Autofahrer können derzeit in aller Ruhe die Sehenswürdigkeiten der Landeshauptstadt betrachten. Der Flatow-Turm und das Hans-Otto-Theater sind von der Humboldtbrücke aus bestens zu besichtigen, wo der Verkehr nach Potsdam hinein zu fast jeder Tageszeit mehr steht als fließt. Wer lieber wissen will, wie weit der Altneubau des Landtags eigentlich ist, muss versuchen, über die Lange Brücke zu fahren, die zweite Havel-Querung in der Stadt: Der Stau gewährt hier viel Zeit, im Vorwärtskriechen die Stadtschloss-Replik anzusehen.

200.000 Fahrzeuge pendeln täglich

Es wird gebaut in Potsdam. Und das gleichzeitig an mehreren Stellen, noch dazu an entscheidenden: Die beiden Achsen über die Havel sind betroffen, ebenso die Verbindung in den Norden der Stadt, die Gegend um den Hauptbahnhof und die Ausfallstraße in den Südosten. Mal geht es um grundlegende Sanierungen wie an der Humboldtbrücke, mal um neue Straßenbahnschienen, Leitungen oder Umbauten wie in der Friedrich-Ebert-Straße vor dem Rathaus. Einen besonderen Grund hat die Baustelle an der Breiten Straße: Hier wird die Fahrbahn auch deshalb eingeengt, um Platz zu schaffen für einen Wiederaufbau der Garnisonkirche am alten Ort.

Die Folgen für den Verkehr aber sind unabhängig vom Anlass gleich: Autofahrer stehen viel und brauchen deutlich länger, um in oder durch die Stadt zu kommen. Bis zum Jahresende wird das so bleiben. Neben den Potsdamern leiden darunter auch die zahlreichen Pendler aus Berlin oder dem Umland. Täglich überqueren rund 200.000 Kraftfahrzeuge die Stadtgrenzen, hat die Rathausverwaltung festgestellt. Die Pendler machen damit den Großteil des motorisierten Verkehrs aus.

Die CDU-Kreisvorsitzende Katherina Reiche, zugleich parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, hat den Mega-Stau bereits als Thema für ihren Bundestagswahlkampf entdeckt. Die Rathausspitze gehe offenbar nach dem Motto vor: „Wie bekomme ich Potsdam am wirkungsvollsten lahmgelegt?“, erklärte sie. Es könne nicht sein, dass der Verkehr restlos stehe und sogar Rettungswagen nicht mehr durchkommen, weil die Stadt die Bauvorhaben nicht aufeinander abstimme.

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Aus dem Rathaus wird die Kritik zurückgewiesen: Die Beeinträchtigungen würden auf das Mindestmaß begrenzt. Und selbst der Autofahrer-Verband ADAC hält die Maßnahmen für unverzichtbar. „Die Straßen sind in marodem Zustand und müssen gemacht werden“, sagte Jörg Becker, Leiter Verkehr beim ADAC Berlin-Brandenburg. Weil das Verkehrsnetz lange vernachlässigt worden sei, gebe es keine Alternative. „Da müssen alle durch.“ Die Stadtverwaltung rät, Pendler sollten den öffentlichen Nahverkehr nutzen oder „die Stadt umfahren“.

Das allerdings ist schon wegen der topografischen Lage schwierig. Die Havel fließt quer durch die Stadt, und außer der Glienicker Brücke gibt es weit und breit keinen zusätzlichen Übergang nach Berlin. Eine lange diskutierte dritte Querung im Südwesten von Potsdam, parallel zur Bahnbrücke über den Templiner See, verwarfen Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) und Vertreter der Umlandgemeinden jetzt endgültig. Die sogenannte Havelspange sei „keine Lösung, um die Verkehrsprobleme in den Griff zu bekommen“, teilten sie mit.

Probleme für Nachbargemeinden

Bei dem Gespräch ging es weniger um die akuten Staus als um den ganz normalen Wahnsinn, der auch ohne Baustellen auf den Straßen in und um Potsdam herrscht. Seit die Landeshauptstadt im Jahr 2012 die „umweltverträgliche Verkehrssteuerung“ einführte, stinkt es den Umlandgemeinden gewaltig. Vor allem Geltow klagt über lange Autokolonnen auf der Hauptstraße, weil die Potsdamer die Ampeln an ihrer Stadtgrenze länger auf Rot schalten, wenn bestimmte Schadstoffwerte in der Luft überschritten werden.

„Pförtnerung“ nennen die Verkehrsplaner das System. In Potsdam hat es für mehr Sauerstoff gesorgt, im Verhältnis zwischen der Stadt und dem Umland aber für dicke Luft. Im Rathaus der Landeshauptstadt hieß es, die Staus hätten sich die Nachbargemeinden selbst zuzuschreiben, schließlich kämen die meisten Pendler von dort. Beim Bürgermeister-Treffen Anfang März versprach Jakobs nun mehr Abstimmung in der Verkehrspolitik. Eine gemeinsame Arbeitsgruppe soll einberufen werden, und auch eine Mobilitätsagentur ist geplant. Der Landkreis Potsdam-Mittelmark will das Ganze vermittelnd begleiten, wie eine Sprecherin sagt.

Ziel ist es laut Jakobs, das Verkehrsverhalten zu ändern, um die Belastungen zu verringern. Seine eigenen Bürger will Potsdam zum Umsteigen auf Busse und Straßenbahnen sowie das Fahrrad ermutigen. Das sei angesichts des Bevölkerungswachstums notwendig, schon um den motorisierten Verkehr nicht weiter wachsen zu lassen, glaubt der zuständige Stadtrat Matthias Klipp. Pendler aus der Region Schwielowsee oder Werder könnten mit Fahrrad-Schnellstraßen und Park-and-Ride-Plätzen zum Verzicht auf das Auto bewegt werden. Spruchreif aber ist keines dieser Projekte. „Das steckt noch in den Kinderschuhen“, heißt es beim Landkreis.