Berlin - Es war eine besondere Veranstaltung. Eine Bürgerversammlung, bei denen Planern keine Fundamentalopposition entgegen schlug, sondern zum Teil sogar Wohlwollen. „Ich finde es wichtig, dass die Heidekrautbahn reaktiviert wird“, sagte Christoph Waffenschmidt aus Niederschönhausen. Dafür bekam er von anderen Anwohnern der künftigen Regionalbahnstrecke im Berliner Nordosten Applaus. Zwar stellten einige Bürger zu dem Bauprojekt der Niederbarnimer Eisenbahn (NEB) kritische Fragen. Doch unterm Strich unterschied sich die Infoveranstaltung am Montagabend deutlich von anderen Treffen dieser Art, wo es meist aggressiver zugeht.

"Es ist nicht alles einfach“, sagte der frühere Brandenburger Infrastrukturminister Reinhold Dellmann (SPD), der die Versammlung in der überfüllten Aula des Horts in der Schillerstraße moderierte. „Und es gibt viele Probleme, die gemeinsam mit Bezirk und Senat zu lösen sind.“ Doch der Wandlitzer, der seinen Berufsweg als Reichsbahn-Azubi im Stellwerk Basdorf begonnen hat, zeigte sich erleichtert, dass das Projekt nun endlich losgeht.

Es geht um ein Vorhaben, über das schon seit fast drei Jahrzehnten diskutiert wird. Berlin und Brandenburg bekommen eine traditionsreiche Bahnverbindung zurück, die es sechs Jahrzehnte gegeben hat – bis sie mit dem Mauerbau 1961 erst unterbrochen und dann immer weiter gekürzt wurde. Die fast 14 Kilometer lange Stammstrecke der Heidekrautbahn, auf der 1901 erstmals ein Zug in Richtung Schorfheide rollte, wird wiederbelebt.

Schneller in die Schorfheide

Das Projekt, dessen Kosten inzwischen auf fast 20 Millionen Euro veranschlagt werden, nützt nicht nur Pendlern aus Brandenburg, sagte Planer Stephan Garkisch. „Berliner gelangen schneller in die schöne Schorfheide“ – aber auch nach Wandlitz und Wandlitzsee. Pankow und das Märkische Viertel profitieren von dem Regionalbahnanschluss.

Der damalige NEB-Geschäftsführer Klaus Duscha gehörte zu in den 1990er-Jahren den ersten Verfechtern des Vorhabens. Doch er starb, ohne dass auch nur eine Schiene neu gelegt worden war. Mal wollte Brandenburg nicht, dann zeigte sich Berlin betont desinteressiert. Nachdem sich die Länder im Zeichen besserer Finanzen vor einigen Monaten endlich zusammengerauft und grundsätzlich grünes Licht gegeben haben, gehen die Planer der NEB ans Werk.

"Unsere Kollegen von der Deutschen Bahn finden unsere Planung äußerst ehrgeizig“, sagte Garkisch. Doch seine Mitstreiter und er halten daran fest. In diesem Jahr sollen die nötigen Gutachten fertig werden – unter anderem zum Thema Umwelt und Lärm. 2020 und 2021 sind den Plangenehmigungsverfahren vorbehalten.

Zwar handelt es sich vielerorts um eine Instandsetzung bestehender Bahnanlagen, wofür keine solche Prozedur erforderlich ist. Doch es entstünden auch neue Stationen und Bahnübergänge. Außerdem bekomme die größtenteils eingleisige Trasse zweigleisige Abschnitte – im Bahnhof am Wilhelmsruher Damm und kurz vor Mühlenbeck. „Wir gehen davon aus, dass große Teile definitiv Planfeststellungen brauchen. Ob 60, 90 oder 99 Prozent, wird noch geklärt“, sagte Reinhold Dellmann.

Elektrisch unterwegs

Bis 2023 soll gebaut werden. Zum Fahrplanwechsel in jenem Jahr steht dann die Eröffnungsfeier an. Garkisch: „Ende 2023 wollen wir den Betrieb aufnehmen.“ Weiß-blaue Triebwagen der NEB fahren mit Höchsttempo 80 täglich zunächst im Stundentakt bis Berlin-Wilhelmsruh, wo Fahrgäste auf S-Bahnen und Busse umsteigen. Von Basdorf wird die Reise 24, von Schildow zehn und von Blankenfelde sieben Minuten dauern.

