Berlin - Ein langer Mittelgang teilt die Markthalle 18 des Dong Xuan Centers in Lichtenberg. Links und rechts Nagelstudios, Friseurläden und Kosmetikgeschäfte. Bei „Le Nails“ steht die Eingangstür offen. Junge Asiatinnen sitzen an weißen Arbeitstischen. Sie tragen Mundschutz, schauen konzentriert auf die Hände ihrer Kundinnen, feilen, lackieren und modellieren im Kunstlicht. Nichts wirkt ungewöhnlich, und doch sind die Nagelstudios gerade im Fokus von Polizei und Zoll. Es geht um illegal eingeschleuste Minderjährige aus Vietnam und den Verdacht, dass sie als Arbeitssklaven ausgebeutet werden.

Deutsche und polnische Ermittler haben das 200 Hektar große Einkaufsparadies in der Herzbergstraße als Drehkreuz von Menschenhändlern ausgemacht. Immer häufiger würden Vietnamesen über die deutsche Grenze und weiter nach Berlin gebracht, berichtete der RBB unter Verweis auf Angaben der Bundespolizei. International agierende Banden schmuggelten demnach die vielfach minderjährigen Vietnamesen über Moskau, die baltischen Staaten und Polen bis nach Westeuropa.

Im Dong Xuan Center sind die Vorwürfe bekannt

Die Geschleusten müssten die Kosten für ihre Schleuser, 10.000 bis 15.000 Euro pro Person, anschließend abarbeiten – in Nagelstudios, als Zigarettenverkäufer oder als Prostituierte. Im Dong Xuan Center sind die Vorwürfe bekannt, doch die Verwaltung im fünften Stock des Backsteingebäudes am Eingang des Areals will sich nicht äußern. Eine Sekretärin gibt am Freitagmittag zu verstehen, dass kein Mitglied der Geschäftsführung zu sprechen sei.

Und: Sie könne aber versichern, dass es keine Kinderarbeit und keinen Menschenhandel im Dong Xuan Center gebe. Ein anderer Mitarbeiter, er bezeichnet sich als Hausmeister, nennt die Vorwürfe „Blödsinn“. Das Dong Xuan Center werde regelmäßig von den Berliner Behörden kontrolliert. Wenn dort Schleuser ihr Unwesen trieben, hätte dies längst auffallen müssen.

Doch nach vermehrten Medienberichten hat sich nun auch die Polizei zu Einschleusungen aus Vietnam geäußert: „Die organisierten Strukturen, das klandestine Vorgehen und der hohe Grad an Verschwiegenheit erschweren die Ermittlungen immens“, teilte die Behörde in einer umfangreichen Erklärung am Freitagabend mit. Greift die Polizei solche Kinder und Jugendlichen auf, würden sie in Kinder- und Jugendeinrichtungen gebracht, „von wo aus sie sich eigenständig entfernen“, erklärt die Behörde. 

Zwischenstopp auf dem Weg in andere Länder

Die Polizei nimmt an, dass die Minderjährigen nach ihrem Verschwinden wieder illegaler Arbeit nachgehen, um ihre Schleusung zu finanzieren. Papiere haben sie in der Regel nicht bei sich. Berlin und Deutschland gälten bei der Einschleusung von Vietnamesen generell als Zwischenstopp auf dem Weg in andere Länder. „Bei dem Dong Xuan Center handelt es sich in diesem Kontext um einen sporadischen Anlaufpunkt für Schleuserfahrten“, so die Behörde. 

Das Center ist das Herzstück des vietnamesischen Lebens in Berlin. Hausherr an der Herzbergstraße Nummer 128-139 ist bereits seit 2003 Nguyen Van Hien. Der Geschäftsmann, Jahrgang 1957, wurde südlich von Hanoi geboren. Als 30-Jähriger kam er in die DDR, um in Potsdam im volkseigenen Baukombinat zu arbeiten. Er war als Arbeitskraft geholt worden, die nach der Wende in der DDR nicht mehr gebraucht wurde.

