Experte kritisiert: „Die Friedrichstraße ist die Lachnummer der Nation“

Die Politik wiederholt alte Fehler, sagt der Chef von Whatalocation. Doch die Straße habe ein prinzipielles Problem, das mit der Sperrung nichts zu tun hat.

Seit Ende Januar ist der Mittelteil der Friedrichstraße in Mitte wieder für Kraftfahrzeuge gesperrt. Die Fahrbahn steht Fußgängern, Fahrrädern und E-Scootern auf ganzer Breite zur Verfügung.
Seit Ende Januar ist der Mittelteil der Friedrichstraße in Mitte wieder für Kraftfahrzeuge gesperrt. Die Fahrbahn steht Fußgängern, Fahrrädern und E-Scootern auf ganzer Breite zur Verfügung.Jochen Eckel/imago

Berliner müssen damit leben, dass sie in der Ferne mit Berliner Themen konfrontiert werden. „Im Ausland sprechen mich Kunden an und fragen, was bei uns in der Friedrichstraße los ist“, sagt Henning Richard Haltinner, Gründer und Chef des Unternehmens Whatalocation, das in 34 Ländern Daten für den Einzelhandel aufbereitet. „Die Friedrichstraße ist die Lachnummer der Nation. Schade, dass das auch im Ausland so gesehen wird.“ Mit dem Straßenabschnitt in Mitte, der Schauplatz eines heftig diskutierten Experiments zur Mobilitätswende geworden ist, habe aber nicht nur die Politik ein Problem. Nicht jeder Händler habe die Zeichen der Zeit erkannt, meint er.

Es geht um den rund 500 Meter langen Mittelteil der Friedrichstraße, der die Galeries Lafayette und das Russische Haus umfasst. Ende August 2020 ließen der Bezirk und der Senat das Teilstück zwischen der Leipziger und der Französischen Straße für den Modellversuch Flaniermeile sperren. Fußgänger bekamen mehr Platz, ein provisorischer Radweg wurde markiert. Nachdem eine Weinhändlerin aus der benachbarten Charlottenstraße erfolgreich vor dem Verwaltungsgericht geklagt hatte, durften ab dem 22. November 2022 wieder Autos fahren. Seit dem 30. Januar ist das Teilstück wieder für Kraftfahrzeuge tabu. Diesmal soll es dauerhaft für Fußgänger geöffnet werden.

Inzwischen ist die Friedrichstraße so etwas wie der Ground Zero der Mobilitätspolitik in Berlin geworden. Während des Wahlkampfs zur Wiederholungswahl am 12. Februar führte die Opposition die Sperrung als Beispiel dafür an, dass die Grünen den Autoverkehr zurückdrängen wollen. Anwohner haben Widerspruch gegen die Teileinziehung eingelegt und wollen bis in die letzte Instanz gegen den Bezirk Mitte klagen. Die Planer wiederum verweisen darauf, dass dieser Teil des östlichen Stadtzentrums attraktiver werden soll – und auch der Einzelhandel profitiert.

Sitzgelegenheiten, Pflanzkübel und mehr Platz für Fußgänger: So soll der mittlere Abschnitt der Friedrichstraße nach der geplanten zweiten provisorischen Umgestaltung aussehen.
Sitzgelegenheiten, Pflanzkübel und mehr Platz für Fußgänger: So soll der mittlere Abschnitt der Friedrichstraße nach der geplanten zweiten provisorischen Umgestaltung aussehen.Visualisierung: Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz

„Wir haben keinen Schuss mehr frei“, sagt Henning Richard Haltinner. „Die Friedrichstraße ist in einer Abwärtsspirale“, analysiert der Start-up-Unternehmer, der 1985 in Berlin geboren wurde und die Straße aus Kindheit und Jugend kennt. Die Verwaltung mache dieselben Fehler wie ihre Vorgänger 2020 beim Verkehrsversuch Flaniermeile: „Die Abwärtsentwicklung zu stoppen, wäre die Aufgabe des öffentlichen Sektors in Zusammenarbeit mit den Akteuren vor Ort. Den Verkehr zu beruhigen und dann erst schauen, was passiert – so geht es nicht.“ Erneut gibt es ein Provisorium, Sitzmöbel und Blumenkübel werden aufgestellt. Ein Gesamtkonzept steht noch aus.

