Am frühen Nachmittag sind es nicht Kinder, sondern vor allem Mitarbeiter des Ordnungsamts, die auf der Spielstraße unterwegs sind. Noch haben sich nicht alle daran gewöhnt, dass jeden Mittwoch hier niemand parken darf. An beiden Straßenenden der Böckhstraße in Kreuzberg stehen ehrenamtliche Helfer, die niemanden herein-, aber die vergesslichen Autofahrer herauslassen. Die Kinder, für die dieses Modellprojekt eingeführt wurde, sie kommen am Nachmittag. Dann nutzen sie die Straße: Kreide und Spielsachen liegen schon bereit. 

Die Böckhstraße im Graefekiez ist die erste offizielle temporäre Spielstraße Berlins. Sie besteht seit Sommer 2019. Von April bis September wird die Straße jeden Mittwochnachmittag sechs Stunden lang für den Auto- und Fahrradverkehr gesperrt. Außerdem gilt ein generelles Parkverbot. Dafür werden die Straßen von Kindern zum Spielen und von Erwachsenen zum Picknicken und Schachspielen genutzt.

Temporäre Fahrräder auf der Straße: Der kleine Emil (6) und sein Papa Bodo P. (42) zeichnen mit Kreide auf dem Asphalt. 
Emmanuele Contini
Temporäre Fahrräder auf der Straße: Der kleine Emil (6) und sein Papa Bodo P. (42) zeichnen mit Kreide auf dem Asphalt. 

„Das Angebot richtet sich an alle Anwohner“, meint Susanne Sekula, ehrenamtliche Helferin vom Verein Kannste auch!. Am meisten Spaß hätten aber natürlich die Kinder. Doch den Initiatoren geht es nicht nur darum, Parkplätze mit Spielplätzen zu ersetzen. Sekula spricht sogar von einer „Befreiung“ der öffentlichen Flächen. Sie hofft darauf, dass der autofreie Tag die Menschen zum Nachdenken anregt.

An diesem Donnerstag wird in Berlin zum dritten Mal der internationale autofreie Tag begangen. Von 15 bis 19 Uhr werden insgesamt 37 Straßen für den Auto- und Fahrradverkehr gesperrt, stattdessen sollen sie als Spielstraßen für Alt und Jung genutzt werden. Pkw-Fahrer werden angehalten, für einen Tag auf ihr Auto zu verzichten, dafür können alle die öffentlichen Verkehrsmittel im AB-Bereich kostenlos nutzen.

Verkehrs- und Mobilitätsexperte Andreas Knie sieht alle Spielstraßen als „Einüben in die neue Zukunft“. Der autofreie Tag sei ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Er wünscht sich „eine vom Blech befreite Stadt“. Auch wenn er eher symbolischen Wert habe, rege dieser Tag die Menschen zum Nachdenken und Hinterfragen an. 

Der internationale autofreie Tag bildet den Abschluss der europäischen Mobilitätswoche. Seit dem 16. September gab es europaweit verschiedene Aktionen zur Mobilitätswende. Der ADFC organisierte am 16. September bundesweit den „Park(ing) Day“, hier wurden Parkplätze in temporäre Parks und Orte zum Verweilen umgewandelt. Am Wochenende sind weitere Aktionen geplant, so beteiligt sich der ADFC am globalen „Fridays for Future“-Streik in Berlin, die „Kidical Mass“-Bewegung fordert kinderfreundlichere Städte.

Laut Lisa Feitsch vom Berliner ADFC brauche es dauerhaft autofreie Plätze, auf denen Kinder spielen, Erwachsene sich treffen und erholen können. Das verbessere die Luft und reduziere den Verkehrslärm. „Temporäre Spielstraßen, kostenloser ÖPNV an einem Tag, Mitmachaktionen am autofreien Tag: Das sind feine, aber kleine Aktionen“, sagt sie. „Für ein lebenswertes Berlin braucht es mehr – und es braucht dauerhafte Lösungen.“

Spielstraßen: Manche Menschen haben Angst vor Veränderungen

Ob das funktioniert, könnte sich bald im Graefekiez zeigen. Ab April 2023 soll der Kiez beinahe komplett autofrei werden. Private Pkws dürfen dort nur noch in Ausnahmefällen geparkt werden, Anwohner sollen das Parkhaus am Hermannplatz nutzen. Die Straßen werden als Spielstraßen ausgewiesen, Autofahrer dürfen noch im Schritttempo durchfahren.

Andreas Knie ist Mitglied in der Forschungsgruppe Digitale Mobilität und gesellschaftliche Differenzierung, die dieses Projekt betreut. So werde neuer Raum geschaffen, sagt er, von dem alle profitieren. Der Versuch ist für sechs Monate angesetzt, Knie erhofft sich jedoch eine Verlängerung und auch eine Ausweitung in andere Kieze. „Das kommt der Lebensfreude und dem Klima zugute.“ Außerdem könne es die Innenstädte nach der Corona-Pandemie wieder neu beleben, so der Mobilitätsexperte.

Wie erfolgreich das sein wird, wird sich wohl erst im Frühjahr zeigen. Doch der autofreie Tag an diesem Donnerstag wird sicherlich weitere Anstöße und Diskussionen bringen in der Frage, wie wir das Berlin von morgen gestallten wollen. Im Stadtbild zumindest war bis zum Nachmittag wenig Veränderung zu erkennen. Weder waren die U-Bahnen überfüllt, noch waren die Straßen leer. 

Könnten die Spielstraßen eine dauerhaft Lösung für Berlin darstellen? In Berlin gibt es derzeit 20 von diesen temporären Spielstraßen. Cornelia Dittrich vom Bündnis Temporäre Spielstraße ist auch Kritik an diesem Projekt gewöhnt. „Man zeigt ja im Grunde, was sein könnte und kommt dadurch mit den Nachbarn ins Gespräch.“ Von denen sind auch nicht alle für die Spielstraße. „Grundsätzlich haben die Menschen immer ein bisschen Angst vor Veränderung, aber eigentlich, wenn man es dann mal erlebt hat, dann merken alle, dass es eine ganz harmlose Sache ist.“