Berlin - Markus van Stegen ist ein positiv denkender Mensch. Doch die neue Unfallstatistik, die nun vorliegt, bedrückt den Leiter des Sachbereichs Verkehr im Stab der Polizeipräsidentin. Denn die aktuellen Daten belegen, dass sich der Negativtrend des vergangenen Jahres im ersten Halbjahr 2012 fortsetzt. „Wir verzeichnen besorgniserregende Steigerungsraten“, sagte der Polizeidirektor. So zeigt der Vergleich mit dem ersten Halbjahr 2011, dass die Zahl der Menschen, die bei Verkehrsunfällen schwer verletzt wurden, um 12,1 Prozent gestiegen ist – auf fast tausend. Die Zahl der Fußgängerunfälle wuchs um 6,5 Prozent.

Statistiken wirken kühl, abstrakt, mathematisch. Doch in der Unfallstatistik steht jede Zahl für viele Schicksale, denn jeder Unfall kann ein Leben von Grund auf verändern – und manchmal auch beenden. Deshalb nehmen van Stegen und sein Team die erste Berliner Unfallstatistik dieses Jahres sehr ernst. „Wir können diesen Trend nicht akzeptieren“, sagte er.

„Es mangelt an Aufmerksamkeit“

Von Anfang Januar bis Ende Juni hat die Polizei 63.710 Unfälle registriert – 2,2 Prozent mehr als im selben Zeitraum des Vorjahres. Zwar sank die Zahl der Unfalltoten von 22 auf 20, sagte Polizeioberrat Andreas Tschisch. Aber dafür gab es bei den Schwerverletzten eine Zunahme von 871 auf 976, bei den Leichtverletzten einen Anstieg von 6843 auf 7025. Die Zahl der Unfälle mit Fußgängern nahm ebenfalls zu: von 1165 auf 1241. Auch bei den Unfällen mit Radfahrerbeteiligung gab es keinen Rückgang. Die Zahl stieg um 36 auf 3372.

„Wir haben nun mit den Polizeidirektionen vereinbart, dass wir noch zielgerichteter vorgehen“, sagte Markus van Stegen. Das bedeutet: Unfallschwerpunkte identifizieren und dort gezielt regelmäßig kontrollieren. Die Polizei nehme auch verstärkt die vielen Baustellen ins Visier: „Sie behindern oft die Sicht auf den Verkehr.“

Die Bemühungen, Unfälle zu verhindern, hätten aber Grenzen. Oft hätten Unglücke vermieden werden können, wenn die späteren Opfer andere vorgelassen und nicht auf ihr Recht gepocht hätten. „Es mangelt auch an Aufmerksamkeit, an Sorgfalt.“ Allzu häufig werde nicht hingesehen, wer sich sonst noch auf der Straße befindet. Beispiel: Von den 29 Fußgängern, die im vergangenen Jahr tödlich verunglückten, hatten 25 ihren Unfall verursacht oder mitverursacht. Oft liefen sie ohne hinzuschauen auf die Straße. „Wir haben 5300 Kilometer Straße in Berlin und viele, viele Fußgänger. Wir können nicht hinter jeden einen Polizisten stellen“, so van Stegen.

Neun Senioren starben

Bei den Radlern ist der Anteil der fremdverursachten tödlichen Unfälle höher. 2011 starben elf Radfahrer, davon sechs durch abbiegende Lkw oder Autos. Ebenfalls bemerkenswert: Die Zahl der Unfälle zwischen Radlern und Fußgängern ist niedriger als viele glauben. Im ersten Halbjahr betrug sie 215, im ersten Halbjahr 2011 waren es 208.

Trotzdem werde es weiterhin Schwerpunktkontrollen des Radverkehrs geben, sagte van Stegen. Auch wenn sie bei vielen Polizisten unbeliebt sind, weil sich Radler meist uneinsichtig zeigen. „Doch wir nehmen die vielen Regelverstöße nicht hin“ – auch nicht den Anstieg der Unfallzahlen.

„Die Alterung der Gesellschaft schlägt sich ebenfalls in der Statistik nieder“, sagte Verkehrs-Staatssekretär Christian Gaebler (SPD). Neun Senioren starben im ersten Halbjahr im Verkehr, im selben Zeitraum 2011 waren es acht. „Es ist bedauerlich, dass wir nach Jahren mit sinkenden Unfallzahlen wieder einen Anstieg verzeichnen“, so Gaebler. Der Senat will den Trend umkehren. Unter anderem mit einer besseren Verkehrserziehung, mehr Zebrastreifen, fußgängerfreundlichen Ampeln – und einem neuen Verkehrssicherheitsprogramm, das die Konzepte zusammenfasst. Gaebler: „Es soll noch 2012 verabschiedet werden.“