„Eine Verkehrspolitik, die das Auto durch das Fahrrad ersetzt, ist idiotisch“

Ein weiteres Manko ist es nach seiner Meinung, wie schon beim ersten Mal weiterhin Fahrradverkehr zuzulassen. „Auch als der Abschnitt 2020 zum verkehrsberuhigten Bereich wurde, blieb er für Fußgänger ein hektischer Ort. Es war weiterhin keine Straße, die zum Verweilen einlud. Fußgänger liefen ständig Gefahr, von Radfahrern überfahren zu werden. Der Verkehrsversuch Flaniermeile war von Anfang an falsch konzipiert“, erinnert sich Haltinner. „Aus meiner Sicht ist eine Verkehrspolitik, die das Auto durch das Fahrrad ersetzen will, idiotisch. Auch nach der erneuten Sperrung können Radfahrer den Abschnitt benutzen. Es besteht die Gefahr, dass der alte Fehler wiederholt wird.“

Als Kronzeuge gegen die Öffnung für den Fußgängerverkehr taugt der Unternehmer allerdings nicht. „Die Idee, den Verkehr in der Friedrichstraße zu beruhigen, ist gut“, sagt er. „Wenn Fußgänger mehr Raum bekommen, gibt das Einzelhändlern und Gastronomiebetreibern mehr Möglichkeiten, sich zu präsentieren.“

Parkplatzverlust nicht schuld am Niedergang des Handels

Haltinner weiß, dass der Wegfall von Autostellflächen in der Friedrichstraße beklagt wird. „Doch klar ist auch: Als die Autos noch fuhren, gab es zwar Parkplätze, aber sie waren meist belegt. Unsere Erfahrung ist: Parkplätze sind nicht entscheidend, ob eine Einkaufsstraße funktioniert oder nicht“, sagt der Unternehmer. „Es ist vor allem das Angebot für die Kunden. Wenn es gut genug ist, kommen die Menschen.“

Und hier habe die Friedrichstraße Defizite, gibt Haltinner zu bedenken. Das zeigt eine Analyse der Zahlen, die darüber Aufschluss geben, wie viele Menschen sich dort aufhalten. Grundlage sind Mobilfunkdaten der Telefónica, die mit einem von Whatalocation entwickelten Algorithmus aufgearbeitet werden und dadurch auf rund 50 Meter genau sind. Wer den Abschnitt mit einem Fahrzeug passiert, wird nicht mitgerechnet. Wer dort in einem Büro oder Geschäft arbeitet, dagegen schon.

Mitbewerber wie Place Sense nutzen GPS-Daten. Sie stammen aus Apps - aber nur aus aktivierten Apps, die auch benutzt werden. Nur rund acht Prozent der Bevölkerung erlauben Tracking über Apps, so Haltinner. Damit könnten auf diesem Weg viel weniger Daten gewonnen werden als aus dem Mobilfunk, der zudem von einem breiteren Altersspektrum genutzt werde.

Wie berichtet, belegen die Zahlen von Whatalocation, dass nach dem Beginn des Verkehrsversuchs Flaniermeile im Sommer 2020 die Besucherfrequenz, die zu Beginn der Pandemie arg gelitten hatte, deutlich zunahm. Doch vergleicht man den gesamten Corona-Zeitraum mit den Zahlen für andere Berliner Einkaufsstraßen, bestätigt sich ein Eindruck, den auch andere Experten gewonnen haben.

„Im Ausland ist der Handel deutlich innovativer“

„Unser Daten zeigen, dass die vergangenen drei Jahre auch für die Friedrichstraße extrem schwer waren“, sagt Henning Haltinner. „Wenn wir uns andere Handelsstandorte anschauen, stellen wir dort vielerorts eine deutlich schnellere Erholung fest.“ Der Mittelteil der Friedrichstraße, um den es geht, habe es offensichtlich nicht so schnell geschafft, sich zu regenerieren. „Selbst heute sind die entscheidenden Zahlen bei weitem noch nicht wieder da, wo sie sich 2019 bewegt haben. Die Friedrichstraße liegt zehn bis 15 Prozent unter dem Trend“, lautet die Bilanz. „Allerdings muss man in Frage stellen, ob die Sperrung damit entscheidend zu tun hat.“

Denn auch in der kurzen Spanne rund um den Jahreswechsel 2022/2023, als vorübergehend wieder Autos fahren durften, lag die Besucherfrequenz deutlich unter dem Vor-Corona-Niveau. So registrierte Whatalocation im Dezember 2023 insgesamt 6.943.100 Besuche, drei Jahre zuvor waren es 7.445.400. Im Januar 2023 wurden 6.285.800 Besuche erfasst, drei Jahre zuvor waren es 6.724.800. 

