Berlin - Als Burkhard Horn am Donnerstagmorgen um 8.15 Uhr aus dem Haus tritt, muss er sich erst mal in Sicherheit bringen. Eine Radfahrerin rollt auf dem Gehweg auf ihn zu, er weicht an die Hauswand zurück, blickt der Frau missbilligend hinterher. „Klassische Situation“, sagt er, „ruhige Wohnstraße, Kopfsteinpflaster, sechs von zehn Fahrradfahrern weichen auf den Gehweg aus.“ Dieses kurze Eintauchen in die Statistik scheint Burkhard Horn zu beruhigen. Aus dem Passanten, der gerade beinahe angefahren wurde, ist im Handumdrehen wieder Berlins oberster Verkehrsplaner geworden – ein Mann, für den das morgendliche Geschehen auf einem Gehweg in Friedrichshain im Grunde nicht mehr sein kann als ein winziger Punkt in einem mächtigen, urbanen Raster.

Mit ähnlich abstrakten Erwägungen hat er damals übrigens auch die Wohnung hier gefunden, Bänschstraße, erster Stock Vorderhaus, mit Balkon. Diese Wohnung hat zu Burkhard Horns ganz privaten verkehrspolitischen Vorgaben gepasst, als er 2008 von Göttingen nach Berlin kam und eine Bleibe suchte. Maximal fünf Kilometer vom Köllnischen Park entfernt, wo die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ihren Sitz hat, wollte er wohnen, wenn möglich in einer ruhigen Seitenstraße, umgeben von guten Fahrradwegen. Es ist nämlich so, dass der 53-Jährige keinen Führerschein hat, aber dafür drei Fahrräder. Das eine ist ein robustes, schwarzes Stadtrad für den täglichen Gebrauch, das andere ein Rennrad mit einer 105er Shimano-Schaltung für längere Touren in Brandenburg. Das dritte Rad ist irgendwann mal übrig geblieben, steht jetzt oben in der Wohnung und könnte gegebenenfalls das erste Rad ersetzen.

Mit olympischer Gerechtigkeit

Man könnte nun meinen, dieser Mann, dessen Job es ist, Berlins gesamten Verkehr im Auge zu behalten, sei parteiisch, weil er ja nicht mal Auto fahren kann. Aber da täte man Burkhard Horn unrecht. Letztlich fühlt er sich (auch wenn er das selbst wohl nie so familiär formulieren würde) ein bisschen wie der Vater aller Verkehrsteilnehmer. Ein Vater, der mit olympischer Gerechtigkeit darüber wacht, dass es keinem zu schlecht ergeht, ob er nun Autofahrer, Fußgänger, Nutzer der öffentlichen Verkehrsmittel oder eben Fahrradfahrer ist.

Burkhard Horn sagt, Verkehrspolitik dürfe nie ideologisch sein. Sie sei dazu da, den Menschen das Leben in der Stadt so angenehm wie möglich zu gestalten, sie so schnell es geht von einem Punkt zum anderen gelangen zu lassen und dabei so wenig Abgase und Krach wie möglich zu verursachen. Das Schlüsselwort heißt Ausgleich. „Die Verkehrsteilnehmer müssen zusammen funktionieren, nicht gegeneinander“, sagt er. Seine Stimme ist ruhig, sein Blick unaufgeregt. Horn hat graue Haare, trägt eine randlose Brille und pflegt das leise, skeptische Lächeln eines Mannes, der Emotionen tendenziell für überschätzt hält. Er könnte wahrscheinlich auch als UN-Diplomat arbeiten, als Schlichter in irgendeinem Bürgerkrieg, und in gewisser Weise tut er das ja auch, weil der tägliche Straßenkampf von Berlin mitunter gar nicht so viel anders ist.

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