Landeskriminalamt Berlin, Zimmer 329 A, ein nicht ganz frischer Benjamini auf der Fensterbank, Werder-Bremen- und St.-Pauli-Wimpel über dem Schreibtisch, an der Wand ein Schlips – Geschenk eines Kollegen aus Zagreb –, auf dem Bürostuhl mit der Strickjacke über der Lehne ein Mann Anfang fünfzig mit dunklen, nach hinten gekämmten Haaren. Ruhe strahlt er aus. Muss er auch.

Wer mit Dirk Mittelstädt zu tun hat, ist in einer Ausnahmesituation. Der 52-Jährige ist Leiter der Vermisstenstelle des LKA Berlin. Trotz aller Ruhe hat er manchmal das Gefühl, mit der Faust auf den Schreibtisch hauen zu müssen. So war es im Fall des 14-jährigen Mädchens, nennen wir es Elli, das innerhalb eines Jahres 114-mal vermisst gemeldet wurde. 

„Sie gehört zum Typ Dauerausreißer, die meistens schneller wieder da sind, als wir die Anzeigen ausfüllen können: Alle paar Tage rennt sie aus dem Heim weg“, sagt Mittelstädt. Er kommt in Fahrt: „Wie geht denn das?“, fragt er in den Raum, ohne eine Antwort zu erwarten. „Und wissen Sie, was ich von der Heimleitung zu hören bekomme? Wahrscheinlich hängt sie mit ein paar Freunden am Alex ab. Toll! Am liebsten würden die es sehen, wenn wir sie dort abholen und zurückbringen. Sind wir hier ein Taxiunternehmen oder die Vermisstenstelle?“ 

Nicht mehr nach Hause kommen hat viele Gründe

Jeden Morgen um acht ist Einsatzplanung. Da besprechen Mittelstädt und seine 15 Mitarbeiter die eingegangenen Vermisstenmeldungen. „Verschwundene Kinder gehen sofort in die Fahndung. Jugendliche und Erwachsene werden erst einmal zehn Tagen von der örtlichen Polizeidirektion bearbeitet. Danach landen sie auf meinem Schreibtisch“, erklärt der Kommissariatsleiter. 

Laut Statistik wurden im vergangenen Jahr in Berlin 1442 Kinder, 4544 Jugendliche und 4896 Erwachsene als vermisst gemeldet. Zwei Drittel von ihnen sind männlich. Nur zwei Prozent aller Vermissten sind Langzeitvermisste – sie sind länger als ein Jahr verschwunden.

Nicht mehr nach Hause zu kommen, kann viele Gründe haben: eine Laune oder die Lust auf einen Neuanfang, Stress mit Eltern oder Streit mit dem Partner, hohe Schulden oder eine schwere Krankheit. Nur wenige werden Opfer eines Verbrechens.

Zu groß ist das Leid

Was immer der Grund des Verschwindens ist: Hinter jeder Vermisstenanzeige steckt ein Schicksal, in Familien und unter Freunden herrschen Angst, Verzweiflung, Trauer. 

Neun langzeitvermisste Kinder und Jugendliche gibt es derzeit in Berlin, nach sechs von ihnen wird noch öffentlich gesucht. Nicht alle Eltern wollen noch Jahre später an das Verschwinden ihres Kindes erinnert werden oder darüber reden. Zu groß ist das Leid, das sie ertragen müssen.

Die Mutter von Georgine Krüger zum Beispiel hat Berlin sogar verlassen. Lange hatte sie gehofft, ihre Tochter käme wieder nach Hause, hatte das Kinderzimmer mit den Sporturkunden an der Wand, ja sogar die Bürste mit den einzelnen dunklen Haaren unberührt gelassen. Sie wollte schließlich fort von dem Ort, an dem sie noch immer die Schritte ihrer Tochter hörte.

Spuren verlaufen im Sande

Seit zwölf Jahren ist Georgine Krüger verschwunden. Die Spur der damals 14-Jährigen verliert sich am 25. September 2006, als sie Augenzeugen zufolge um 13.50 Uhr an der Ecke Perleberger/Rathenower Straße aus dem Bus M27 stieg. Von diesem Zeitpunkt an war auch ihr Handy ausgeschaltet. 

Obwohl keine Anzeichen einer Straftat vorliegen, ist es nach Ansicht der Polizei doch aufgrund der langen Zeit sehr unwahrscheinlich, dass sich das Mädchen aus freien Stücken irgendwo verborgen hält. 

