Verkehrspolitik: „Autofahren sollte in Berlin kein Bestandteil des Alltags sein“

Können wir unsere Autos abschaffen? In den Augen zumindest einer Leserin der Berliner Zeitung klang die Frage wie Hohn. Sie hatte laut Leserbrief nach langem Suchen für ihr Kind einen Kindergartenplatz bekommen – am anderen Ende der Stadt. Für sie war klar, dass das nur mit dem Auto zu schaffen ist. Sie hat Recht. Und doch ist das Auto nicht die Lösung ihres Problems. In diesem Fall ist Autoverkehr eine Zwangsbewegung aufgrund fehlender Einrichtungen. Das Kind braucht einen Kindergartenplatz in der Nähe, nicht die Mutter ein Auto.

Autofahren sollte in Berlin kein Bestandteil des Alltags sein müssen. Wir brauchen eine kleinteilige, lokale Infrastruktur. Eine Stadt, in der Wohnungen, Büros, Läden, Kindergärten, Restaurants, Museen, Schulen ohne Auto erreichbar sind. In einer solchen Stadt ist wenig Platz, denn alles liegt nah beieinander.

Hier können deshalb nur wenige Personen Auto fahren und parken – und zwar am besten die, die es am dringendsten brauchen, so wie die Mutter im Beispiel oben, solange sie eben keinen Kindergartenplatz in der Nähe hat.

Doch eine gute Nahversorgung reicht nicht aus. Es braucht eine Struktur, die aktive Bewegung fördert und gleichzeitig den „inneren Schweinehund“ in Schach hält. Ich will da von mir persönlich sprechen: Ich habe einen Kiez, der mir alles bietet. Unser Kindergarten ist zu Fuß erreichbar, Einkaufen und Ärzte sind um die Ecke, zur Arbeit fährt die S-Bahn. Ich brauche mein Auto also nicht, um den Alltag bewältigen zu können.

Und doch habe ich eins und nutze es auch. Mal regnet es, mal habe ich was zu schleppen, mal dauert mir die Fahrt mit dem Bus zu lang. Und manchmal wollen wir einen Ausflug unternehmen. Und warum auch nicht? Vieles im heutigen Berlin lädt mich zum Autofahren ein: Das Auto wartet kostenlos direkt vor der Tür, die Straßen sind breit, Parken ist billig und einfach.

Überflüssige Bequemlichkeitsfahrten

Hand aufs Herz: Wie häufig nehmen wir das Auto, obwohl es auch ohne ginge? Steuern Ziele an, die nicht wirklich nötig sind? Ja, es gibt Menschen, die in den heutigen Strukturen auf das Auto angewiesen sind. Aber ich persönlich unternehme zu viele überflüssige Bequemlichkeitsfahrten, auch weil es mir zu einfach gemacht wird. Was Leuten wie mir hilft, ist „Zuckerbrot und Peitsche“: Wir bekommen einen tollen Radweg – und der Parkplatz vor meiner Tür kostet Geld. Sozial ungerecht? Dann führen wir halt „Parkberechtigungsscheine“ ein. (Übrigens haben heute etwa 90 Prozent der reichsten Haushalte mindestens ein Auto, aber nur etwa 50 Prozent der ärmsten).

So ein Platz kostet dann umso mehr, je größer und schwerer mein Auto ist. Und die Hälfte aller Parkplätze auf meiner Straße kann weg, weil die Autos genauso gut im Parkhaus zwei Ecken weiter unterkommen. Und ja, eines Tages werden wir auch über Straßennutzungsgebühren reden müssen, spätestens wenn autonome Autos leer um den Block kurven, um Parkgebühren zu sparen.

Zweifel an Elektroautos

Damit ich mein Auto abschaffen kann, noch eine Idee: Dass ein stationärer Carsharing-Anbieter Unterstützung erhält, in meinen Außenbezirk zu kommen, weil sich das zu Anfang finanziell nicht trägt. Er soll übrigens bitte nicht elektrisch sein, sonst kann ich mein Auto nicht abschaffen – E-Autos sind bis heute für längere Ausflüge nicht geeignet.

Überhaupt: Elektroautos. Sie sind etwas für Menschen mit Garage, wo sie die Fahrzeuge zuverlässig laden können. Wer will sich schon allabendlich auf die Jagd nach einer freien Ladesäule machen, damit man am nächsten Morgen sicher losfahren kann? Öffentliche Ladeinfrastruktur für Autos in Innenstädten lockt wieder nur Autos von außerhalb in die Städte und kommt einer gut situierten Minderheit zugute.

Mehr Infrastruktur für E-Bikes

Wenn schon Elektrifizierung: Wir brauchen Orte, an denen Pedelecs sicher abgestellt und geladen werden können, weil man die weder in den Keller hieven kann, noch an der U-Bahn-Station abstellen möchte, sie aber für viele Menschen das Radfahren attraktiv machen.

Was ist mit all den neuen Angeboten? All den Bikes und Scootern und Autos zum Teilen? Sie können das entscheidende Quäntchen Komfort bieten, das wir an unseren Auto so schätzen oder bei „Öffis“ vermissen. Damit wir am Ende unsere Autos abschaffen können, weil wir sie nicht brauchen. Und sie auch abschaffen wollen, weil unsere Bequemlichkeit nicht länger unterstützt wird.