Mit dem Mobilitätsgesetz hat sich der Senat hohe Ziele gesetzt: Sauber, bequem und sicher soll er sein, der Verkehr der Zukunft. Das begrüßt auch der ADAC ausdrücklich.

Doch mit ihren drastischen Aussagen ist die Verkehrssenatorin weit davon entfernt, den Wandel mit den Bürgern gemeinsam zu gestalten. Ihre Forderung, Menschen sollten ihr Auto abschaffen, ist vielmehr besorgniserregend für einen Großteil der mobilen Hauptstädter.

Ein Mobilitätskonzept sollte sich an tatsächlichen Bedürfnissen orientieren, nicht an politischen Trends. Aufgrund der steigenden Pkw-Zulassungszahlen muss die Landesregierung einsehen, dass hier nach wie vor ein großer Bedarf vorhanden ist. Mehr als 1,2 Millionen Pkw sind derzeit in Berlin zugelassen, rund 4,9 Prozent mehr als noch vor fünf Jahren.

Berlin wird weiter wachsen, der Straßenraum nicht

Menschen in der Hauptstadt sind immer noch auf ihr Auto angewiesen. Das hat auch unsere jüngste Umfrage deutlich gemacht: Ohne Auto geht es für 93 Prozent der Berliner ADAC-Mitglieder nicht.

Richtig ist: Berlin wird weiter wachsen, der Straßenraum jedoch nicht. Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird uns so schnell keiner mehr den fragwürdigen Titel „Stauhauptstadt Nummer Eins“ streitig machen.

Im Fokus der Mobilitätswende sollte deshalb ganz klar der Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs stehen. Erst wenn schnellstmöglich gute Alternativen zum Auto geschaffen sind, können wir die Straßen langfristig für jene entlasten, die auf ihr Auto angewiesen sind. Aktuell hat der Nahverkehr seine Kapazitätsgrenzen aber bereits erreicht: Die Bahnen platzen aus allen Nähten, vor allem im Berufsverkehr. Wagenmangel, unzureichende Verbindungen und Personalprobleme verschärfen die Situation.

Es ist in Berlin nicht hinnehmbar, nur einem Verkehrsmittel – dem Fahrrad – den Vorzug einzuräumen

Dabei können sich viele Berlinerinnen und Berliner durchaus vorstellen, auf den Nahverkehr umzusteigen – aber dafür müssen die Voraussetzungen stimmen. Also müssen hier alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, damit die Kapazitätserhöhungen in Bezug auf Strecke und Transport schneller umgesetzt werden und nicht Zukunftsmusik und Versprechen bleiben.

Unter diesen Bedingungen ist es nicht hinnehmbar, aktuell nur einem Verkehrsmittel – nämlich dem Fahrrad – ungefiltert den Vorzug einzuräumen, ohne den Betroffenen die Konsequenzen dieser Entwicklung klar und transparent aufzuzeigen. Durch den anvisierten Rückbau von Straßen- und Parkraum zugunsten des Radverkehrs werden Berlinerinnen und Berliner in ihrem Mobilitätsbedürfnis gravierend eingeschränkt.

Das Fahrrad ist für fitte Menschen eine gute Alternative. Aber wie sieht es mit jenen aus, die körperlich oder altersbedingt keine langen Strecken mit dem Rad zurücklegen können? Wie sollen Pendler ohne Auto verlässlich und pünktlich zur Arbeit kommen? Wie sollen Schichtarbeiter in den frühen Morgenstunden oder nachts sicher und schnell an ihr Ziel kommen? In der Zeit von November bis April nimmt die Akzeptanz für das Zweirad wetterbedingt deutlich ab. Eine Tatsache, die ebenfalls konsequent in der politischen Debatte ignoriert wird.

Das Wetter wird ignoriert

Dem Radverkehr mehr Verkehrsraum zu geben, stößt bei einer knappen Mehrheit unserer Berliner ADAC-Mitglieder auf Zustimmung. Doch Mobilitätspläne zum Ausbau der Radverkehrsinfrastruktur müssen nicht vordergründig zu Lasten der Autofahrer gehen. Wir halten zum Beispiel ein gut ausgebautes Fahrradstraßennetz, getrennt von den Hauptverkehrsachsen, für sinnvoll.

Nach der einst autogerechten Stadt sollten wir nicht den Fehler machen, Berlin einseitig in eine fahrradgerechte Stadt zu verwandeln. Was wir brauchen, ist ein faires Miteinander auf Straßen und Schienen – mit einem Mobilitätskonzept, das die Bedürfnisse aller Verkehrsteilnehmer gleichermaßen berücksichtigt. Das wird dann auch bei den Berlinerinnen und Berlinern auf breite Akzeptanz stoßen.