Berlin - Erst die gute Nachricht: Berlins Busspurennetz soll weiter wachsen. Damit die Busse der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) schneller vorankommen, werden zusätzliche Fahrstreifen für sie reserviert. Es geht um 13 Straßenabschnitte mit einer Gesamtlänge von 6905 Metern, sagte Jan Thomsen, Sprecher von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne), der Berliner Zeitung. Doch bis neue Busspuren tatsächlich markiert werden, vergeht Zeit. Oft sehr viel Zeit. Das zeigen die Projekte, auf die sich Senat und BVG 2019 geeinigt haben. Davon wurden bis heute erst 7030 Meter Busspuren neu eingerichtet, hieß es jetzt. „Eine magere Bilanz“, so Jens Wieseke vom Fahrgastverband Igeb.

Lange Busfahrten nerven – nicht erst seit Corona. Sich mit anderen Fahrgästen länger als erforderlich drängen zu müssen, ist für viele keine schöne Vorstellung. Auch die BVG profitiert, wenn es schneller vorangeht. Wenn ihre Busse weniger Zeit brauchen, um alle Strecken abzufahren, braucht sie weniger Fahrzeuge und weniger Personal. Kosten sinken und die Einnahmen steigen, weil der Nahverkehr attraktiver wird. So weit die Theorie.

Jahrelang wurde das Netz so gut wie nicht erweitert

Die Praxis sah unter früheren Senatsverwaltungen anders aus. Es wurden sogar Busspuren wieder aufgehoben und für Autos freigegeben – allein zwischen 2011 und 2015 rund 1,7 Kilometer. In den acht Jahren, bevor die jetzige Verkehrssenatorin Regine Günther ins Amt kam, wuchs das Netz unterm Strich nur um etwas mehr als einen Kilometer. Als die Grünen-Politikerin Ende 2016 ihren Schreibtisch bezog, gab es in Berlin auf 165 Abschnitten genau 102.375 Meter Busspuren. Insgesamt rund 102,4 Kilometer – wobei pro Straßenseite jeder Bus-Sonderfahrstreifen einzeln gerechnet wird.

Die BVG nutzte den Wechsel an der Spitze und legte 2017 einen umfangreichen Wunschzettel vor. Zwei Jahre später einigte sich das Landesunternehmen mit dem Senat auf ein immer noch umfangreiches Arbeitsprogramm. Doch damit die Versprechungen Wirklichkeit werden, müssen die Bezirksämter tätig werden – und dort fehlen nach jahrelangen Einsparungen die nötigen Fachleute. Regelungen und Strukturen machen Verwaltungsverfahren langwierig. Wenn Bürger Kritik äußern, zum Beispiel weil Parkplätze wegfallen, kann es zusätzliche Komplikationen geben. Als im vergangenen Jahr Corona hinzukam, ging vielerorts über Monate gar nichts mehr, weil Amtsmitarbeiter zu Hause blieben und mangels Technik dort nicht arbeiten konnten.

Dass Anordnungen bisher nicht umgesetzt wurden, habe „vielfältige Gründe“, erklärte Günthers Sprecher Thomsen. „So spielen knappe Personalressourcen ebenso eine Rolle wie pandemiebedingte Bearbeitungserschwernisse.“ Immerhin hat die Umsetzung des Busspurenprogramms inzwischen an Tempo gewonnen. Die rund sieben Kilometer, die neu eingerichtet worden sind, verteilen sich auf zwölf Straßenabschnitte – etwa die Yorckstraße in Friedrichshain-Kreuzberg und die Hofjägerallee in Mitte. Auch im bereits bestehenden Netz habe sich einiges getan. Auf fünf insgesamt 2,8 Kilometer langen Abschnitten wurden Halteverbote eingerichtet oder Lastwagen und Taxis, die vorher dort fahren durften, ausgesperrt. Außerdem sind mehr als 25 Kilometer Busspur nun rund um die Uhr für andere Fahrzeuge tabu, nachdem die tägliche Geltungsdauer verlängert wurde. 

Was steht noch an? Einiges, sagte Verwaltungssprecher Thomsen. „Bereits angeordnet, jedoch noch nicht vollzogen sind 21 Straßenabschnitte mit einer Gesamtlänge von 11,275 Kilometern.“ Acht Bezirke seien betroffen. Dazu zählen Pankow, Spandau, Mitte und Neukölln.

Ein weiteres Beispiel ist Treptow-Köpenick, wo die Busspur in der Puschkinallee bereits im September 2019 angeordnet wurde. Der geplante Bus-Sonderfahrstreifen in der Hauptstraße in Tempelhof-Schöneberg, dessen Anordnung von November 2019 datiert, wurde laut Senat ebenfalls bisher nicht markiert. In Steglitz-Zehlendorf lassen die Busspuren in der Clayallee, im Hindenburg- und im Teltower Damm auf sich warten. In Charlottenburg-Wilmersdorf wurden die Busspuren in der Joachimsthaler Straße, der Masuren- und der Otto-Suhr-Allee inzwischen in Auftrag gegeben, teilte Stadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) mit. In Abhängigkeit vom Wetter werden sie bald markiert.

Fahrgastverband: „Das ist zu wenig“

Mit den geplanten zusätzlichen Busspuren ist das Arbeitspensum erneut gewachsen. Die 13 Abschnitte mit einer Gesamtlänge von 6905 Metern verteilen sich auf sechs Bezirke. In Mitte sollen in der Invalidenstraße, am Reichpietschufer und in der Schillstraße Sonderfahrstreifen für Busse entstehen, hieß es. In Neukölln bekommen der Britzer Damm und die  Johannisthaler Chaussee Busspuren. In Reinickendorf steht die Ollenhauerstraße auf der Liste, in Spandau die Rauchstraße. In Steglitz-Zehlendorf sollen die Busse auf dem Hindenburgdamm und der Birkbuschstraße zügiger vorankommen, in Tempelhof-Schöneberg in der Hildburghauser sowie der Malteserstraße.

Dem Fahrgastverband gehen die Verbesserungen zu langsam voran. „Als die Probleme bei der Umsetzung klar wurden, hätte sich die Senatorin sofort mit den Zuständigen in den Bezirken zusammensetzen müssen“, sagte Jens Wieseke. Knapp sieben Kilometer neue Busspuren seit Beginn dieser Wahlperiode: „Das ist zu wenig.“ Günthers Sprecher Jan Thomsen konterte: „Wenn alle angeordneten und kurz vor der Anordnung stehenden Busspuren umgesetzt werden, ist das Netz um 25,2 Kilometer verlängert worden.“ Um rund ein Viertel – „nach jahrzehntelanger Pause bei diesem Thema“.