Ausrangiert: Tier Mobility nimmt seine Sitzroller in Berlin von der Straße

Mit dem Aus schrumpft das Leihroller-Angebot in der Stadt um ein Viertel. Dabei gelten die Scooter im Vespa-Stil als ernst zu nehmende Alternative zum Auto.   

Das E-Moped ist raus. Tier Mobility bietet nur noch E-Scooter und E-Bikes an.
Das E-Moped ist raus. Tier Mobility bietet nur noch E-Scooter und E-Bikes an.Tier Mobility

Es wäre sicher übertrieben zu behaupten, die türkisfarbenen Elektromopeds von Tier hätten das Berliner Stadtbild geprägt. So war es wohl nicht. Aber sie gehörten zweifelsfrei dazu. Immerhin wuselten in besten Zeiten 1500 dieser per App buchbaren Scooter durch die Stadt. Kaum weniger also, als die BVG Busse in ihrer Flotte hat. Doch das ist Vergangenheit. Das Berliner Unternehmen Tier Mobility gibt den E-Moped-Verleih auf. Vor wenigen Tagen rollte der letzte elektrifizierte Zweisitzer in die Firmengarage. Ende der Reise.

„Wir haben beschlossen, den Betrieb unserer E-Mopeds in Deutschland zum Ende des Jahres auslaufen zu lassen“, erklärt Tier-Sprecher Patrick Grundmann. Die Fahrzeuge würden von den Straßen verschwinden und nicht wieder zurückkehren, sagt er. Auf der App sind die führerscheinpflichtigen Strom-Roller schon nicht mehr buchbar.

In den obersten Etagen des Atrium-Towers am Potsdamer Platz, wo das Unternehmen seinen Sitz hat, war die Entscheidung bereits im September gefallen. Kurz zuvor hatte das Management bekannt gegeben, 180 der insgesamt 1150 Stellen zu streichen. Jede sechste Stelle sollte wegfallen. Zugleich kündigte Firmenchef und -mitgründer Lawrence Leuschner „grundlegende Änderungen am Geschäft“ an.

In dem 2018 in Berlin gegründeten Unternehmen, das erst vor einem Jahr von internationalen Investoren wie dem japanischen Softbank-Konzern mit 200 Millionen US-Dollar gefüttert und dabei auf einen Firmenwert von zwei Milliarden Dollar taxiert wurde, sollte es fortan um höhere Renditen statt um schnelles Wachstum gehen. Projekte, die keinen klaren Weg zur Rentabilität vorweisen können, sollten laut Leuschner gestoppt werden oder pausieren. Konkreter wurde der Tier-Chef seinerzeit nicht. Jetzt ist es raus.

Tier will sich auf E-Scooter und E-Bikes konzentrieren

Tatsächlich hatte Tier den E-Moped-Verleih bereits im Frühjahr in Hamburg und im Juni in Köln gestoppt. Übrig geblieben waren nur noch die Städte München und Berlin. Zuletzt waren in der Hauptstadt noch etwa 1000 Scooter im Einsatz und diese in der Stadt durchaus gefragt. Wie es intern heißt, seien die E-Mopeds insgesamt sogar besser gebucht worden als die weiterhin angebotenen Stehroller und E-Bikes. Aber offenbar war diese Fahrzeuggattung zu teuer.

„Die Fahrzeuge benötigen hohe Investitionskosten in die Soft- und Hardware, welche sich für uns leider nicht mehr rentieren auf dem Weg zur Profitabilität“, sagt Sprecher Grundmann und verweist auf große Ziele. „Wir legen nun voll den Fokus auf unsere E-Scooter- und E-Bike-Flotten und den Ausbau unserer Marktführerschaft in Deutschland und weltweit.“

Möglicherweise war der Sitzroller-Verleih bei Tier aber auch nie wirklich angekommen. Denn tatsächlich entstand der Geschäftszweig aus einer Gelegenheit heraus. Das mit E-Scootern gestartete und gewachsene Unternehmen hatte die taiwanischen Elektroroller im Vespa-Stil Anfang 2020 von der ehemaligen Berliner Bosch-Tochter Coup übernommen, nachdem deren Mutternehmen dieses nach nur drei Jahren geschlossen hatte. Damals führte auch Bosch zu hohe Kosten als Grund für den Rückzug an. 5000 Roller waren seinerzeit abzugeben. Tier schlug zu und will die Scooter nun wieder loswerden.

Dass in Berlin nun 1000 Leihroller weniger zur Verfügung stehen, wird die zwei verbliebenen Anbieter freuen. Das ist zum einen das 2015 in Schöneberg gegründete Unternehmen Emio, das als Pionier des E-Moped-Sharings in Deutschland gilt, seit einigen Jahren Emmy heißt und inzwischen von dem israelischen Unternehmen Go To Global übernommen wurde.

Zudem gibt es seit dem Sommer vorigen Jahres noch den niederländischen Verleiher Felyx. Beide zusammen haben in Berlin etwa 3000 Sitzroller auf den Straßen. Mit dem Tier-Rückzug schrumpft das Angebot also um ein Viertel.

Janna Aljets, die im Thinktank Agora Verkehrswende den Projektbereich Städtische Mobilität leitet, wertet das Aus tatsächlich als Verlust. E-Mopeds haben nach ihrer Einschätzung eine besonders Zielgruppe, würden im Gegensatz zu den E-Scootern eher für längere Strecken genutzt. „Damit haben die E-Mopeds aus meiner Sicht ein größeres Potenzial, um tatsächlich ein Auto ersetzen zu können“, sagt Aljets.

Berlin auf Platz fünf im europäischen Städte-Ranking des E-Moped-Sharings

Allerdings bedeutet die Tier-Entscheidung auch nicht, dass der E-Moped-Verleih ein Auslaufmodell ist. Jedenfalls besagt der gerade erst erschienene Global Moped Sharing Market Report 2022 das Gegenteil. Demnach stieg allein im vergangenen Jahr die Zahl der bei Sharing-Diensten für E-Mopeds registrierten Nutzer weltweit um 40 Prozent auf etwa 17 Millionen.

Gleichzeitig stieg die Zahl der Städte, in denen Moped-Sharing angeboten wird, in den vergangenen zwölf Monaten um 25 Prozent auf mehr als 220. Und die Zahl der Betreiber von Moped-Sharing-Diensten stieg um acht Prozent auf insgesamt 94 Anbieter. Insgesamt gibt es 130.000 Elektromopeds, die per App gemietet werden können.

Deutschland rangiert der Studie zufolge mit insgesamt 11.000 per App mietbaren Stromrollern auf Platz fünf in der Welt und belegt Rang drei in Europa, woran auch der Tier-Rückzug nichts ändern dürfte. „Berlin bleibt die deutsche Moped-Sharing-Hauptstadt“, sagt Enrico Howe, Co-Autor des Reports, im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Im europäischen Vergleich steht Berlin allerdings hinter Madrid, Paris, Mailand und Barcelona nur auf Platz fünf. Dort sind jeweils gut 5000 Leih-E-Mopeds auf den Straßen.