Wie wichtig es ist, an alten Fällen, an „Cold Cases“, dranzubleiben, zeigt sich im Fall Georgine Krüger. Da meldete sich vor zwei Monaten ein anonymer Anrufer bei der Polizei: Er kenne einen Ort, an dem sich Spuren der Schülerin befinden, ein Waldstück bei Brieselang, westlich von Berlin im Kreis Havelland gelegen. So begann die größte und aufwendigste Suche nach einem vermissten Menschen aus Berlin in den vergangenen 30 Jahren. Doch auch Spur 225 verlief im Sande.

„Wir geben nicht auf. Es geschehen immer wieder Wunder.“ 

Auch der Fall Sandra Wißmann ist nicht zu den Akten gelegt. Am 28. November 2000 gegen 15 Uhr verabschiedet sich die 12-Jährige von ihrer Mutter an der Ecke Kottbusser Damm/Böckhstraße. Sie will zu Karstadt am Hermannplatz, 500 Meter entfernt, um ihr ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen. Um 16.40 Uhr wird sie von Schulfreunden noch einmal gesehen, auf der anderen Seite des Kottbusser Damms/Ecke Bürknerstraße; danach verliert sich ihre Spur.

Manuel Schadwald ist ebenfalls zwölf Jahre alt, als er nicht mehr nach Hause kommt. Am 24. Juli 1993 verschwindet er auf dem Weg von der elterlichen Wohnung in Tempelhof zum Freizeitpark Wuhlheide. Nach Recherchen der niederländischen Tageszeitung „Algemeen Dagblad“ soll er Mitte der 90er-Jahre von mehreren Zeugen im Rotterdamer und Amsterdamer Kinderporno-Milieu gesehen worden sein. 

Georgine Krüger, Sandra Wißmann, Manuel Schadwald: Alle drei stehen jedoch noch immer im Vermisstenregister. Jede Vermisstenmeldung wird 30 Jahre lang im Informationssystem der Polizei (INPOL) gespeichert. Dirk Mittelstädt gibt sich kämpferisch: „Wir geben nicht auf. Es geschehen immer wieder Wunder.“
Ein besonders ungewöhnlicher Fall steckt hinter der Fahndungsnummer 0229: Daniel beziehungsweise Ally Chapin-Robert – die Person ist transgeschlechtlich.

Wer kennt diesen Mann?

Chapin-Robert wird seit dem 2. Januar 2018 vermisst. Der/die französische Staatsangehörige wurde zuletzt in einer Bankfiliale in der Berliner Straße in Wilmersdorf gesehen. Daniel/Ally hinterließ mehrere Abschiedsbriefe. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass er/sie sich etwas angetan hat.

Dirk Mittelstädt gießt sich ein Glas Sprudelwasser ein und schaut den aufsteigenden Perlen nach. Dann steht er auf und zeigt auf den Fahndungsaufruf mit der Nummer 1249: Beim Joggen zusammengebrochen. Wer kennt diesen Mann? 

Dieser Mann wurde am 13. März 2018 im Volkspark Wilmersdorf gefunden und konnte bisher nicht identifiziert werden – er liegt auf der Intensivstation im Koma. Der Unbekannte ist 60 bis 70 Jahre alt, 1,70 bis 1,75 Meter groß, hat eine sportliche Figur ohne Bauchansatz, trägt eine Zahnprothese und war mit einer orangefarbenen Joggingjacke, einer schwarz-blau-rosafarbenen Jogginghose und weißroten Reebok-Joggingschuhen der Größe 44,5 unterwegs.

Manchmal werden Vermisstenanzeigen Mordfälle

Ein besonderes Phänomen der vergangenen Jahre sind Flüchtlinge, die nach ihrer Registrierung aus den Unterkünften verschwinden; 95 Prozent sind unter 18 Jahre alt und männlich. Laut BKA gab es 2017 etwas mehr als 6000 Fälle, davon wurden 83 Prozent geklärt. 

Manchmal werden Vermisstenanzeigen auch zu Mordfällen. Auch deshalb verschwinden die Unterlagen von Langzeitvermissten nicht in den Tiefen der Polizeiarchive. So wäre der Mord an Maike Thiel niemals aufgeklärt worden.  Das schwangere 17-jährige Mädchen aus Leegebruch (Oberhavel) verschwand am 3. Juli 1997. Vor drei Jahren wurden ihr damaliger Freund und dessen Mutter wegen Mordes beziehungsweise Anstiftung dazu endgültig zu jeweils lebenslanger Haft verurteilt. 

Vorausgegangen war ein Indizienprozess und eine Revision vor dem Bundesgerichtshof, die verworfen wurde. Demnach hat ein Bekannter der Familie das Mädchen in einem Waldstück erdrosselt. Noch immer ist die Leiche nicht gefunden worden. 

