Berlin - So sehr der Rennradfahrer auch drängelt, er muss an der Kreuzung am Haus des Lehrers in Mitte die zweite Ampelphase abwarten. Auf dem Radfahrstreifen ist es einfach zu voll. Nicht nur der Knotenpunkt am Alexanderplatz ist immer wieder Schauplatz von Fahrradstaus. Auch in anderen Bereichen haben die Berliner den Eindruck, dass der Radverkehr generell zunimmt.

Doch die Daten der 17 automatischen Zählstellen, die der Senat betreibt, ergeben ein anderes Bild. Ein Vergleich mit 2018 zeigt, dass die Zahl der Fahrräder zum Teil sogar deutlich gesunken ist. Insgesamt gab es einen Rückgang um 14 Prozent. Was steckt dahinter?

In der Monumentenstraße in Schöneberg scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Dort löste die Zählstelle in diesem Jahr bislang mehr als 864.000 Mal aus – im Vergleich zum selben Zeitraum des Vorjahres ist das ein Anstieg um mehr als neun Prozent. Das entspricht der bisherigen Berliner Entwicklung.

Fahrradverkehr auf der Frankfurter Allee angestiegen 

Die Ergebnisse weiterer Dauerzählstellen zeigen, dass in diesem Jahr auch auf anderen Straßen in Berlin mehr Radfahrer unterwegs waren als 2018. So betrug der Anstieg in der Markstraße in Reinickendorf fünf Prozent. Der Kaisersteg, der zwischen Nieder- und Oberschöneweide die Spree überspannt, wurde von fast drei Prozent mehr Radlern befahren. Am Maybachufer in Neukölln betrug der Zuwachs des Radverkehrs immerhin zwei Prozent.

Ein Sonderfall ist die Frankfurter Allee, die mit einem dicken Plus von 23 Prozent die Statistik anführt. Dabei sind die Radwege schmal und in keinem guten Zustand – keine Einladung, dort in die Pedale zu treten.

Der angekündigte geschützte Radfahrstreifen, der auf der Fahrbahn stadtauswärts Platz schaffen wird, soll nun erst später in diesem Jahr in Angriff genommen werden. Die Ausfallstraße Richtung Osten ist ein Beispiel dafür, dass in Berlin trotz mangelhafter Infrastruktur Rad gefahren wird. Offenbar ist Radfahren auf zahlreichen Verbindungen einfach zu sinnvoll und effektiv, als dass sich Berliner Radler abschrecken lassen.

Doch der Anstieg in der Frankfurter Allee ist mit Vorsicht zu interpretieren. Er geht auf einen besonderen Effekt zurück: Dort wurde von Juni bis Oktober 2018 gebaut, darum sind die Vergleichszahlen niedrig.

Fünfmal gibt es Zuwächse – doch das ist es dann auch schon. Zwölf der 17 Zählstellen registrierten weniger Radfahrer als im selben Zeitraum des Vorjahres. Am Paul-und-Paula-Uferweg, der im Radfahrbezirk Friedrichshain-Kreuzberg an der Rummelsburger Bucht entlang führt, ging der Radverkehr um zehn Prozent zurück.

Fahrradverkehr in Berlin gesunken: Regentage und Schulferien spielen eine Rolle 

Fast elf Prozent beträgt das Minus in der Wilmersdorfer Prinzregentenstraße in der Nähe des Volksparks – ebenfalls eigentlich eine attraktive Fahrradstrecke. Am Mariendorfer Damm übersteigt der Rückgang knapp die Elf-Prozent-Marke, am Breitenbachplatz in Schmargendorf gab es sogar ein Minus von mehr als 13 Prozent.

Haben manche Berliner die Lust am Radfahren verloren? Fühlen sie sich vernachlässigt, weil sie vielerorts weiterhin an den Rand gedrängt werden? Irren Politiker und Umweltaktivisten, wenn sie sagen, dass Alternativen zum Auto immer beliebter werden – und dass die erhoffte Mobilitätswende voranschreitet?

Das sieht die von der Grünen-Politikerin Regine Günther geleitete Senatsverkehrsverwaltung nicht so. „Wir gehen von saisonalen und witterungsbedingten Schwankungen der Verkehrsstärken aus. Diese Abweichungen sind nicht ungewöhnlich“, so Sprecherin Constanze Siedenburg. „Der warme April und der kalte Mai haben bei den Daten Spuren hinterlassen“, sagte Tilmann Heuser vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Ähnlich sieht es der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC). „In diesem Jahr gab es mehr Regentage als im gleichen Zeitraum letztes Jahr, da lassen einige das Fahrrad auch mal stehen und nehmen Bus oder Bahn“, erklärte Sprecher Nikolas Linck. „Auch die Schulferien könnten eine Rolle spielen, wenn die Stadt leerer und verkehrsärmer ist: Die lagen in diesem Jahr komplett innerhalb des untersuchten Zeitraums, im letzten Jahr endeten sie später.“

Rückgang der Zahl der Fahrräder spiegelt nicht die tatsächliche Entwicklung in Berlin wider 

Generell gelte, dass die Zählstellen den Radverkehr „nur punktuell erfassen“, so Linck. „Verlagerungen auf andere Routen bilden sie nicht ab.“ Das gelte offensichtlich auch für die drei Straßen, in denen noch größere Rückgänge des Fahrradverkehrs registriert worden sind: In der Invalidenstraße und der Yorckstraße waren es 40, auf der Oberbaumbrücke gar 46 Prozent. Baustellen führten und führen dazu, dass Radfahrer auf andere Strecken ausweichen, erklärte der Sprecher der Radlobby.

In der Tat: Die zum Teil enormen Rückgänge seien auf Bauarbeiten zurückzuführen, die zu „Datenausfällen“ geführt hätten, sagte Constanze Siedenburg. So gebe es auf der Oberbaumbrücke seit diesem Mai erhebliche Einschränkungen. Weil Straßenbahnschienen entfernt und Teile der Brückenkonstruktion saniert werden, hat die bislang sehr beliebte Verbindung zwischen Friedrichshain und Kreuzberg an Attraktivität verloren. Neben der Baustelle gibt es nur noch wenig Platz, immer wieder kommt es zu Konflikten.

Auch in der Invalidenstraße kam es immer wieder zu „Ausfällen wegen Baumaßnahmen“, hieß es in der Senatsverwaltung – seit Oktober des vergangenen Jahres. Und für die Yorckstraße heißt es: „Richtung Westen Ausfälle von Januar bis März und im Juni 2019, Richtung Osten Ausfälle von April bis August 2019 .“

Der Rückgang spiegelt nicht die tatsächliche Entwicklung des Radverkehrs in Berlin wider, sagt Constanze Siedenburg. Bei der Jahresauswertung werden die Daten nicht berücksichtigt, „da sonst ein verfälschtes Abbild entstehen würde“. Nikolas Linck ist klar: „Der langfristige Trend zeigt: Der Radverkehr in Berlin nimmt kontinuierlich zu – unabhängig von kurzfristigen Schwankungen durch Witterung, BVG-Streik, Ferien oder Baustellen.“