Verkehr in Berlin: Radeln zum Dienst

Berlin - Zwölf Kilometer, das sind so etwa 45 Minuten. Jürgen Zelt hat sich seine Route genau ausgerechnet. Der 52-Jährige fährt mit dem Rad zur Arbeit – von seiner Wohnung in Wartenberg bis in die Innenstadt, zum Gendarmenmarkt. Gut, das allein ist noch keine besondere Leistung, das machen andere Berliner auch. Aber Zelt ist Banker, und an seinem Arbeitsplatz, in der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) gibt es eine gewisse Kleiderordnung. Jürgen Zelt muss im Anzug erscheinen, inklusive Krawatte. Das gehört sich dort so. Klar für Zelt ist, dass er nicht täglich zwölf Kilometer im Anzug zur Bank radeln will. Aber seitdem das Institut seinen radfahrenden Mitarbeitern eine besondere Fürsorge zukommen lässt, nimmt er das Rad.

„Im Unternehmen in Berlin gibt es für unsere Mitarbeiter 63 Spinde und acht Duschen“, sagt Unternehmenssprecherin Charis Pöthig. Inzwischen nehmen gut 50 Mitarbeiter diese Angebote an, sie kommen mit dem Rad zur Arbeit und ziehen sich dort um. So wie Justiziar Jürgen Zelt, der am Abend seine Bürobekleidung und tagsüber die Fahrradkluft in seinem Spind deponiert. Knapp zehn Prozent der 600 KfW-Mitarbeiter nutzen das Radangebot mittlerweile – auch wegen der 58 sicheren Stellplätze für Fahrräder in der Tiefgarage. „Man hält sich fit und spart dazu noch Geld“, sagt Jürgen Zelt. Für einen Pkw-Parkplatz müsste der Banker monatlich 40 Euro bezahlen.

Immer mehr Radfahrer im Straßenverkehr

Wie die KfW setzen immer mehr Firmen darauf, dass ihre Mitarbeiter mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen. Bei der Stadtreinigung, der BSR, gibt es schon seit drei Jahren ein spezielles Radfahr-Programm. „Wir haben alle Mitarbeiter aufgefordert, mit dem Rad zur Arbeit zu fahren“, sagt Unternehmenssprecherin Sabine Thümler. Natürlich stimmt die Logistik vor Ort: Mit Duschen und Umkleideschränke n gab es bei der BSR noch nie Probleme, sie werden gern genutzt. Doch das landeseigene Unternehmen hat sich noch einen ganz besonderen Anreiz ausgedacht: „Alle Mitarbeiter, die mindestens 60 Tage im Jahr zur Arbeit radeln und dabei schließlich 800 Kilometer zurücklegen, nehmen an einer Verlosung teil“, sagt Thümler. Gewinnen kann man dabei unter anderem Reisen.

Auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) fördert das Radfahren von Mitarbeitern. Dort wurden nicht nur Stellplätze und Duschen eingerichtet, für Dienstfahrten stehen extra zwei Fahrräder bereit, sagt IHK-Sprecher Leif Erichsen. So ließen sich teure und in der Innenstadt unsinnige Dienstfahrten vermeiden.

Bei 13 Prozent liegt inzwischen der allgemeine Anteil der Radfahrer im Straßenverkehr. Und er wird weiter steigen. Für das Jahr 2020 prognostizieren Verkehrsplaner des Senats einen Anteil von 20 Prozent. In Mitte liegt die Quote der Radfahrer schon jetzt bei 38 Prozent, sagt der ADFC-Vorstand Bernd Zanke. Was ganz im Sinn von Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) dürfte. Er sagt: „Wir wollen die Bedingungen für Radfahrer im Stadtverkehr weiter verbessern, die Verkehrssicherheit erhöhen und neue Zielgruppen für das Radfahren gewinnen.

Verkehrsschulungen für Radler

Auch bei Coca Cola Deutschland nimmt man sich liebevoll der radelnden Mitarbeiter an. Das Unternehmen bezog Ende März seine neue Firmenzentrale im Osthafen, an der Stralauer Allee in Friedrichshain. Zirka 20 Prozent der 500 Mitarbeiter radeln inzwischen zur Arbeit. „Uns ist ein aktiver Lebensstil unserer Mitarbeiter sehr wichtig“, sagt Firmensprecherin Stefanie Effner. Deshalb organisiere das Unternehmen auch regelmäßige Lauftreffs. Für die Räder gibt es kostenlose Unterstände und für die Mitarbeiter – natürlich – Duschen und Umkleidemöglichkeiten. Selbst Regencapes und Notfall-Werkzeug für Kleinreparaturen liegen bereit. Dieser Tage ist sogar ein professioneller „Rad-Doktor“ in der Zentrale. Stefanie Effner: „Er macht die Räder sommerfit, so dass haklige Gangschaltungen, platte Reifen oder abspringende Ketten dann kein Thema mehr sind.“

Dass sich Firmen zunehmend auf radelnde Mitarbeiter einstellen, lässt sich laut ADFC-Mann Zanke auch an den Nachfragen nach Verkehrsschulungen ablesen. Im vergangenen Jahr waren es 21 Firmen, die ihr Personal von ADFC-Profis in Sachen Verhalten im Straßenverkehr schulen ließen. „Die Firmenzahl steigt ständig an“, sagt Zanke. Auf der ADFC-Liste finden sich alle Firmen und Branchen – vom Pharmakonzern Bayer über die Berliner Bank bis hin zum Ableger des Energieversorgers Gazprom. Die Unternehmen verfolgen dabei durchaus auch eigene Interessen: Hat ein radelnder Mitarbeiter auf dem Weg zur Arbeit einen Unfall, fällt er mit seiner Arbeitskraft mitunter aus. Im vergangenen Jahr gab es immerhin 7 300 Wegeunfälle in der Stadt, bei denen Radfahrer beteiligt waren.