Berlin - Wer regelmäßig mit dem Fahrrad auf der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg unterwegs ist, wird sich des Öfteren einen mehrspurigen Radweg gewünscht haben. Im Pulk fahren die Radler auf dem ohnehin schmalen Fußweg, den sie sich nicht nur mit Fußgängern teilen müssen, sondern auch mit Fahrgästen der Tram, die an den Haltestellenhäuschen warten. Wenn dann am Bahnhof Schönhauser Allee auch noch Fahrgäste von S- und U-Bahn hinzukommen und Kunden der Schönhauser Allee Arcaden, entstehen nicht selten brenzlige Situationen. Nun hat der Bezirk Pankow zwischen Eberswalder und Bornholmer Straße die Benutzungspflicht für Radwege aufgehoben. Radler dürfen auf der Straße fahren.

Mehr Platz für Drahtesel

„Der Anteil der Radfahrer ist extrem gestiegen“, begründet Pankows Stadtrat für Stadtentwicklung, Jens-Holger Kirchner (Grüne), den Schritt. Demnächst werden die Radler auch auf dem anderen Abschnitt der Schönhauser Allee auf der Straße fahren dürfen – aber nur auf Höhe der Tram-Haltestellenhäuschen. Am liebsten, so der Stadtrat, würde er von zwei Auto-Fahrspuren pro Richtung eine für den Radverkehr zur Verfügung stellen – doch das Land Berlin sei dagegen.

Dabei sei so ein Schritt angebracht. „Der Autoanteil auf der Schönhauser Allee ist geringer geworden“, sagt der Stadtrat. „80 Prozent der Wege werden zu Fuß, per Rad oder mit dem Öffentlichen Nahverkehr zurückgelegt.“ 30 Prozent aller Verkehrsteilnehmer in Prenzlauer Berg seien Radler, „aller Verkehrslogik zufolge müsste auch mehr Platz geschaffen werden für sie – wie es einst für die Autofahrer gemacht wurde.“ Für Entspannung der Lage soll ein weiterer Schritt sorgen: Die Straßenbahnhaltestellen sollen unter das U-Bahn-Viadukt verlagert werden.

Die Fahrgäste müssten dann auf der linken Seite der Bahn aussteigen, die Wartehäuschen auf dem schmalen Fußweg wären Geschichte. Laut Kirchner sind sowohl eine breite Mehrheit im Bezirksparlament als auch das Bezirksamt für all diese Veränderungen. „Aber Kritiker gibt es natürlich auch zuhauf.“ In dem Moment, wo man Autofahrer in ihren Rechten beschneide, hagele es Kritik: „Man macht sich in Berlin unbeliebt, wenn man einen Baum fällt, einen Hund tritt oder Autofahrern Parkplätze wegnimmt.“

ADAC enttäuscht, BVG zufrieden

Kritik kommt vom ADAC. „Ich bin verwundert und enttäuscht über die Entscheidung des Bezirks“, sagt ADAC-Sprecher Jörg Becker. Im Sommer 2012 habe es eine Abstimmung mit der Stadtentwicklungsverwaltung gegeben, wie die angespannte Situation auf der Schönhauser Allee entschärft werden könne. Man habe damals darüber gesprochen, dass parallel zur Schönhauser Allee eine neue Fahrradstraße eingerichtet werden könne. „Das würde den Radverkehr auf der Schönhauser Allee entlasten“, sagt Becker.

Der Senat habe angekündigt, gemeinsam mit dem Bezirk im Frühjahr 2013 eine Lösung zu präsentieren. Die Schönhauser Allee für Radler freizugeben, sei „die einfachste und preiswerteste Lösung“, räumt Becker ein, „aber sie schafft neues Konfliktpotenzial.“ Der ADAC werde sich in dieser Angelegenheit an Stadtentwicklungssenator Michael Müller wenden.

Die BVG wiederum sieht den Plänen des Bezirks wohlwollend entgegen. „Aus unserer Sicht ist eine Veränderung der Haltestellensituation sinnvoll“, sagt BVG-Sprecher Klaus Watzlak. „Wenn Fahrgäste beim Aussteigen die Fahrbahn queren, gibt es immer mal wieder Unfälle.“ Um die Haltestellen unter das Viadukt zu verlegen, müssten aber Bahnen angeschafft werden, die auch links einen Ausstieg haben und vorn und hinten einen Führerstand. Bei der Gelegenheit müsste auch die Endhaltestelle am Kupfergraben umgebaut werden. „Vor 2017 wird all das nichts“, so der Sprecher.

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung erklärte am Freitag, der Bezirk habe seine Maßnahmen abgestimmt – und auch die neue Fahrradstraße solle es geben. Die Autos bräuchten aber weiterhin zwei Spuren pro Richtung, erklärte Behördensprecherin Daniela Augenstein, täglich seien dort 31.000 Fahrzeuge unterwegs. „Den gesamten Verkehr neu anzuordnen, ist derzeit nicht sinnvoll.“ Auch wenn die Führung des Radverkehrs heute nicht mehr zeitgemäß sei.