Haltinner nennt es „pandemische Mobilität“. „Corona und die vom Staat getroffenen Maßnahmen haben die Mobilität von 2020 an verändert – und zwar nachhaltig, bis heute. Die Menschen verlassen weniger häufig als früher ihre gewohnten Lebensumgebungen, um woanders einzukaufen und ihre Freizeit zu verbringen. Dezentrale Standorte haben profitiert.“ Die Friedrichstraße gehöre nicht dazu: „Die weiträumige Anziehungskraft hat gelitten, das Einzugsgebiet ist kleiner geworden.“

Der mittlere Abschnitt der Friedrichstraße ist wieder auf ganzer Breite für Fußgänger geöffnet. Allerdings dürfen sich dort auch Fahrräder und E-Scooter bewegen – offiziell mit Schrittgeschwindigkeit.
Der mittlere Abschnitt der Friedrichstraße ist wieder auf ganzer Breite für Fußgänger geöffnet. Allerdings dürfen sich dort auch Fahrräder und E-Scooter bewegen – offiziell mit Schrittgeschwindigkeit.Carsten Koall/dpa

„Vor allem junge Menschen kaufen anders ein“, analysiert Haltinner. Einige seiner Mitarbeiter hätten seit Jahren kein Geschäft mehr betreten, sie kaufen fast nur online. „Vor allem in Deutschland hat längst nicht jedes Handelsunternehmen die Nachricht verstanden. Im Ausland ist der Handel deutlich innovativer. Ein Beispiel sind Destination Stores. Sie sind Anziehungspunkte in Einkaufsstraßen, in denen man ansonsten kaum noch Einkaufsbummler sieht.“

„Gibt es einen plausiblen Grund, diese Straße zu besuchen?“

„Den unter 20-Jährigen bietet die Friedrichstraße nichts“, sagt der Standortexperte. „Die Filialgeschäfte, die es dort zum Beispiel im Modebereich gibt, locken keinen jüngeren Menschen hinter dem Ofen hervor.“ Haltinner fragt: „Gibt es für potenzielle Kunden einen plausiblen Grund, diese Straße zu besuchen und dort Geld auszugeben? Die Antwort lautet: Nein! Gibt es für mich einen Grund, in der Friedrichstraße eine Jacke zu kaufen? Nein, die Jacke kann ich online bestellen. Gibt es innovative Gastronomie, innovative Geschäfte, die bewusst die Menschen anziehen? Auch hier ist die Antwort: Nein, von wenigen Ausnahmen abgesehen.“

Andere Einkaufsgegenden können sich dagegen behaupten. „Wenn ich in Berlin ein Geschäft eröffnen würde – ich würde mich nicht in der Friedrichstraße, sondern am Hackeschen Markt ansiedeln“, sagt der Chef von Whatalocation. Dieser Teil von Mitte funktioniere „megagut“, und er habe sich nach Corona rasch regeneriert. „Das ganze Gebiet ist eines der spannendsten, abwechslungsreichsten Quartiere in Berlin. Es ist sehr abwechslungsreich, ohne dass das geplant wurde. Der Altersdurchschnitt ist niedrig, vor allem am Wochenende sind dort viele junge Menschen unterwegs. Es gibt viele Fashion-Label, bekannte und noch unbekannte. Die Preise sind meist bezahlbar, und mit dem öffentlichen Verkehr ist der Hackesche Markt gut erreichbar. Man kann viel Zeit dort verbringen, der Anteil langer und sehr langer Verweilzeiten ist hoch.“

Nicht nur Politik und Verwaltung sind gefordert – auch die Anrainer

Ließe sich der mittlere Abschnitt der Friedrichstraße noch retten? Nur wenn alle Akteure  an einem Strang ziehen, so Haltinners Analyse. „Wenn man die Straßenfläche auf ganzer Breite richtig nutzen würde, könnte dieser Bereich eine Goldgrube werden“, sagt er. „Doch nur Sitzbänke hinstellen und sich dafür feiern, das wird nicht funktionieren.“ Sein Tipp zur Friedrichstraße: „Macht die Straße für Autos und für Fahrräder zu! Hört auf, euch einzumischen. Lasst Anwohner, Mieter, Eigentümer machen. Lasst sie eine Initiative gründen und gebt die Straße in deren Hände, in deren Kontrolle.“ Damit ist auch klar: Nicht nur Politik und Verwaltung sind gefordert – auch die Anrainer.