Ecke Potsdamerstraße, Pohlstraße. Ein weißer Pkw biegt links in die Pohlstraße ein und fährt in die vollgeparkte Seitenstraße. Doch nach 100 Metern kommt das Auto zum Stehen und wendet wieder. Ab Pohlstraße 79 ist die Straße nämlich diesen Donnerstagnachmittag ab 15 Uhr für Autofahrer gesperrt – sowie 37 andere Straßenabschnitte in Berlin. „Stattdessen sind die Straßen für Menschen geöffnet.“ Jan Thomsen sagt diesen Satz. Er ist Pressesprecher der Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz und sagt außerdem: „Der autofreie Tag ist nicht unbedingt dann ein Erfolg, wenn keine Autos mehr fahren, sondern es soll demonstriert werden, dass der öffentliche Raum der Straßen anderweitig nutzbar ist.“

Die Regierende Bürgermeisterin von Berlin fährt an diesem Donnerstagmorgen zum Abgeordnetenhaus mit der Bahn statt mit dem Auto. Das teilt sie auf Twitter mit – inklusive Beweisfoto. Am internationalen autofreien Tag, an dem weltweit Aktionen rund um das Thema autofreie Mobilität stattfinden, ist die Nutzung der Bahn kostenfrei: Alle Passagiere dürfen ohne Fahrschein Bahn und Bus im AB-Bereich der Hauptstadt fahren. Berlin macht zum dritten Mal bei dem weltweiten Aktionstag mit. Doch lassen noch andere Autofahrer wie Frau Giffey das Auto stehen und fahren Bahn? 

Die Straßen sind zum Beispiel nutzbar für Kinder. Auf der Pohlstraße, die direkt auf der Höhe einer Kita auf einer Länge von rund 200 Metern gesperrt ist, fahren Mädchen und Jungen im Kindergartenalter mit Gokarts, Rollern und Dreirädern, sie spielen Ball und malen mit Kreide. Es ist 15.30 Uhr. „Ab 16 Uhr kommen noch viel mehr Kinder, wenn Kitas schließen“, sagt Regine Wosnitza, die im Projekt „Mobil im Kiez“ aktiv ist. 

„Verkehrswende“ kriegt am autofreien Tag eine neue Bedeutung

Provisorisch aufgestellte Straßenschilder machen einzelne abgesperrte Bereiche zu einer Spielstraße. Nicht den ganzen Tag, nur am Nachmittag von 15 bis 19 Uhr. Bahnfahren ist trotzdem den gesamten Tag kostenlos möglich. Doch laut BVG sei nicht viel mehr los als sonst: „Wir hatten eine normale Nachfrage für den sonnigen Tag.“ Und was ist mit den Autos auf den Straßen am autofreien Tag? „Wir haben heute Morgen kaum einen Unterschied festgestellt“, sagt der Pressesprecher der Verkehrsinformationszentrale. 

Der autofreie Tag geht also nicht um möglichst wenig Autos, sondern ist eher von symbolischer Natur. „Wir wollen zeigen, wie man die Straßen auch anders nutzen kann und was man dazugewinnen kann“, sagt Regine Wosnitza. Gerade fährt ein Auto vorbei an den Kuchen- und Bastelständen, die von den Projekten errichtet wurden, und wird aus von den Leuten in gelben Warnwesten herausgeleitet. In den Abschnitten parkende Autos wurden 72 Stunden vorher benachrichtigt, dass sie in diesen vier Stunden dort nicht mehr stehen dürfen. Vor einem weißen Mercedes steht das Ordnungsamt und berät, ob das Auto abgeschleppt werden soll. Der Fahrer wurde nicht erreicht. 

Der Verkehr blieb gleich – dafür gab es Spielstraßen

Jan Thomsen von der Senatsverwaltung ist sicher, dass Verkehrswende auf Kosten von Autofahrern passieren wird, das sei unvermeidbar. „Wir müssen die Gewohnheit der Autofahrer unterbrechen“, sagt er, ein Auto in Berlin stehe im Schnitt für 23 Stunden am Tag nur geparkt. „Das geht nicht mehr.“ Aktionen wie der autofreie Tag verdeutlichen dies. 

Der Fahrer des geparkten Autos hat sich dann doch noch angefunden. Er startet sein Auto und fährt leise weg, so als fahre er mitten durch eine Fußgängerzone. Als er wendet, fährt ein Kind im Gokart haarscharf am Heck vorbei, die Erwachsenen schnappen nach Luft – ganz schön knapp. Spielstraße und Autoverkehr geht offensichtlich schlecht zusammen. Der autofreie Tag schuf vier schöne Stunden für Kinder auf den Straßen und zeigt, was ohne Autoverkehr möglich wäre. Aber wirklich autofrei war der Tag noch lange nicht.