Berlin - Bernd Quinque ist ein Mann, der sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. Es ist eine wichtige Charaktereigenschaft, um ein Unternehmen durch die Jahrzehnte zu steuern. 1985 begann seine Firma im Pankower Ortsteil Buchholz als Wartburg-Vertragswerkstatt. Heute bietet Quinque in seinem Autohaus Fahrzeuge der Marken Hyundai und Fiat an. In Königs Wusterhausen hat der Berliner Autohändler einen zweiten Standort. Sein Sohn Daniel ist in Quinques Fußstapfen getreten und betreibt in einem kleinen Ort bei München ebenfalls ein Autohaus.

Es ist das, was man als soliden Mittelstand bezeichnet – auch wenn sich Quinque fragt, wie lange es mittelständischen Autohandel im jetzigem Umfang noch geben wird. Überall melden Autohäuser rückläufige Verkaufszahlen. Ob das an der Diskussion über die Erderhitzung liegt oder daran, dass junge Hauptstadtbewohner andere Fortbewegungsarten wie das Radfahren bevorzugen, lässt der mittlerweile 68 Jahre alte Buchholzer dahingestellt. 

„Auf jeden Fall erlebt unsere Branche große Veränderungen.“ Klar ist für den Nachfahren hugenottischer Zuwanderer auch, dass sich noch etwas anderes wandelt – auf Berlins Straßen. „Wir spüren es jeden Tag.“

Nicht weniger als 2419 Baustellen 

Gekaufte Autos werden den Kunden nach Hause geliefert, vor die Tür. Das ist der Service, seit vielen Jahren schon. „Dabei erleben wir, dass Fahrten in Stadtgebiete, die früher vielleicht 45 Minuten mit dem Auto entfernt waren, jetzt eineinviertel Stunden dauern“, berichtet Quinque.

Das liege seinem Eindruck zufolge nicht nur daran, dass der Straßenverkehr zugenommen hat, dass mehr Pendler in die Stadt fahren und mehr Lieferfahrzeuge Pakete ausfahren. „Es liegt auch daran, dass es bei uns immer mehr Baustellen gibt.“

Wer sich bei www.viz.berlin.de die Lagekarte der Verkehrsinformationszentrale anschaut, der wird das bekannte Symbol mit dem Schaufel schwingenden Bauarbeiter im roten Dreieck vielerorts entdecken. Doch selbst das ist nur ein unvollständiger Schnappschuss auf das Baugeschehen in Berlin, wie die Antwort des Senats auf eine Anfrage des FDP-Abgeordneten Marcel Luthe jetzt zeigt.

Der Politiker wollte es ganz genau wissen: Wie viele Baustellen gibt es im öffentlichen Straßenland von Berlin – derzeit und demnächst? Was ihm daraufhin mit besten Grüßen vom Verkehrsstaatssekretär Ingmar Streese präsentiert wurde, hat das Zeug, Drucker zum Kollaps zu bringen. Fast 90 Seiten umfasst die offizielle Liste, und sie ist eng bedruckt.

Es kostet Zeit, die Einträge zu zählen. Setzt man den nächsten Montag als Stichtag, kommt man auf nicht weniger als 2419 Baustellen auf öffentlichen Straßen und Plätzen, Gehwege eingeschlossen. 2419 Hindernisse im Berliner Straßennetz, das inklusive kleinster Siedlungsstraßen 5400 Kilometer lang ist.

Auch BVG-Fahrgäste werden durch Baustellen ausgebremst 

Betroffen sind Hauptverkehrsstraßen wie die Torstraße in Mitte, der Mehringdamm in Kreuzberg, der Hohenzollerndamm in Wilmersdorf und der Groß-Berliner Damm in Adlershof. Aber auch weniger bedeutende Teile des Berliner Straßennetzes stehen auf der Liste – etwa der Siebweg in Bohnsdorf, die Gerdastraße in Kaulsdorf, der Platz E im Spandauer Ortsteil Hakenfelde. Baustellen fast überall! Die Senatsliste nennt auch die Gründe, warum Straßen und Plätze okkupiert werden: zum Beispiel Tiefbauarbeiten, Straßenbau, Kraneinsatz, Baustelleneinrichtung, Gerüstbau.

