Verkehr in Berlin: Radfahrer leben gefährlich

Berlin - Kurz vor Weihnachten wartet die Berliner Polizei mit einer schlechten und einer guten Nachricht auf. Die schlechte lautet: Die Zahl der Radfahrer, die bei Verkehrsunfällen in Berlin ums Leben gekommen sind, ist 2012 enorm gestiegen – im Vergleich zum vergangenen Jahr um 50 Prozent. Die gute Nachricht: Ansonsten weist die aktuelle Berliner Unfallstatistik nur positive Trends auf. Wenn sich bis zum Monatsende nicht noch viele tödliche Unglücke ereignen, wird die Gesamtzahl der Verkehrsunfalltoten in diesem Jahr einen historischen Tiefstand erreichen. Denn so niedrig war sie seit bereits mehr als hundert Jahren nicht.

„Sorgen macht uns, dass in diesem Jahr bereits 15 Radfahrer tödlich verunglückt sind“, sagte ein Polizeisprecher am Donnerstag. Im selben Zeitraum des Vorjahres starben zehn Radler auf Berlins Straßen, im gesamten Jahr 2011 waren es elf. „Der Radverkehr in Berlin nimmt zu. Das wirkt sich auf die Unfallzahlen aus“ , hieß es.

Von Lkw-Fahrern übersehen

Bernd Zanke vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) hat die Unfälle analysiert. „Bei Biertischgesprächen hört man oft, dass die Radfahrer selbst schuld sind, etwa weil sie ohne Licht fahren“, sagte er. „Doch die tödlichen Unfälle haben andere Ursachen.“

So seien in diesem Jahr bislang fünf Radfahrer gestorben, weil sie von Lastwagenfahrern beim Abbiegen übersehen wurden. In einem anderen Fall habe ein Baumaschinenfahrer den tödlichen Radlerunfall verursacht. Fünf weitere Radfahrer starben bei Kollisionen mit Pkw, so Zanke. In drei Fällen sei erwiesen, dass es die Autofahrer waren, die Regeln nicht beachtet hatten. Zum Beispiel der betrunkene 23-Jährige, der am 2. Oktober einen Polizeihauptkommissar tödlich verletzte. „Radfahrer sollten auf ihr Vorrecht verzichten, wenn es zu gefährlich ist“, riet Zanke. Die Verwaltung müsse die Straßen sicherer machen – etwa durch noch mehr Radfahrstreifen auf den Fahrbahnen. Regel: „Wer sich sieht, fährt sich nicht um.“

Die Gesamtzahl aller Verkehrstoten ist dagegen wieder gesunken. „In diesem Jahr gab es bislang 41 Unfalltote in Berlin“, so der Polizeisprecher. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum des Vorjahres kamen 52 Menschen ums Leben, bis Ende 2011 stieg die Zahl gar auf 54.

Oft ist ein böser Zufall schuld

Sind Berlins Straßen sicherer geworden? Der Senat verwies darauf, dass weitere Unfallschwerpunkte entschärft, neue Zebra- und Radfahrstreifen markiert wurden. Das Verkehrssicherheitsprogramm, das sich auch an Schüler und Senioren richtet, werde weiter umgesetzt. Möglicherweise war die hohe Zahl 2011 ein Ausreißer nach oben, der mit dem Wetter zu tun hatte. Bei Sonne sind mehr Radler und Fußgänger unterwegs?– Gruppen mit hohem Unfallrisiko.

#image1

Die Polizei hält sich mit Wertungen zurück. „Nicht selten hat offenbar ein böser Zufall darüber entschieden, ob ein Unfall geschieht und jemand dabei stirbt“, hieß es. In Einzelfällen stimmt das, so Bernd Zanke vom ADFC. Ein Beispiel: Am 31. Mai radelten eine Mutter und ihre Tochter nach einem Konzert in der Waldbühne nach Hause. Plötzlich verhakten sich ihre Lenker ineinander. Beim Sturz starb die 74-jährige Mutter.

Zudem ist die Zahl der Unfalltoten nicht der einzige Anhaltspunkt dafür, wie es um die Verkehrssicherheit bestellt ist, so die Polizei. Ein anderer ist die Zahl der Verunglückten – sie ist in Berlin in den ersten zehn Monaten um einen einstelligen Prozentsatz gestiegen. Für Polizei und Verkehrsplaner gibt es immer noch viel zu tun.