Van Hien machte sich selbstständig, ging zuerst nach Leipzig. Später kam er zurück nach Berlin. An Lichtenberger Josef-Orlopp-Straße verkaufte er Textilien. Schon damals lebten in dem Bezirk so viele Vietnamesen wie nirgendwo sonst in der Stadt. Als das Gelände des ehemaligen VEB Elektrokohle in der nahe gelegenen Herzbergstraße verkauft werden sollte, interessierte er sich. Nguyen van Hien wollte dort ein asiatisches Einkaufszentrum errichten.

Vietnamesische Schleuserbande zerschlagen 

Nachdem Banken ihm Kredite verwehrten, fand er private Baufirmen als Investoren. Inzwischen hat sich das geändert. Seit das Dong Xuan Center komplett vermietet ist, suchen Banken die Zusammenarbeit mit ihm. Längst gilt der 61-jährige als der reichste Vietnamese Deutschlands, was er selbst nicht kommentiert. „Es geht mir gut“ war einmal seine Antwort auf die Frage nach seinem Vermögen.

Tatsächlich läuft das Geschäft mit der Vermietung gut. Etwa 2000 Händler gibt es in den acht Hallen, in denen so ziemlich alles, von Sojasprossen bis zum String-Tanga, zu bekommen ist. Die Firmenbesitzer kommen aus aller Herren Länder. Es sind Vietnamesen und Polen, Türken und Inder. Die Ladenflächen sind begehrt, die Wartelisten für freiwerdende Quadratmeter lang.

Schlagzeilen machte das Center zuletzt im vorigen Jahr, als Bundespolizisten kistenweise Aktenordner und Datenträger aus Geschäften und Markthallen des Dong Xuan Centers trugen. Nach einer Razzia, die zeitgleich in 20 Wohnungen stattfand, zerschlug die Bundespolizei eine vietnamesische Schleuserbande und vollstreckte drei Haftbefehle. Die Täter hatten nachweislich Scheinehen organisiert und auf diese Weise Menschen aus Vietnam nach Deutschland geschleust. Und es gibt noch eine zweite Spur, die ins Dong Xuan Center führt.

In Berlin leben rund 18.000 Vietnamesen 

2018 griff die Bundespolizei an der Grenze zu Polen 13 und an der Grenze zu Tschechien 15 minderjährige vietnamesische Staatsangehörige auf, wie ein Sprecher des Präsidiums in Potsdam der Berliner Zeitung sagte. Sie wurden in Einrichtungen der Jugendhilfe gebracht, sind von dort allerdings verschwunden. Wohin, weiß niemand. Aber wieder taucht bei Ermittlern der Name Dong Xuan auf.

Seit 2012 wurden in Berlin mehr als 470 Kinder und Jugendliche aus Vietnam als vermisst gemeldet. In Brandenburg sind nach Polizeiinformationen seit 2013 insgesamt 33 Minderjährige vietnamesischer Herkunft verschwunden. 

In Berlin leben nach aktuellen Zahlen rund 18.000 Vietnamesen, jeder dritte in Lichtenberg. „Sie sind hier im Bezirk gut integriert“, sagt Birgit Monteiro (SPD), Bezirksstadträtin für Wirtschaft und Arbeit. Gerade die zweite und dritte Generation der Zuwanderer erreiche gute Bildungsabschlüsse und habe gute Jobperspektiven. „Die Arbeitslosigkeit ist gering, gruppenbezogene Probleme sind eigentlich kaum vorhanden“, so Monteiro.

Vietnamesisches Kulturzentrum

Dong-Xuan-Chef Nguyen Van Hien träumt seit Jahren davon, auf dem Gelände des Centers mehr als nur Gewerbeflächen zu vermieten. Ein asiatisches Viertel mit Wohnungen, Hotels, Kongress- und Kulturzentrum samt Parkhaus und sogar einer Nudelfabrik schwebt ihm vor. Das Kulturzentrum entsteht gerade an der Herzbergstraße – in Anlehnung an das alte Kulturhaus, auch der große Saal soll in alter Größe wieder aufgebaut werden.

Van Hien hat für den Bau zehn Millionen Euro veranschlagt. In spätestens einem Jahr soll alles fertig sein. Dong Xuan soll sich verändern.