Berlin - Und wieder gibt es Ärger mit dem renommierten Buchverlag Suhrkamp. Erst im März hatten sich die Bewohner vom Rosa-Luxemburg-Platz in Mitte darüber aufgeregt, dass auf einer unscheinbaren Grünfläche an der Torstraße Bäume gefällt werden, weil der Verlag dort einen Neubau plant, aber den Nachbarn nichts darüber erzählen will. Dann verschickte Suhrkamp erste Simulationen des Neubaus und Infos zur Haus-Gestaltung. Dennoch beschlossen die Bezirkspolitiker, dass der Verlag eine öffentliche Informationsveranstaltung organisieren soll, damit die Nachbarn den Mitarbeitern ihre Fragen zu dem Vorhaben stellen können.

Bürger an Projekten beteiligen

Doch das lehnt Suhrkamp ab. „Ich denke, es wurde ausreichend über das Bauprojekt berichtet“, schreibt der Vorstand der Suhrkamp-Verlag AG, Jonathan Landgrebe, in einem Brief an den Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung in Mitte, Ephraim Gothe (SPD). Weil es bereits eine umfangreiche Berichterstattung gegeben habe, „halten wir das Thema inzwischen nicht mehr für virulent“, heißt es weiter in dem Brief. Im Moment wolle der Verlag von weiterer Öffentlichkeitsarbeit absehen.

Nun gehört es in Berlin längst zur alltäglichen Praxis und zum guten Ton, dass Vertreter staatlicher und privater Bauvorhaben möglichst frühzeitig den Kontakt zu den Nachbarn suchen und sie über ihre Projekte informieren. So lassen sich mögliche Bedenken und offene Fragen am besten klären. Solche Informationsveranstaltungen dienen einer frühzeitigen Bürgerbeteiligung und einem transparenten Verfahren. Zudem will die rot-rot-grüne Koalition im Land Berlin die Partizipation der Bürger stärken.

Die Absage von Suhrkamp widerspricht dieser Praxis und ärgert viele Bezirkspolitiker. „Das ist eine Frechheit“, sagte der stadtentwicklungspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Frank Bertermann, der auch den Ausschuss für Stadtentwicklung leitet. „Wir sind davon ausgegangen, dass Suhrkamp sich als guter Nachbar vorstellt und um eine Zusammenarbeit mit den Anwohnern wirbt. Die bauen wohl auf einem anderen Planeten, aber nicht in Berlin.“

Bäume trotz Anwohnerprotesten gefällt

Das Eckgrundstück, auf dem Suhrkamp sein neues Verlagsgebäude errichten will, liegt in exponierter Lage. Früher standen dort Wohnhäuser, die aber im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden. Viele Jahre lang war das unbebaute Areal eine öffentliche Grün- und Erholungsfläche. Dann wurde die Fläche an einen Investor verkauft. Der Hauptausschuss im Abgeordnetenhaus stimmte dem Verkauf im Juni 2016 zu.

Nun kann das Grundstück bebaut werden. Als die Baumfäller im Frühjahr kamen, banden Anwohner Luftballons an die Bäume – sie fielen trotzdem. An den Haustüren umliegender Häuser klebten Flugblätter: Suhrkamp trete die einfachen Leute mit Füßen, stand dort. In einer Online-Petition an Verlag, Senat und Bezirk stand: „Viele haben den Eindruck, der Bürger sei egal, während das Kapital zerstören darf, was es will.“

Café und Späti

Der Verlag reagierte auf die massiven Vorwürfe. Die Architekten schickten erste Bilder, wie die neue Verlagszentrale aussehen wird. Bis 2019 soll der Neubau mit bodentiefen Fenstern fertig sein. Dann ziehen die 140 Mitarbeiter in den etwa 3000 Quadratmeter großen Bürokomplex, auch ein Wohnhaus gehört dazu. Im Erdgeschoss eröffnet ein Café mit Südterrasse, Läden und Geschäfte wird es geben, sogar einen Späti. Nur etwa ein Drittel des Grundstücks werde bebaut, betont Suhrkamp, ein kleiner Platz mit Bäumchen werde errichtet. Anwohner schienen beruhigt, als sie die Baupläne sahen. Der Ärger auf Suhrkamp schien verflogen. Und wird nun neu entfacht.

"Verheimlichen die uns was?"

Frank Bertermann von den Grünen fragt: „Was spricht dagegen, über die Baupläne zu informieren? Verheimlichen die uns was?“ Zwingen könne man den Investor natürlich nicht, die Nachbarn über sein Vorhaben zu informieren. „Es wäre aber ein Zeichen des guten Willens gewesen.“

Stadtrat Gothe hingegen versteht Suhrkamps Absage: „Vor dem Hintergrund, dass es nichts mehr zu entscheiden gibt, kann ich nachvollziehen, dass sich Suhrkamp gegen eine Informationsveranstaltung ausgesprochen hat“, sagt der SPD-Politiker.