„Es stimmt, dass in Berlin ein erhöhtes Bauaufkommen zu verzeichnen ist“, sagt Jan Thomsen, Sprecher von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne). Das liege zum Beispiel daran, dass das Leitungsnetz in die Jahre gekommen ist. Nicht minder groß sei der Sanierungsbedarf bei Brücken, Schienenwegen, Straßen und Plätzen. 

Weil sich die rot-rot-grüne Koalition nachhaltige und ökologische Mobilität auf die Fahnen geschrieben habe, werden in Berlin zudem Radverkehrsanlagen angelegt – und künftig auch Straßenbahnstrecken gebaut. Straßen und Kreuzungen werden umgestaltet, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Es ist ein großes Pensum, das in Berlin jetzt abgearbeitet wird.

Nicht nur Autofahrer sind genervt, auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und ihre Fahrgäste werden ausgebremst. Das Landesunternehmen führt zwar keine eigene Statistik zu diesem Thema, erklärt Sprecher Jannes Schwentu.

„Doch subjektiv ist die Anzahl der Baustellen gestiegen und der dafür zu betreibende Aufwand ebenfalls.“ Weil Streckenführungen geändert, Fahrpläne und Anschlüsse angepasst werden müssen, werde die Arbeit für die Linienmanager bei Bus und Straßenbahn immer komplexer.

Mehrschichtbetrieb gefordert - aussichtslos

Wie schätzt die Autolobby die Situation ein? „Unter dem amtierenden Senat hat sich die Lage nicht verschlechtert oder verbessert, es ist eine gänzlich andere Lage“, sagt Leon Strohmaier, Sprecher des Allgemeinen Deutschen Automobilclubs (ADAC) Berlin-Brandenburg. „Der Senat versucht, den Investitionsstau der letzten Jahrzehnte zu lösen.

Dies muss er auch tun, um die Infrastruktur zu verbessern oder zumindest aufrechterhalten zu können.“ Bisher beschränkte sich die Verwaltung meist auf kosmetische Eingriffe in die Fahrbahnoberflächen, bilanziert er. „Eine systematische Straßenerhaltung fand überwiegend nicht statt.“

Inzwischen steht wieder mehr Geld bereit, um Berlins Straßen in Schuss zu halten. Doch es türmen sich neue Hindernisse auf: Jetzt fehlt es an Menschen. Nach Jahren des Personalabbaus mangelt es in den Ämtern an Bauexperten, die Straßensanierungen planen und überwachen können. „Die entstandenen Engpässe sorgen dafür, dass das bereitgestellte Geld des Senats von den Bezieken nicht vollständig abgerufen werden kann“, klagt Strohmaier.

Und wenn dann tatsächlich gebaut werden kann, gehen die Arbeiten oft nur gemächlich voran. Marcel Luthe meint, dass das beabsichtigt ist – der rot-rot-grüne Senat sei gegen das Auto.

Er fordert Mehrschichtbetrieb. „Vorrangiges Ziel muss die Sicherstellung des Verkehrsflusses sein, indem Baustellen im Zweischichtsystem so schnell wie möglich nicht nur aufgemacht, sondern auch abgeschlossen werden“, so der FDP-Abgeordnete. „Dieses Ziel ließe sich mit einfachen Vertragsänderungen erreichen. Da der Senat das nicht macht, ist es offensichtlich ideologisch nicht gewollt.“

Aber auch bei diesem Thema mache sich der Arbeitskräftemangel bemerkbar, sagt Staatssekretär Ingmar Streese. „Es ist Firmen bereits seit längerer Zeit auf Grund des Fachkräftemangels häufig nicht mehr möglich, im Schichtbetrieb zu arbeiten“, erklärt der Senatspolitiker. An vielen Stellen sei es ja richtig und sinnvoll, dass in Berlins Straßennetz investiert wird, sagt Bernd Quinque aus Pankow-Buchholz.

