Verkehrsprojekt: Hier werden die einspurigen Hauptstraßen ausprobiert

Platz da – für Fahrräder und Straßenbahnen. Autofahrer müssen damit rechnen, dass ihnen auf einigen Berliner Hauptverkehrsstraßen in Zukunft weniger Platz zur Verfügung steht.

Für Kraftfahrzeuge soll es dort nur noch einen Fahrstreifen pro Richtung geben – so der Plan, den der Senat jetzt prüfen lässt. Ein konkretes Projekt gibt es schon: Derzeit wird untersucht, ob die Schönhauser Allee im Osten der Stadt nach einem solchen Umbau noch funktionieren würde, sagte Verkehrs-Staatssekretär Jens-Holger Kirchner (Grüne).

Für viele Radfahrer gilt sie als Horrorstrecke, ein Unfallschwerpunkt ist sie auch. Auf der Schönhauser Allee lässt sich Tag für Tag erleben, dass viele Verkehrswege in Berlin für heutige Bedürfnisse nicht mehr ausreichen. Radfahrer drängen sich auf viel zu schmalen Gehweg-Radwegen, während die Fahrbahn auf einigen Abschnitten meist nur mäßig frequentiert wird. Eine Umgestaltung, die Radfahrern mehr Platz verschafft, könnte die Situation entspannen, heißt es im Senat.

Premiere in der Frankfurter Allee

„Das Reduzieren von Spuren wäre ein Instrument, um Platz für Fahrradfahrer oder Straßenbahnen zu schaffen“, sagte Staatssekretär Kirchner. Schon als Stadtrat in Pankow dachte er darüber nach, den Autoverkehr auf der Schönhauser Allee einzuschränken – auch um die Straße für Fußgänger angenehmer zu machen. Nun teilte er mit, dass für diese Straße nun eine Machbarkeitsstudie beantragt worden sei.

Am Freitag hatte der Grünen-Politiker auf Einladung der Böll-Stiftung an einer Podiumsdiskussion teilgenommen – und mit einer Äußerung für Aufhorchen gesorgt. Er kündigte an, dass Straßen einspurig werden sollten – „weil wir den Platz brauchen für andere“, wie ein Veranstaltungsteilnehmer notierte. Am Montag dazu befragt, stellte Kirchner klar, dass nicht geplant sei, jede Hauptverkehrsstraße in Berlin für den Autoverkehr zu verschmälern.

Zudem sei dies nicht das einzige Instrument, Verkehrsbedingungen zu verbessern. Wichtig sei ihm auch, dass man dem Autoverkehr nichts wegnehmen wolle. Doch klar sei: Wo es nötig sei, müsse Straßenraum neu verteilt werden. Es geht nicht nur um Radler: Das Straßenbahn-Netz wird erweitert, damit beansprucht auch die Tram mehr Platz.

Umverteilungsprojekt für die Frankfurter Allee

Das erste Umverteilungsprojekt dieser Art plant die Verwaltung für die Frankfurter Allee in Friedrichshain. Wie berichtet soll zwischen der Niederbarnimstraße und dem Bahnhof Frankfurter Allee ein Fahrstreifen stadtauswärts für den Radverkehr reserviert werden. Eine der drei Spuren wird versuchsweise umfunktioniert. Beginn der Testphase ist die zweite Jahreshälfte 2017.

„Ich finde die Diskussion sehr spannend“, sagte Heinrich Strößenreuther, Sprecher der Initiative Volksentscheid Fahrrad. „Auf Straßen ins Umland mit viel Pendlerverkehr wäre ein Fahrstreifen pro Richtung in einigen Fällen möglicherweise zu wenig. Doch in zentrumsnäheren Bereichen, zum Beispiel auf der Kantstraße in Charlottenburg oder der Sonnenallee in Neukölln, wäre das sinnvoll. Es geht vor allem um Straßen, auf denen heute schon nicht alle Fahrstreifen für den fließenden Verkehr genutzt werden, weil dort in der zweiten Reihe geparkt wird.“ Was Kirchner angesprochen hat, wäre vielerorts die „Legalisierung einer illegalen Situation“.

„Mit der Brechstange“

Doch die Opposition gerät aus der Spur. CDU-Fraktionschef Florian Graf sprach von einem „Kulturkampf gegen Autofahrer“. Der Individualverkehr auf der Straße werde brachial attackiert. Und auch der Wirtschaftsstandort Berlin sei damit in Frage gestellt, meinte er.
Ähnliche Töne kamen von der FDP-Fraktion: „Es ist eine arrogante Haltung von Kirchner, seinen Plan mit der Brechstange durchzusetzen.“ Erst wenn die Autobahn A 100 nach Lichtenberg verlängert worden sei, könnte man eine Straße wie die Frankfurter Allee entlasten.

Der Staatssekretär versuchte zu beruhigen: Die Verbannung von Dieselautos aus der Innenstadt wäre eine weitere Möglichkeit, um Platz zu schaffen. „Es wird nicht ab morgen alles einspurig sein.“ Auch anderswo werden Hauptstraßen verschmälert – ab April in Potsdam auf der starkgenutzten Zeppelinstraße. Strößenreuther: „Es gibt viele Städte, in denen Hauptstraßen mit einer Fahrspur pro Richtung mittlerweile der Normalfall sind. Ein Beispiel ist Amsterdam.“