Moabit - Es schien, als würde der Fall der vor zwölf Jahren verschwundenen Schülerin Georgine Krüger nie gelöst. Doch jetzt ist die Polizei offenbar einen Schritt weiter. Am Dienstag fasste sie einen Verdächtigen: einen Familienvater, dem niemand im Haus irgendetwas Böses zugetraut hätte.

Der 43-jährige Ali K. wurde am Morgen in der Stendaler Straße in Moabit verhaftet. „Er ist dringend verdächtig, die zur Tatzeit 14-jährige Schülerin Georgine Krüger getötet zu haben“, sagte Martin Steltner, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Ali K., so der Vorwurf , soll Georgine Krüger „aus sexuellen Motiven“ auf ihrem Heimweg von der Schule abgefangen, sie in seinen Keller in Moabit gelockt und dort getötet haben.

Ali K. lebte seit 1985 in der Stendaler Straße, zuletzt zusammen mit seiner Frau und seinen drei Kindern, von denen das jüngste zwei Jahre alt ist. Die Nachbarn beschreiben ihn als netten Familienvater. So habe er beim Radwechsel am Auto geholfen. „Er war arbeitslos und verbrachte seine Zeit mit Automatenspielen“, sagt ein Nachbar. Ab und zu soll er sich mit dem Renovieren von Wohnungen schwarz etwas hinzu verdient haben.

Polizei befürchtete Schlimmstes

Das Verschwinden von Georgine Krüger löste damals große Betroffenheit aus. Bis heute lebt ihre Mutter in Ungewissheit. Das Mädchen wurde zuletzt am 25. September 2006 gesehen. Sie war auf dem Heimweg von der Fontaneschule. An der Perleberger, Ecke Stendaler Straße stieg sie aus dem Bus. Dann verschwand sie spurlos auf dem 200 Meter langen Fußweg zur elterlichen Wohnung.

Die Umstände des Verschwindens ließen die Polizei das Schlimmste befürchten. Denn das Mädchen galt als zuverlässig und war noch nie weggelaufen. Zudem hatte es gerade ein Erfolgserlebnis. Bei einem Casting für eine Fernsehserie war Georgine als Darstellerin angenommen worden. Für sie bestand also kein Grund, abzutauchen.

In den Tagen darauf durchsuchte eine Hundertschaft Polizisten das Wohngebiet. Die Beamten verteilten Zettel und befragten Anwohner. Sie schauten auf Dachböden, in Kellern, Schuppen und stillgelegten Gewerbehöfen nach. Durch die Latten des Kellerverschlags von Ali K. schauten die Beamten wohl nicht, zumindest sahen sie nichts Verdächtiges. So war es auch drei Jahre danach, als die Polizisten nach Angaben der Hausbewohner noch einmal da waren.

Techniker werteten damals Georgines Handy aus und ermittelten, dass es eine Viertelstunde, nachdem Georgine das letzte Mal gesehen wurde, ausgeschaltet wurde.

Polizei veröffentlichte Mitschnitt eines anonymen Anrufers

Sie werteten auch den Computer des Mädchens aus. Georgine hatte im Internet gechattet und Bekanntschaften, mit denen sie sich getroffen haben soll. Auch im niedersächsischen Peine, wo das Mädchen mit seiner Familie noch bis April gelebt hatte, waren Polizisten unterwegs. Sie befragten dort ihren ehemaligen Freund sowie Lehrer und Nachbarn.

Drei Jahre nach dem Verschwinden des Mädchens suchten Polizisten noch einmal mit Mantrailer-Hunden nach Georgine Krüger. Die Polizei setzte 5000 Euro Belohnung aus für Hinweise, die zur Aufklärung des Schicksals der 14-Jährigen führten. All das brachte nichts.

Auch als das Verschwinden von Georgine Krüger zum „Cold Case“ wurde, habe ein Ermittler versucht, neue Ermittlungsansätze zu finden, so Steltner. Zugleich hätten die Ermittler immer den Kontakt zur Familie der Vermissten gehalten.

Im März dieses Jahres meldete sich dann am Polizei-Notruf ein anonymer Anrufer, der angab, er wisse, wo die Leiche des Mädchens vergraben sei: „im Brieselanger Wald.“ Die Polizei veröffentlichte danach einen Mitschnitt des Telefonats, in dem ein Mann mit türkischem Akzent zu hören ist. Die Ermittler hatten die Hoffnung, dass jemand die Stimme des Mannes erkennen würde.

Polizei setzte verdeckten Ermittler ein

Aufgrund dieses Hinweises durchsuchten im April Polizisten bei Brieselang im Havelland ein Waldstück. Aus der Luft suchten Kriminaltechniker mit einer Drohne das Areal ab. Im Wald waren drei Leichenspürhunde mehrfach im Einsatz. Gefunden wurde – nichts.

Im Oktober befasste sich eine Extra-Ausgabe des Fernseh-Magazins „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ mit dem Fall. Inzwischen hatte die Mordkommission neue Ermittlungsansätze, die sie auf die Spur des Beschuldigten führten. Welche Erkenntnisse das waren, sagen Polizei und Staatsanwaltschaft nicht.

Unter anderem gingen die Fahnder die Kartei verurteilter Sexualstraftäter durch. Bei dem jetzt Verhafteten wurden sie fündig: Das Amtsgericht Tiergarten hatte Ali K. im Jahr 2012 wegen sexueller Nötigung einer Jugendlichen verurteilt. Er hatte eine Jugendliche zuvor aus sexuellen Motiven in den Keller seiner Wohnung gelockt. Auch damals war offenbar bereits sein Keller durchsucht worden – ohne Ergebnis.

Die Polizei setzte nun einen verdeckten Ermittler auf den Verdächtigen an, der über Monate das Vertrauen des Mannes erwarb. Ihm erzählte Ali K. von dem Mord. So hätten die Verdachtsmomente in den letzten Monaten erhärtet werden können, so Steltner. Es bleibt unklar, ob Ali K. auch der anonyme Anrufer vom März ist.

Leiche bisher nicht gefunden

Den ganzen Tag lang räumten Polizisten am Dienstag den Keller von Ali K. aus. Sie verluden unter anderem das dort gelagerte Spielzeug seiner Kinder. Alles wird jetzt auf Spuren von Georgine Krüger untersucht. Während Polizisten mit Leichenspürhunden sämtliche Kellerräume durchsuchten, berichtete eine Nachbarin, dass im Jahr von Georgines Verschwinden das Hinterhaus luxussaniert worden sei. Sie schloss nicht aus, dass der Täter die Leiche auf der Baustelle verschwinden ließ.

Am Dienstag verkündete ein Richter Ali K. den Haftbefehl wegen Mordes. Die Schwierigkeit besteht jetzt darin, dem 43-Jährigen den Mord an der Schülerin vor Gericht auch nachzuweisen. Die Leiche des Mädchens wurde bislang noch nicht gefunden. Die Suche geht weiter.