Verkehr in Berlin: Auch Ausweichstrecken sind oft dicht oder eingeengt 

„Aber dann muss die Verwaltung auch dafür sorgen, dass die Umleitungs- und Ausweichstrecken gut befahrbar sind“, fordert der Autofahrer und -händler. Er kann sofort ein Beispiel nennen, das ihn besonders ärgert. Weil die Schönerlinder Straße im Pankower Norden wieder wegen Bauarbeiten unterbrochen ist, müssen Autofahrer in Richtung Wandlitz einen Umweg nehmen.

Und dieser Umweg kostet mehr Zeit als er sollte, weil es Linksabbieger an der Kreuzung Hobrechtsfelder/Schönerlinder Chaussee schwer haben, klagt Quinque. „Dort muss man lange anstehen, das ist katastrophal“, sagt er. „Ich habe den Eindruck, dass die Ampelschaltung nicht angepasst worden ist.“

Nicht selten müssen Autofahrer in Berlin erleben, dass auch mögliche Ausweichstrecken dicht oder eingeengt sind. Besonders auffällig ist das entlang an der Spree im östlichen Stadtzentrum, wo die Schillingbrücke komplett gesperrt ist, während die Elsen- und die Oberbaum- brücke nur eingeschränkt befahrbar sind (der Oberbaumbrücke wird an diesem Wochenende auch gesperrt). „Von Koordination ist nichts zu spüren“, berichtet Quinque. „Gibt es so etwas in Berlin überhaupt noch?“

Ja, antwortet Jan Thomsen. „In der Regel sind die Bezirke als Straßenlandeigentümer oder die bezirklichen Straßen- und Grünflächenämter verantwortlich“, gibt er zu bedenken. Auf Landesebene gebe es die Verkehrslenkung Berlin, kurz VLB, als obere Straßenverkehrsbehörde der Stadt. 

„Sie hat die verkehrlichen Belange im Blick. Dabei wird neben der Verkehrssicherheit und der baulichen Dringlichkeit natürlich auch der Verkehrsfluss berücksichtigt“, so Thomsen.

Die Theorie ist klar, die Umsetzung ist schwierig: „In der Praxis gestaltet sich eine solche Koordination aufgrund der vielen Partner und der spezifischen Begebenheiten durchaus komplex.“

Berliner Stadtautobahn wird zur Großbaustelle 

Der ADAC fordert eine eigenständige Koordinationsstelle für Straßenbaustellen. Denn die VLB habe eine Vielzahl von weiteren Aufgaben zu erledigen. Sie sei mehr mit der Verkehrslenkung beauftragt als mit der fachlichen Abstimmung von Einzelbaustellen und Maßnahmen.

„Die größte Stauquelle ist der Senat mit seinem desaströsen Baustellenmanagement, das entweder ein Musterbeispiel an Missmanagement oder schlicht Absicht ist“, sagt Marcel Luthe. Der Senat kündigt Besserung an. Die VLB werde derzeit „restrukturiert“, sagt Jan Thomsen. Ziel sei es, sie als eigenständige Abteilung für Verkehrsmanagement in die Verkehrsverwaltung einzugliedern.

„Es geht unter anderem um den Abbau verzichtbarer Schnittstellen, einen effizienteren Verwaltungsaufbau und die Frage, inwiefern die Baustellenkoordinierung optimierbar ist.“ Um das zu klären, werde ein Beratungsunternehmen beauftragt.

Für den ADAC ist nicht nur wichtig, dass es genug Geld und Fachpersonal gibt. Er fordert auch ein Managementsystem, das anhand gespeicherter Daten meldet, wann welche Straße mit Instandhaltungsarbeiten an der Reihe ist, so Leon Strohmaier.

Bernd Quinque ist pessimistisch. In einigen Jahren werde die Stadtautobahn zur Großbaustelle. So wird die Rudolf-Wissell-Brücke, auf der die A100 in Charlottenburg die Spree überquert, abgerissen und neu gebaut. Bauzeit: sieben Jahre. „Da wird mir himmelangst“, sagt Quinque.