Verkehr und Mobilitätsverhalten: Das wichtigste Fortbewegungsmittel in Berlin sind die Füße

Das wichtigste Fortbewegungsmittel der Berliner hat keinen Motor. Es besitzt auch keine Räder und keine Pedale. Sondern (hoffentlich) zehn Zehen und ein gesundes Knochengerüst: Es sind die eigenen Füße. Mit keinem Verkehrsmittel legen die Menschen in Berlin so viele Wege zurück wie mit ihnen – 2013 waren es 31 Prozent. Das ist das Ergebnis einer großen Haushaltsumfrage der Technischen Universität Dresden, das der Senat am Mittwoch vorgestellt hat. „Die Bedeutung des Autos ist dagegen weiter gesunken“, sagte Verkehrs-Staatssekretär Christian Gaebler (SPD).

Schmutzig, laut, chaotisch: Diesen Eindruck haben viele Menschen vom Berliner Verkehr. Doch die neue Statistik zeichnet ein anderes, sehr positives Bild: von einer Stadt, die im Deutschland-Vergleich vorn steht, was umweltverträglichen Verkehr anbelangt, weniger als andere Städte zu den Klimaproblemen beiträgt – und stolz darauf sein kann.

Viele Haushalte ohne Pkw

Nach den Daten, die der Senat präsentierte, werden in Berlin 70?Prozent der Wege umweltfreundlich bewältigt – zu Fuß, mit Bus und Bahn, Rad. „In keiner anderen deutschen Stadt war der Anteil des Autoverkehrs niedriger“, so Berlins Chef-Verkehrsplaner Burkhard Horn, der mit dem Rad nach Mitte ins Büro fährt. „Da hat Berlin eine Vorreiterrolle.“

Zwar sei die Zahl der Berliner seit der vorangegangenen Umfrage von 2008 gewachsen – um 155 000. Dies habe aber nicht dazu geführt, dass es auf den Straßen viel voller geworden ist: „Der Verkehrszuwachs spiegelt sich nur zu fünf Prozent beim Pkw wieder.“ Die Zahl der zugelassenen Autos sei kaum gestiegen. Weiterhin falle Berlin in internationalen Vergleichen dadurch auf, dass viele Haushalte über kein eigenes Auto verfügen. 39,8 Prozent waren es bei der jüngsten Umfrage.

Sicher: Innerhalb Berlins gebe es Unterschiede. Horn ging davon aus, dass die Pkw-Nutzung in den dünner besiedelten Außenbereichen weiter über dem Durchschnitt liegt. So hatte die Umfrage 2008 ergeben, dass in Treptow-Köpenick 40 Prozent aller Wege mit Autos zurückgelegt werden – neue Bezirksdaten gebe es noch nicht. Ebenso sicher sei aber, dass sich in der Innenstadt der seit Jahren zu beobachtende Trend weg vom Auto fortgesetzt hat.

Die neueste Umfrage sagt jedenfalls: Bezogen auf ganz Berlin, ist der Anteil des Autos an den zurückgelegten Wegen von rund 33?auf 29,6 Prozent gesunken. Das Auto ist in dieser Statistik also nur noch auf Platz zwei. In früheren Befragungen stand der Pkw noch ganz vorne.

Auf Platz drei in der neuesten Rangfolge folgen Bahn und Bus: Bei keinem Fortbewegungsmittel nahm die Bedeutung seit 2008 um so viele Prozentpunkte zu wie beim Nahverkehr – von 24 auf 27?Prozent. Der Anteil des Fahrrads, das auf Rang 4 steht, stieg von elf auf 13 Prozent.

Soweit die Statistik. Was folgt daraus für die Verkehrspolitik? „Es geht nicht darum, das Auto zu verdrängen – sondern den Verkehr für alle stadtverträglich zu gestalten“, sagte Gaebler. Das könne allerdings bedeuten, dass Radfahrer und Fußgänger mehr Raum erhalten, während dem Autoverkehr Platz weggenommen wird. Das Straßenbahnnetz werde ausgebaut – mehr als die schon seit Jahren geplanten Neubauprojekte nannte er aber nicht.

„Wichtig ist, dass mehr passiert“

Doch es gab Kritik. Was der Anteil an allen in Berlin zurückgelegten Kilometern anbelangt, stünde das Auto auch weiterhin auf Platz eins, entgegnete der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC). Es bleibe wichtig für die Stadt. Verbesserungen gingen nur langsam voran, weil der Verwaltung Personal fehle, um neue Wege zu planen, sagte Bernd Zanke vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). Der Zuwachs des Radverkehrs sei lange bekannt. „Die Daten liegen auf dem Tisch. Wichtig ist, dass mehr passiert.“

Stefan Lieb vom Fachverband Fußverkehr Deutschland (FUSS) freute sich zwar über den ersten Platz. „Wir haben es geahnt – seit Jahren ist es auf den Gehwegen in der Innenstadt immer enger geworden.“ Ein Viertel des Verkehrszuwachses gehe auf das Konto der Fußgänger, doch das müsse sich auch in den Investitionen niederschlagen. Modellprojekte wie neue Ampelschaltungen seien schön, so Lieb. „Aber sie reichen nicht für den wachsenden Bedarf. Fußgänger wollen in ganz Berlin komfortabel vorankommen – auf guten Gehwegen und sicher über die Straßen.“