Berlin - Drei Wochen saß Florian R., der Schwager der seit über einem Monat vermissten Rebecca in Untersuchungshaft. Am Freitagvormittag entschied ein Ermittlungsrichter dann, dass er "aufgrund des gegenwärtigen Ermittlungsstands Zweifel am dringenden Tatverdacht" habe, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte.

Die Folge: Der Haftbefehl wurde aufgehoben, Florian R. ist somit wieder ein freier Mann. Der Entscheidung vorausgegangen war eine Haftbeschwerde der Anwältin des Schwagers. Dennoch "gilt er weiterhin als Beschuldigter und Verdächtiger in dem laufenen Verfahren" sagte Mona Lorenz von der Berliner Staatsanwaltschaft der Berliner Zeitung am Freitag auf Anfrage. 

Nachdem die Berliner Polizei ihre Suchaktion im Fall der vermissten Schülerin am Freitagnachmittag eingestellt hatte, wurde die Aktion am Sonnabend nicht fortgesetzt. Ob der Einsatz mit Spürhunden im Bereich des Scharmützelsees in Brandenburg neue Ansatzpunkte brachte, konnte eine Polizeisprecherin nicht sagen. Für den Sonntag plante die Mordkommission keine weitere Aktionen - das könne sich aber ändern, falls es konkrete Hinweise gebe, hieß es. Andernfalls werde am Montagmorgen über das weitere Vorgehen entschieden. Ein entsprechendes Treffen der Mordkommission wurde angekündigt.

Am Sonntagnachmittag startete Justin G., der seinen Nachnamen nicht in Medien lesen möchte, nördlich von Berlin eine private Suchaktion nach Rebecca in einem Waldgebiet von Hennigsdorf (Landkreis Oberhavel). Diesen Tipp habe er von Rebeccas Schwester erhalten, sagte der 18-Jährige. Er sei ein ehemaliger Schulkamerad der Vermissten, habe aber selbst seit rund einem Jahr keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt. Seinem Aufruf zur Suche waren rund ein Dutzend Menschen gefolgt.

Die fünf wichtigsten Fragen und Anworten zu der neuen Entwicklung.

Bedeutet die Freilassung, dass Florian R. unschuldig ist?

Nein. Über Schuld oder Unschuld des Mannes entscheidet ein Richter - vorausgesetzt, es kommt zu einer Anklageerhebung und einem Prozess. Der Haftbefehl wegen Totschlags bezog sich lediglich darauf, ob Florian R. während der laufenden Ermittlungen in Untersuchungshaft genommen werden kann. Voraussetzung dafür sind neben einem dringenden Tatverdacht Flucht- oder Verdunklungsgefahr (wie etwa dem Vernichten von möglichen, noch nicht von der Polizei entdeckten Beweisen).

Wieso wurde bei gleicher Beweislage im Fall Rebecca mehrfach unterschiedlich über den Haftbefehl entschieden?

R. wurde nach Angaben der Staatsanwaltschaft "aufgrund des gegenwärtigen Ermittlungsstandes und der Beweislage" entlassen, so die Staatsanwaltschaft. Die exakt selbe Beweislage hatte demselben Richter, der R. am Freitag freiließ, vor drei Wochen allerdings gereicht, um R. in Untersuchungshaft zu nehmen. Es sei "eine Frage der Verhältnismäßigkeit", hieß es am Freitag von der Staatsanwaltschaft. Bedeutet: Dass nach drei Wochen Ermittlungsarbeit keine neuen Beweise für die Schuld des Schwagers gefunden wurden, spricht gegen einen dringenden Tatverdacht. Und damit gegen eine Fortsetzung der Untersuchungshaft.

Hat der 27-Jährige Auflagen des Gerichts bekommen?

Nein. Das ist juristisch nicht möglich, da der Haftbefehl aufgehoben wurde und R. damit ein freier Mann ist, selbst wenn er weiterhin als Tatverdächtiger gilt. Auflagen kann ein Richter nur dann verhängen, wenn ein Haftbefehl zwar aufrecht erhalten wird, dem Tatverdächtigen zugleich aber Haftverschonung (intaktes soziales Umfeld, keine Fluchtgefahr) gewährt wird.

Kann Florian R. trotz seiner Freilassung im Fall Rebecca angeklagt werden?

Ja. Ob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen einen Tatverdächtigen erhebt oder nicht, ist eine von einer möglichen Untersuchungshaft unabhängige Entscheidung. Lediglich auf den Zeitpunkt der Anklageerhebung kann die Untersuchungshaft Einfluss haben, da niemand zeitlich unbegrenzt in Untersuchungshaft genommen werden kann. Mit einer frühzeitigen Anklageerhebung kann oftmals vermieden werden, dass ein Untersuchungshäftling noch vor Prozessbeginn auf freien Fuß gesetzt werden muss.

Wie gehen die Ermittlungen weiter?

"Die Ermittlungen, insbesondere die Suche nach Rebecca, dauern mit unverändertem Aufwand und mit unveränderter Intensität an", so die Staatsanwaltschaft. Neue Erkenntnisse lägen "zum derzeitigen Zeitpunkt" aber nicht vor. "Die Entscheidung des Ermittlungsrichters ist im Hinblick auf die gegenwärtig bestehende Beweislage vertretbar", hieß es weiter. Deshalb werde die Staatsanwaltschaf "zum jetzigen Zeitpunkt keine Beschwerde gegen diese Entscheidung des Ermittlungsrichters einlegen". Je nach möglicher neuer Beweislage könne sich das aber ändern und R. auf richterlichen Beschluss hin erneut in Untersuchungshaft genommen werden.

Rebeccas Familie hatte stets beteuert, sie glaube an die Unschuld von Florian R., solange nicht das Gegenteil bewiesen sei. In einem Interview mit dem Fernsehsender "n-tv" reagierte die Mutter Rebeccas am Freitag auf die neuen Entwicklungen in dem Fall: "Sie habe immer Bauchweh", betont sie. Ob die neue Entwicklung daran etwas ändern werde, wisse sie nicht. Ihre Enkeltochter und ihre Tochter Jessica würden sich jetzt vor allem über die Freilassung von Florian R. freuen. "Ich denke, er wird sich jetzt erstmal ausruhen wollen."

Nach Informationen dieser Zeitung wurde Florian R. von seiner in Neukölln lebenden Mutter aus der Haftanstalt abgeholt. Beide fuhren anschließend zur Wohnung der Mutter. (mit dpa)