetzt noch ein Motor und ein Dach über dem Sattel… Ach ja. Oder ein Mann mit Auto.