Verkehrskonflikt in Berlin: Rad- und Autofahrer nerven sich gegenseitig

Berlin - Radfahrer sind Rüpel. Rowdies. Fahren bei Rot, rasen über die Gehwege. Es sind zu viele. Wenn man im Auto unterwegs ist, sind sie plötzlich da, und man muss aufpassen, dass man sie nicht überfährt. Kein Wunder, dass es so viele Unfälle gibt. Im Dunkeln fahren sie ohne Licht. Sie nehmen keine Rücksicht, auch nicht auf alte Leute.

Früher hat die Polizei noch kontrolliert. Auch für Radfahrer sollte es eine Führerscheinpflicht geben. Dann die Touristen, die in großen Gruppen herumtrödeln. Haben die zu Hause keine Regeln? Ich mag die Radfahrer nicht. Radfahrer nerven!

Autofahrer nerven!

Da! Schon wieder! Da ist schon wieder ein Taxi haarscharf an mir vorbeigerast. Von wegen 1,50 Meter Sicherheitsabstand. Das ist lebensgefährlich! Und dann die Touristen, die in großen Gruppen über den Fahrradweg trödeln. Haben die zu Hause keine Regeln? Immer noch gibt es in Berlin zu viele Straßen ohne Radfahrstreifen.

Die Leipziger Straße in Mitte, die Oranienstraße in Kreuzberg – Horror. Wenn es Radfahrstreifen gibt, sind sie zugeparkt. Wenn man auf der Kreuzung steht, um links abzubiegen, wird man angepöbelt. Ich mag die Autofahrer nicht. Autofahrer nerven!

Das sind Argumente in einem Streit, der immer heftiger auf den Straßen tobt. Dass die Aggressivität zunimmt, hat auch damit zu tun, dass über die Jahre immer mehr Radfahrer Autofahrern den Platz streitig machen.

Ein Vergleich von 2001 und 2014 zeigt: Auf der Karl-Liebknecht-Straße in Mitte nahm der Fahrradverkehr um 104 Prozent zu, auf der Zossener und der Blücherstraße in Kreuzberg sogar um 160 Prozent. Mancherorts sind zu manchen Zeiten genauso viele Fahrräder wie Autos unterwegs – etwa auf der Jannowitzbrücke in Mitte, wo die automatische Zählstelle des Senats in diesem Jahr 665.000 Mal ausgelöst hat.

Und es wird immer voller auf den Straßen. Die Zahl der Berliner wächst, und die Hoffnung, dass alle Neuankömmlinge auf das Auto verzichten, hat sich nicht bewahrheitet. Immer mehr Berliner sind erwerbstätig, sie müssen zur Arbeit und wieder zurück gelangen. Der Konsum verändert sich ebenfalls. Wer früher seinen Einkauf nach Hause trug, lässt ihn sich jetzt lieber nach Hause liefern.

Auch wenn viele Berliner darüber schimpfen, dass die Zahl der Radfahrer steigt: Es bringt nichts. Dieser Trend, der weltweit zu beobachten ist, wird sich in absehbarer Zeit nicht umkehren. Immer mehr Menschen treten in die Pedale. Weil sie so schneller ans Ziel kommen. Weil Parkplatzsuche nervt. Weil es gesund ist. Fußgängern fällt auf, dass nicht nur junge Leute über die Gehwege rasen, auch Senioren – und sie reagieren oft noch unfreundlicher, wenn sie angesprochen werden.

Auf den Sattel! Und los

Übrigens: Auch früher war Berlin schon eine Fahrradstadt. Verglichen mit 2001 war der Radverkehr in West-Berlin 1954 doppelt so groß. Nun steigen die Zahlen wieder an, der Siegeszug ist nicht aufzuhalten.

Der Konflikt auf den Berliner Straßen ist da, und er wird bleiben. Berlin muss darauf reagieren – mit mehr Platz für Radler. Um dieses Thema wird es in dieser Woche gehen. Radfahrer kommen zu Wort, aber auch ein Fußgänger wird berichten. Wir schauen nach Amsterdam und nach Marzahn-Hellersdorf. Und nun: auf den Sattel! Und los.