Der Trend ist negativ. Und niemand weiß, wie er sich aufhalten ließe. Auch im vergangenen Jahr ist in Berlin die Zahl der Verkehrsunfälle, an denen Senioren beteiligt waren, wieder deutlich gestiegen. Außerdem war die Zahl der Verkehrstoten in dieser Altersgruppe so hoch wie schon lange nicht mehr. 21 Senioren kamen im Berliner Straßenverkehr ums Leben, 2013 waren es acht. Dies geht aus der Unfallbilanz hervor, die am Donnerstag im Polizeipräsidium vorgestellt wurde. Die Senioren müssten über Risiken im Verkehr aufgeklärt werden, sagte Verkehrs-Staatssekretär Christian Gaebler (SPD) „Aber das ist nicht einfach.“ Es herrscht Ratlosigkeit.

Der demografische Wandel schlägt sich immer stärker in der Unfallbilanz nieder. Seit 2001 hat sich die Zahl der Verkehrsunfälle in Berlin, an denen Menschen über 64 Jahren beteiligt waren, verdoppelt – auf 14 746 im vergangenen Jahr. Auch die Zahl der Senioren, die bei Unfällen in Berlin verletzt oder getötet wurden, ist nach oben gegangen: Sie stieg von 789 auf 1 376 an.

„Von den 21 Fußgängern, die bei Unfällen starben, waren elf Senioren. Von den zehn Radfahrern, die ums Leben kamen, gehörten sechs dieser Altersgruppe an“, berichtete Andreas Tschisch von der Polizei.

Angst vor Führerscheinentzug

Betagte Menschen seien heute aktiver als früher, erklärte Siegfried Brockmann vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Sie fahren bis ins hohe Alter Auto und sind auch sonst mobiler – zum Beispiel mit dem Fahrrad. „Die Entwicklung, die wir in der Unfallbilanz betrachten können, wird sich weiter verschlimmern“, befürchtete der Unfallforscher. Das Hauptproblem sei, dass es bis heute „keine vernünftigen Konzepte“ gebe, wie man diese Altersgruppe sensibilisieren kann, meinte Brockmann.

Die Polizei ist nicht weit gekommen. Im vergangenen Jahr hätten 1 500 Senioren an Präventionsveranstaltungen teilgenommen, so Polizeipräsident Klaus Kandt am Donnerstag. Es sei schwer, Ältere zu erreichen, pflichtete Staatssekretär Gaebler bei. „Sie warten nicht in Freizeitheimen darauf, dass sich jemand mit ihnen unterhält.“ Manche Senioren wären auch misstrauisch: Sie hätten Angst, dass ihnen der Führerschein entzogen wird.

Dabei gibt es viele Möglichkeiten, Wissen aufzufrischen und Fähigkeiten zu trainieren, sagte Bernd Zanke vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). „Wir bieten Kurse für Senioren an, die nach langer Abstinenz wieder Rad fahren wollen“, berichtete er. Zanke kooperiert mit dem ADAC, der im Fahrsicherheitszentrum südwestlich von Berlin ähnliche Schulungen offeriert. „Doch die Teilnehmerzahl hält sich auch dort in Grenzen“, sagte er.

Natürlich wäre schon viel damit gewonnen, „wenn Senioren nicht im dunklen Wollmantel auf die Straße gehen, sondern Kleidung tragen, in der sie besser gesehen werden“, sagte Brockmann. Doch langfristig kämen die Verantwortlichen nicht darum herum, die Straßen dem Demografietrend anzupassen und seniorentauglicher zu gestalten – damit Fehler keine schlimmen Folgen haben. „Bei der Verkehrsplanung müssen wir in stärkerem Maße die Bewegungsprofile auswerten“ – um etwa neue Zebrastreifen auf Alltagswege der Senioren abzustimmen.

Aus für Jugendverkehrsschule

Ein Tempolimit von 30 Kilometern pro Stunde in Städten würde die Unfallrisiken ebenfalls senken, sagen Verkehrsplaner. Und es müsse mehr Bereiche geben, in denen sich Fußgänger sicher bewegen können, forderte Stefan Lieb vom Fachverband Fußverkehr. Die drei in Berlin geplanten „Begegnungszonen“, die Fußgängern Schonräume bieten sollen, reichten nicht. Lieb: „Wir brauchen 300 Begegnungszonen!“

Bürger kritisieren, dass sich die Behörden auch nicht um die jungen Verkehrsteilnehmer kümmern. Der Bezirk Mitte will die Jugendverkehrsschule Bremer Straße aufgeben, bestätigte Schul-Stadträtin Sabine Smentek (SPD) am Donnerstag während einer Diskussion mit Bürgern. „Wir nutzen das Grundstück dafür, unseren Haushalt zu konsolidieren.“ Das landeseigene Areal soll verkauft werden, damit Wohnungen entstehen können. Die Jugendverkehrsschule in der Gottschedstraße reiche aus, sie werde künftig vom Verein Wendepunkt betrieben und bis 15 Uhr geöffnet sein. Auch Senioren sollen dort trainieren können.

Der Weg nach Wedding wäre zu weit, klagten Bürger. Sie demonstrierten gegen die Schließung und übergaben eine Petition mit rund 6700 Unterschriften. Smentek entgegnete, dass der Senat kein Geld für den Betrieb gebe. In Mitte wurde schon die Verkehrsschule Berolinastraße geschlossen. Auch in Tempelhof-Schöneberg fiel ein Standort weg. Aber dort handelte der Bezirk aus, dass der Investor einen Neubau an einer anderen Stelle finanziert.

„Die Jugendverkehrsschulen wurden den Bezirken übergeholfen, die damit oft überfordert sind“, so Brockmann. Das Thema Verkehrssicherheit steht auf der Prioritätenliste des Senats nicht oben. „Sonst wären zur Vorstellung der Unfallbilanz die Senatoren gekommen – und nicht nur die Staatssekretäre.“