Fühlt sich respektlos behandelt: Veysel Bugur, der Vereinsvorsitzende des SC Banzai Berlin.
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BerlinEs geht im Dojo, dem Übungsraum der japanischen Kampfkünste, im fünften Stock am Kottbusser Damm dem Ende der Karate-Stunde zu. Trainer Junis Nassar und seine Sportler knien. Sie beugen ihre Oberkörper vor, legen beide Hände auf die blau-rote Matte. „Sensei ni rei“, rufen sie die Grußformel. Karate lebt vom gegenseitigen Respekt. Das vermittelt Veysel Bugur, der Vereinsvorsitzende des SC Banzai Berlin, seinen Kampfschülern hier über den Dächern von Kreuzberg seit 22 Jahren. „Was ist denn mit deinem Zahn?“, fragt er Alperen, einen Jungen, der beim Verlassen des Dojo in seine Flip-Flops schlüpft und dem daheim ein lockerer Zahn abgebrochen war. „Alles gut“, antwortet der Achtjährige.

Im Nebenraum trainiert Gizem Bugur die Mädchengruppe im Kumite, der Kampfform des Karate, wo Fuß- und Fauststöße vor der Berührung abgestoppt werden. Die Tochter des Cheftrainers ist in diesem Jahr Deutsche Meisterin geworden. Im Vorraum, wo die vielen Pokale des Vereins kaum mehr auf den Regalen und der Kaffeetheke Platz finden, sitzen Mütter mit Kopftüchern und Mundschutz, um ihren Kindern beim Training zuzusehen. Auch die Kickboxer beginnen gleich. Auf den Tischen liegen Zeitschriften mit deutschen und türkischen Titeln.

Inklusive seiner Reha-Sportler hat die Sportschule Banzai knapp 450 Mitglieder. „Der SC Banzai wurde als erfolgreichster Karate-Verein Deutschlands im Jahr 2019 ausgezeichnet“, sagt Kathrin Brachwitz, die Präsidentin des Berliner Karate Verbandes. „Dort kommen unsere Leistungsträger her. Was Banzai noch auszeichnet, ist der Multikulturalismus. Veysel Bugur ist in Kreuzberg stadtbekannt.“ Der 55-Jährige war zweimal Weltmeister.

Am 2. Juli bekam Bugur einen Anruf vom neuen Eigentümer des Gründerzeit-Gebäudes, den Projektentwicklern von Quest Investment Partners, die verwundert fragen, weshalb die Kampfsportler überhaupt noch da seien, in den 500 Quadratmeter großen Dachgeschoss-Räumen. Am 6. Juli ging am Landgericht Berlin eine Räumungsklage für den 5. Stock des Vorder- und Mittelhauses von der Quest Emmler Lofts Verwaltungs GmbH ein.

Bugur sagt, er sei aus allen Wolken gefallen: „Die Vermieter meinen, sie haben uns im letzten Jahr im September gekündigt. Wir haben aber nie irgendetwas gekriegt.“ Offenbar hätte die Sportschule Banzai zum 31. März 2020 ausgezogen sein sollen. Aber ohne Kündigung wusste niemand davon, „sonst hätten wir uns doch links und rechts und überall nach neuen Räumen umgeschaut“, sagt Veysel Bugur.

Veysel Bugur mit seiner Weltmeister-Medaille von 1992. Damals wurde er in der Türkei begeistert empfangen und zum Sportler des Jahres gewählt, trotzdem er in Deutschland lebte.
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Quest Investment Partners stellt den Sachverhalt so dar: „Die ordentliche Kündigung des Herrn Bugur (SC Banzai) erfolgte mit Schreiben vom 23.09.2019 unter Beachtung der gesetzlichen Kündigungsfrist (rund 6 Monate) zum 31.03.2020. Nachdem wir vergeblich versucht haben, Herrn Bugur im Guten von seiner Räumungsverpflichtung zu überzeugen, ist am 07.07.2020 die Räumungsklage beim Landgericht Berlin erhoben worden.“

Die Mieten für April, Mai, Juni und Juli wurden wie immer vom SC Banzai überwiesen. Die Mieten für April, Mai und Juli schickte Quest am 3. Juli. „Wir sind jetzt 22 Jahre als Mieter in diesem Haus. Wir haben die Miete jeden Monat pünktlich bezahlt. Jetzt kommt eine Räumungsklage, ohne dass irgendwer mit uns gesprochen hat“, sagt Bugur.

Welt-, Europa- und Deutsche Meister vom SC Banzai

Auf der Unternehmens-Homepage teilt Quest Investment Partners am 20. Mai 2019 mit, die Emmler Lofts in Kreuzberg erworben zu haben. Auf den rund 5000 Quadratmetern Mietfläche sollen schicke Loft-Büros entstehen. „Die Immobilie befindet sich im aufstrebenden Kiez ‚Kreuzkölln‘ in unmittelbarer Nähe zum Volkspark Hasenheide. Neben einer hervorragenden Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr besticht die Mikrolage mit einer Vielzahl von modernen Restaurant-Konzepten, einem urbanen Straßenbild und der jüngsten Bevölkerung innerhalb von Berlin“, formuliert es der Investor. Es ist eine blumige Umschreibung der Verdrängung durch Gentrifizierung. Sie hat im Kiez längst begonnen. Auf die Frage, warum Quest kein Interesse daran habe, einen langjährigen, zuverlässigen Mieter wie den SC Banzai zu behalten, antwortet das Unternehmen nicht.

Voriges Wochenende bekam Veysel Bugur Post von der Quest Emmler Lofts Verwaltungs GmbH: die Kündigung des Mietverhältnisses zum 31. März 2021. „Das ist in sieben Monaten“, sagt Bugur. Er sucht nun für seinen Sportverein verzweifelt nach neuen Räumen im Kiez. Anderswo hin würden sich die Kinder aus deutschen, türkischen, libanesischen, persischen, ukrainischen oder palästinensischen Familien kaum bewegen, fürchtet Bugur. Das Bezirksamt hat Hilfe bei der Trainingsraum-Suche zugesagt.

Bis zu 100 Sportler nutzen täglich die Trainingsräume des SC Banzai Berlin in Kreuzberg.
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Im Dojo unter dem Dach beginnt eine neue Karate-Stunde. Die Sportart ist bei den nächsten Sommerspielen erstmals olympisch. Trainer Nassar lässt die Kinder in ihren weißen Anzügen einbeinig von einer Raumseite zur anderen hüpfen. 2005, 2011 und 2017 bekam der SC Banzai „das Grüne Band“ für „vorbildliche Talentförderung im Verein“ verliehen. Der Verein hat Welt-, Europa- und viele Deutsche Meister hervorgebracht.

„Wir wurden geehrt für die beste Integrations- und Jugendarbeit“, bemerkt Veysel Bugur. Er erinnert sich gut daran, wie er 2003 seinem damaligen Vermieter mit der Überweisung der Miete von einem Jahr im Voraus aus der Patsche geholfen hatte, als dieser wegen Steuerschulden in der Klemme steckte. Es war ein fünfstelliger Betrag. „Als kleiner Verein haben wir damals dem Vermieter geholfen“, sagt Bugur. „Und jetzt will uns der neue Vermieter, ohne mit uns zu reden, wegen seiner Rendite einfach auf die Straße setzen, wenn wir keine neuen Räume finden.“ Mit Respekt hat das nichts zu tun.