Berlin - Sitzplätze sind mittlerweile Mangelware in den Zügen der Hauptstadt-Region. Morgens, wenn sich Zehntausende von Pendlern auf den Weg machen, und später am Tag, wenn sie wieder nach Hause fahren, sind die Regionalzüge und S-Bahnen voll – und sie werden in den kommenden Jahren noch voller. Das zeigen aktuelle Prognosen des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB), die jetzt veröffentlicht worden sind. Danach werden die Fahrgastzahlen auf allen Pendlerstrecken nach Berlin bis 2030 stark ansteigen – auf einer Verbindung sogar auf fast das Doppelte.

„Ich kenne keine Region, wo das Wachstum im Regionalverkehr so groß ist“, sagte die VBB-Chefin Susanne Henckel. 2001 wurden die Züge für fast 43 Millionen Fahrten genutzt, 2016 waren es schon mehr als 81 Millionen. Die neuen Berechnungen des Verkehrsverbunds belegen nun, dass das Wachstum in diesem rasanten Tempo weitergeht.

Die Fachleute haben untersucht, in welchem Maße die Fahrgastzahlen bis 2030 zunehmen. Vergleichsbasis waren die Daten von 2013.

Zunahme um bis zu 95 Prozent

Ein Rekordanstieg wird für ein Teilstück der Strecke von Berlin in Richtung Cottbus erwartet, das südlich von Königs Wusterhausen verläuft: 95 Prozent. Auf anderen Pendlertrassen kommt der Zuwachs der 50-Prozent-Marke nahe. So beträgt der Anstieg auf der Strecke von Berlin nach Werneuchen 48 Prozent, heißt es in der Präsentation, die der VBB-Abteilungsleiter Thomas Dill jüngst vorstellte. Zwischen Berlin und Zossen steigt die Nachfrage um 47 Prozent, zwischen Berlin und Oranienburg immerhin bis zu 45 Prozent.

Damit nicht genug: Die VBB-Prognosen sind Mindestwerte für den sogenannten „Prognosenullfall“– sämtlich berechnet für den Fall, dass die Zahl der Zugfahrten nicht erhöht wird, keine Strecken aus- oder neu gebaut werden. Verbesserungen würden dazu führen, dass die Nachfrage noch stärker steigt.

„Hier hat Brandenburg lange geschlafen“, sagte ein Beobachter aus Berlin. Neue S-Bahn-Strecken und mehr Verkehr galten im Potsdamer Infrastrukturministerium lange Zeit als tabu – was auch daran lag, dass die Planer Finanzierungsprobleme fürchteten. Der Bund gibt den Ländern Geld, um S-Bahn- sowie Regionalzugfahrten zu finanzieren – und diese Geldbeträge sind endlich.

Allerdings: „Brandenburg gehört zu den Bundesländern, die die vom Bund bereitgestellten Mittel nicht vollständig für den Nahverkehr auf der Schiene ausgeben, sondern damit in erheblichem Umfang auch andere Landesaufgaben finanzieren“, bemängelte Hans Leister vom Fahrgastverband Pro Bahn Berlin-Brandenburg. Das führte dazu, dass das Land bei den Zugbetreibern zu wenige Fahrten bestellte. Die Folge: „Der Regionalverkehr leidet unter erheblichen Kapazitätsengpässen. Für viele Pendler heißt das: Stehplatz auf teilweise langen Strecken.“

„Jetzt wacht man langsam auf“, hieß es in Berlin. „Um die steigenden Pendlerzahlen zu bewältigen, wollen wir das Angebot erhöhen“, sagte Brandenburgs Infrastrukturministerin Kathrin Schneider (SPD). Das empfiehlt auch der VBB – etwa für die Strecken von Nauen und Fürstenwalde/ Spree nach Berlin.

Allerdings: Bis es Verbesserungen in großem Stil gibt, müssen Pendler noch warten – mehr als fünf Jahre lang. Ab November werden per Ausschreibung Betreiber für rund 15 Linien im Netz Elbe-Spree gesucht, die Verträge gelten ab Ende 2022. Jüngst stellte Schneider dar, was Pendler erwarten können. Beispiele: Auf der Regionalexpresslinie RE 1, die unter anderem Frankfurt (Oder) und Potsdam mit Berlin verbindet, sollen öfter Züge verkehren. Auch zwischen Bad Belzig und Berlin, wo der RE 7 fährt, sind mehr Fahrten geplant. Um den Betrieb auf der nicht minder stark genutzten Linie RE 2 zu stabilisieren, enden die Züge aus Cottbus in Nauen. Heute fahren sie noch bis Wismar.

S-Bahn bringt mehr Nachfrage

Nach Wismar soll die neue Linie RE 9 aus Elsterwerda über Berlin führen. Das bedeutet gute Nachrichten für Pendler aus dem Havelland. Weil zwischen Berlin und Nauen zudem weiterhin zwei Regionalbahnlinien verlaufen, gibt es dort unterm Strich vier Fahrten pro Stunde – wie gesagt ab Ende 2022.

Wie bisher lassen die Planer offen, ob das S-Bahn-Netz verlängert wird. Doch für ein Beispiel im Landkreis Oberhavel zeigen die Berechnungen des Verkehrsverbunds: Das könnte Umwelt und Straßen am stärksten entlasten. Ändert sich nichts, würde die Zahl der täglichen Fahrgäste zwischen Velten und Hennigsdorf von 4000 auf 4700 steigen. Wenn dort wieder eine S-Bahn fahren würde, wären es 6750.