Berlin - Ab sofort gibt es in Berlin Fußgängerampeln mit Gebrauchsanweisung. Am Donnerstag nahm Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) am Stuttgarter Platz in Charlottenburg die ersten in Betrieb. Aufkleber weisen darauf hin, dass dort ein Modellprojekt stattfindet. Sie erklären den Fußgängern auch, wie sie sich verhalten sollten. Denn diese Ampeln haben eine Schaltung, wie es sie anderswo in Europa nicht gibt. Der Test gehört zu einem Bündel von Aktionen, mit denen der Senat das Zu-Fuß-Gehen sicherer und bequemer machen will. Die Politik entdeckt die Fußgänger – doch das Geld ist knapp.

Um 11.12 Uhr drückte Müller einen Knopf, und die neu geschalteten Ampeln leuchteten auf. „Hier und an zwei anderen Kreuzungen in Berlin erproben wir das Rotblinken“, sagte er. Nach der Grünphase blinkt das rote Licht fünf Sekunden lang. Erst dann steht das rote Ampelmännchen still. Planer Horst Wohlfarth von Alm erklärte, was das Rotblinken bedeutet: „Wenn es beginnt, sollten Fußgänger die Straße nicht mehr betreten. Wer gerade auf der Fahrbahn ist, kann seinen Weg sicher fortsetzen“ – so steht es auch auf den Aufklebern. Die Schaltung, die es sonst nur in den USA gibt, soll nicht nur Fußgängern helfen, die Abläufe besser einzuschätzen: „Sie richtet sich auch an die Autofahrer.“

Kommt die Botschaft an?

Zwar sind Ampelphasen stets so berechnet, dass Fußgänger sicher zur anderen Straßenseite weiterlaufen können, wenn unterwegs die Ampel auf Rot umspringt. „Trotzdem fangen viele Autofahrer an zu drängeln, wenn sie sehen, dass bei Rot noch jemand auf der Straße ist“, so Wohlfarth von Alm. Das Blinken soll ihnen zeigen, dass die Sperrzeit, die den zweiten Teil der Rotphase bildet, noch nicht begonnen hat. So hoffen es jedenfalls die Planer.

Ob das jeder versteht, wird nun vor Ort untersucht. Zumindest bei den Fußgängern, die am Stuttgarter Platz die neue Ampel passierten, kam die Botschaft meist an. Ob er wisse, was das Blinken bedeutet? „Ich denke mal, dass ich dann nicht mehr losgehen soll“, riet Joel Kretzschmar. Hundert Punkte! „Anfangs dachte ich, die Ampel hat zu wenig Strom“, wunderte sich sein Mitschüler Paul Schröder, ebenfalls 15 Jahre alt. „Das ist eine Ampel mit Spaßfaktor“, meinte Adrian Walen, der mit den beiden unterwegs war.

Am 4. Dezember soll ein zweites Modellprojekt beginnen. Ebenfalls an drei Kreuzungen testet der Senat das Grünblinken – dies gibt es unter anderem in Österreich und den Niederlanden. Bevor die Fußgängerampeln auf Rot umspringen, blinkt das grüne Licht. „Das soll signalisieren: Achtung, gleich kommt das rote Signal“, so Wohlfarth von Alm. Wer gut zu Fuß ist, kann noch losgehen, alle anderen sollten lieber warten.
Mitte 2013 startet dann der dritte Test – mit Countdown-Ampeln. Sie funktionieren so: Wenn die Grünphase für Fußgänger beginnt, leuchten auf einem dritten Lichtsignal (Planer nennen so etwas „Kammer“) fünf Balken auf, die mit der Zeit nacheinander verschwinden. Die Planer haben keine Sekundenanzeige gewählt, sie wollten eine eigenständige Lösung. Darum heißen diese Zählampeln „Modell Berlin“.

Finanzierung wurde halbiert

Die Ampeltests sind eines von zehn Projekten, die in der Fußverkehrsstrategie des Senats stehen. Berlin ist eine der wenigen Städte, die sich so intensiv um das Zu-Fuß-Gehen kümmert. Bisher haben sich Planer damit nur am Rande beschäftigt, für Politiker spielte es keine Rolle. Dabei werden laut Senat immerhin 28 Prozent aller Wege zu Fuß bewältigt.

Diese Bedeutung schlägt sich aber weiterhin nicht adäquat im Etat nieder. Für alle Modellprojekte steht pro Jahr nur eine Million Euro zur Verfügung – angemeldet waren zwei Millionen, doch das wurde senatsintern nicht genehmigt.

Zu den Projekten gehörte auch eine Befragung von Fußgängern. 54 Prozent teilten dabei mit, dass sie mit den Verkehrsanlagen in Berlin zufrieden sind. Jedoch gaben viele Befragte auch zu Protokoll, dass sie Gehwegradler für das größte Problem halten. Dagegen scheinen die Planer im Senat machtlos zu sein.