Berlin - Es war ein Satz, der viele Berliner Autofahrer verstört hat, weil Umwelt- und Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) damit jahrzehntelange Gewohnheiten scheinbar kompromisslos infrage stellte. „Wir möchten, dass die Menschen ihr Auto abschaffen“, hat Günther am Donnerstag auf einem Treffen der CDU-Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung am Mittwoch gesagt. CDU-Verkehrspolitiker Oliver Friederici bezeichnete Regine Günther daraufhin umgehend als „Anti-Auto-Senatorin“ und forderte ein Recht auf Mobilität, auch für Autofahrer.

In Regine Günthers Senatsverwaltung und bei den Grünen sprach man später von einer verkürzten Darstellung. Einen „Verbotssprech“ wolle man keineswegs pflegen, betonten führende Grünen-Politiker. Um einen moderateren Ton sind die Grünen inzwischen redlich bemüht. Apodiktische Forderungen wie die nach einem wöchentlichen Veggietag in öffentlichen Kantinen hatten den Grünen in der Vergangenheit den Ruf eingebracht, bevormundende Besserwisser zu sein.

„Verkehrswende muss eine Wende weg vom individuellen Autoverkehr sein“

Laut Günthers Sprecher Jan Thomsen hat die Senatorin den kontrovers diskutierten Satz denn auch in einem größerem Zusammenhang formuliert. „Wir möchten, dass die Menschen ihr Auto abschaffen und mit dem öffentlichen Nahverkehr fahren, mit dem Fahrrad fahren oder zu Fuß gehen oder die Sharing-Angebote nutzen“, hat Günther demnach tatsächlich gesagt. „Denn je weniger Autos auf der Straße sind, desto besser – desto mehr Platz haben wir für diejenigen, die wirklich aufs Auto angewiesen sind, nämlich Handwerker, Lieferdienste, Pflegedienste, Polizei.“ 

Am Freitag legte die Senatorin gegenüber der Berliner Zeitung noch einmal nach: „Die Verkehrswende muss eine Wende weg vom individuellen Autoverkehr sein. Sonst ist sie keine.“

Es ist eines der zentralen Reizthemen in dieser Stadt: Jeder Autofahrer merkt derzeit, dass das Wachstum Berlins dazu führt, dass Staus und Verkehrshindernisse zunehmen. Das neue Mobilitätsgesetz stärkt insbesondere den Radverkehr, die Idee der autogerechten Stadt ist damit passé. Das alles verunsichert Gewerbetreibende oder Bewohner der Außenbezirke, die heutzutage auf das Auto angewiesen sind, um ihren Alltag bewerkstelligen zu können.

Senat unterstützt im Wrangelkiez Pilotprojekt

Dass Regine Günther Sorgen von Autofahrern nicht einfach abtut, zeigen die vergleichsweise moderaten Dieselfahrverbote auf nur wenigen Straßenabschnitten, die ab Frühsommer gelten sollen.

Den Streit um den Ausbau der A100 bis nach Friedrichshain und darüber hinaus hat der rot-rot-grüne Senat bekanntlich aufgeschoben.

Das langfristige Ziel einer weitgehend autofreien Innenstadt verfolgt Senatorin Günther unbeirrt weiter. Am Freitag teilte sie mit, dass ihr Haus die Machbarkeitsstudie „Autofreier Wrangelkiez“ in Kreuzberg finanzieren wird. Dabei soll geprüft werden, wie eine weitgehende Verringerung des motorisierten Individualverkehrs erreicht werden kann. Auch um zukunftsfähige Lösungen für den Dieselverkehr soll es gehen.

Die Untersuchung bezieht sich auf das Gebiet zwischen Spree, Landwehrkanal, Görlitzer Park und Skalitzer Straße. „Die Studie wird zeigen, wie wir Mobilität neu organisieren können“, sagte Günther. Das sei ein weiterer Baustein für die Verkehrswende.

Wrangelkiez bekommt neue Fahrradstellplätze auf der Fahrbahn

Noch in diesem Jahr werden in dem Kiez zwei Diagonalsperren an den Kreuzungen der Wrangelstraße mit der Cuvry- sowie der Falckensteinstraße für eine Verkehrsberuhigung sorgen, kündigte der Bezirk an. Zudem würden zahlreiche neue Abstellanlagen für Fahrräder errichtet – größtenteils auf der Fahrbahn.

Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) freut sich: „Nun besteht die Möglichkeit, dass der Kiez zum Pilotprojekt für Autofreiheit in der Innenstadt und damit zum Vorreiter für moderne Mobilität wird.“