Im Endzustand wird die Regionalbahnlinie dann auf Gleisen der Deutschen Bahn (DB) über Wilhelmsruh hinaus weiter nach Gesundbrunnen führen. Bislang hieß es, dass der Betrieb des zweiten Abschnitts im Zeitraum 2028 bis 2030 beginnt. Doch vielleicht ist das auch schon 2027 oder früher möglich, so Dellmann. „Bei der Bahn wird sehr intensiv gearbeitet.“ Sie wolle den alten Güterbahnhof Schönholz neu nutzen. Informationen aus Bahnkreisen zufolge könnten dort künftig Fernzüge auf ihren nächsten Einsatz ab Gesundbrunnen warten.

Züge sollen nicht pfeifen

Die Bürger hatten viele Fragen. Zum Beispiel: Wie laut wird es für die Anwohner? Wo es Schallschutz geben wird, werden Gutachten klären, hieß es. „Unsere Dieseltriebwagen sind leise. Wenn wir mit Wasserstoff elektrisch fahren, wird der Betrieb noch leiser“, sagte Dellmann.

Werden die Züge an Bahnübergängen pfeifen? Garkisch: „Es sind keine Pfeifsignale erforderlich“ – zumindest nach Auffassung der NEB. Sechs Übergänge im Bezirk werden technisch gesichert, drei mit Gittern und freiem Blickfeld ausgestattet. Am Ende entscheide aber die Aufsichtsbehörde, was nötig ist. Ein Bewohner eines Mietshauses in der Hertzstraße blieb skeptisch. „Im Endzustand wird alle 15 Minuten ein Zug vier Meter vor meinem Wohnzimmer fahren. Das ist nicht wenig“, klagte er.

Die NEB erläuterte auch, in welchem Maße geschlossene Bahnübergänge den Straßenverkehr behindern werden. „Am Bahnübergang Wilhelmsruher Damm wird es bei jeder Zugfahrt zirka zwei Minuten dauern“, erklärte Garkisch. Dort gebe es mehrere Einmündungen, außerdem einen Radweg. Am Übergang Lessingstraße soll die Unterbrechung dagegen weniger als zwei Minuten dauern.

Bloß keinen Zaun am Gleis

Ein anderer Anwohner bat, „bitte keinen Zaun“ zu bauen, um das Gleis gegen Überschreiten zu sichern. Das erinnere ihn an die Berliner Mauer. „Das wird noch zu klären sein“, sagte Stephan Garkisch.

Auch über Stationsnamen sei noch zu entscheiden, hieß es am Montagabend. Der Halt, der zwischen Wilhelmsruher Damm und Quickborner Straße entsteht, müsse Rosenthal heißen, so Dieter Bonitz vom Bürgerverein Dorf Rosenthal. Dafür habe auch der Verkehrsausschuss der Bezirksverordnetenversammlung Pankow votiert. Unweit der Station, in der sich dank Weichen Züge begegnen können, endet die Straßenbahnlinie M1 aus Mitte und Pankow. Auch Busse halten nahebei.

„Dies wird ein Verkehrsknotenpunkt“, sagte Bonitz. Dem sollte Rechnung getragen werden – mit Fahrradbügeln, Gastronomie und anderem Service. Für die Gestaltung des Umfelds sei aber der Bezirk zuständig, hieß es von Seiten der NEB.

Über die vorläufige Endstation Wilhelmsruh, die neben dem S-Bahnhof auf einem Damm entstehen soll, wurde ebenfalls diskutiert. Auf Kritik stieß, dass sie zwar eine Rampe zur Kopenhagener Straße hin und in der Mitte eine Treppenaufgang, aber keinen Aufzug bekommen soll. „Das entspricht den gesetzlichen Regelungen“, entgegnete Garkisch. Eine Änderung würde es erfordern, den bestehenden Planfeststellungsbeschluss, den die NEB für das rund 600 Meter lange südlichste Streckenstück in der Tasche hat, aufzugeben. Ein neues Verfahren müsste begonnen werden – zu aufwändig.

Wegrollgefahr wie in Stuttgart 21?

Einem Bürger ist aufgefallen, dass der 140 Meter lange Bahnsteig eine Längsneigung haben wird. Bestünde da nicht die Gefahr, dass Rollatoren, Kinderwagen und ähnliches wegrollt? Die NEB wies den Vergleich mit Stuttgart 21 zurück. „Auch hier halten wir alle Regelungen ein“, so Garkisch. So werde der Bahnsteig einen rauen Belag erhalten, der Wegrollen verhindert.

Klar ist bereits jetzt: Wo über Jahrzehnte wilde Fußwegverbindungen entstanden sind, werden wieder Gleise liegen. Daran müssen sich die Bürger gewöhnen. Dellmann: „Wer sich hinstellt und sagt, er sei nicht richtig informiert worden, dem können wir nur sagen: Rechtlich ist das immer noch eine Bahnstrecke.“