Der Mordkommission übergebene Fälle

Auch der Flüchtlingsjunge Mohamed (4) galt zuerst als Vermisstenfall. „Die Auswertung der acht Überwachungskameras vom LaGeso war sehr zeitintensiv“, sagt Dirk Mittelstädt. „Immer wieder wurde vor- und zurückgespult, bis wir endlich fündig wurden und einen Mann sahen, der mit dem Jungen an der Hand die Flüchtlingsunterkunft verließ. In Absprache mit der Mordkommission wurden die Bilder veröffentlicht.“

Der Mann, Silvio S. (32), hatte den Vierjährigen entführt, missbraucht, getötet. Und drei Monate zuvor den sechsjährigen Elias.

Das Verschwinden von Ilka K. wurde nach ein paar Tagen Suche ebenfalls der Mordkommission übergeben. Ihre beiden Freundinnen hatten die 59-Jährige als vermisst gemeldet – und schließlich gestanden sie, sie getötet, zersägt und im Wald verbrannt zu haben. 

„An schulfreien Tagen verschwinden immer mehr Kinder als sonst.“

Und im Fall der vermissten Susanne Fontaine war es Mittelstädts Bauchgefühl, das ihn leitete, schließlich war er selbst 20 Jahre lang Ermittler im Bereich der Organisierten Kriminalität gewesen und weiß, dass nicht immer nur Fakten zählen. Drei Tage nach dem Verschwinden der 60-Jährigen wurde die Leiche der Kunsthistorikerin im Tiergarten gefunden. Ihr mutmaßlicher Mörder wurde wenig später in Polen verhaftet. 

Holger Nigrin leitet die Vermisstenstelle des LKA Brandenburg. Bei ihm laufen die Fäden aller Brandenburger Polizeidirektionen zusammen. „Im Schnitt verschwinden täglich 60 Menschen“, sagt der 59-jährige Kriminalhauptkommissar. „Die meisten sind allerdings nach ein paar Stunden wieder da.“ Der kleine Junge zum Beispiel, der sich im Kaufhaus verlief, oder die 13-Jährige, die sich heimlich mit ihrer ersten großen Liebe traf. Laut Nigrin ist das Aufkommen der Suchmeldungen sehr zeit- und wetterabhängig.

„An schulfreien Tagen verschwinden immer mehr Kinder als sonst.“ In Nigrins Büro in Eberswalde lagern in einem Aktenschrank Altfälle aus DDR-Zeiten: 21 vergilbte Ordner, auf jeder Seite ein Passbild. Auch der Fall Vera Tiemann aus Groß Köris (Dahme-Spreewald) ist darunter. Sie stieg am 11. April 1973 in den Zug, der sie zur Arbeit nach Wildau bringen sollte, und ist seitdem verschwunden. Wollte die 29-Jährige woanders ein neues Leben beginnen? Hat sie sich umgebracht? Ist sie getötet worden? 

Betreuung der Angehörigen

Auch Jörn Bourry ist ein ungelöster Fall. Er verschwand am 4. Juni 1975, damals 12 Jahre alt. Der Junge war auf dem Weg von seiner Oma in Schönow zur Mutter nach Ost-Berlin. Er wäre heute 55 Jahre alt. Kaum jemand würde ihn wiedererkennen.
Dirk Mittelstädt gießt sich noch etwas zu trinken ein. Dann erzählt er von einem Fall, der sich im Januar vor drei Jahren ereignete. Ein Pärchen, beide 21 Jahre alt, hatte sich gestritten; sie war daraufhin von der Parkwegbrücke in Friedrichshain in die Spree gesprungen.

„Der junge Mann hörte sie ins Wasser fallen, sprang hinterher, konnte sie aber nicht mehr retten“, erzählt der Kommissariatsleiter. „Und solange eine Leiche nicht gefunden wird, gilt die Person bei uns als vermisst.“ 

Nicht nur die Suche nach Vermissten gehört zu den Aufgaben des Teams um Mittelstädt, auch die Betreuung von Angehörigen. In bestimmten Fällen raten die Beamten den Hinterbliebenen davon ab, sich den Leichnam noch einmal anzuschauen. 

In dem Fall des Mädchens, das an seinem 16. Geburtstag verschwand und später erhängt aufgefunden wurde, überzeugten sie den Bestatter, dass nur einer ihrer Finger unter der Decke hervorschauen sollte und eine abgeschnittene Locke auf dem Bauch lag.


Hinweise an das LKA Berlin:
Tel. (030) 4664-912444,
Tel. (030) 4664-4664

Hinweise an das LKA Brandenburg:
Tel. (03334) 3880