Storkow/Berlin - Im Fall der verschwundenen Rebecca stehen die Ermittler der Berliner Polizei möglicherweise vor einem Durchbruch. Der Schwager der 15-Jährigen, der als Hauptverdächtiger gilt und derzeit in Untersuchungshaft sitzt, hat sein Schweigen bislang zwar nicht gebrochen. Allerdings bekamen die Ermittler nach der Ausstrahlung der Sendung „Aktenzeichen XY“ am vergangenen Mittwoch den vielleicht entscheidenden Hinweis auf den Verbleib von Rebecca. Seit Donnerstag sucht die Polizei in einem Waldgebiet bei Storkow in Brandenburg mit einem Großaufgebot nach Rebecca. Die Suche soll auch am Sonnabend und am Sonntag fortgesetzt werden. 

Vermisste Rebecca: Dutzende Einsatzkräfte und speziell ausgebildete Spürhunde durchforsteten das Unterholz 

Die Stelle, an der die Polizei sucht, ist nur 16 Kilometer von der Autobahnbrücke auf der A12 entfernt, bei der das automatische Kennzeichenerfassungssystem der Polizei (KESY) den himbeerroten Renault Twingo erfasst hatte. Laut Staatsanwaltschaft war der Kleinwagen, den sich der Verdächtige Florian R. und seine Lebensgefährtin teilen, am 18. Februar 2018 um 10.47 Uhr auf der A12 zwischen Berlin und Frankfurt (Oder) gefilmt worden. Also genau an dem Tag, an dem Rebecca verschwand.

Der auffällige Twingo fuhr auch am darauffolgenden Tag um 22.39 Uhr an der selben Stelle vorbei – in welche Richtung, wollte die Polizei auf Anfrage nicht sagen. Es sei durchaus möglich, dass der Fahrer des Fahrzeugs 36 Stunden lang in Brandenburg unterwegs war und dann erst wieder zurückfuhr, hieß es. Möglicherweise hatte eine Zeuge den Renault Twingo nun in der Nähe des Waldes gesehen, der nun im Fokus der Ermittler steht.

Dutzende, mit Stöcken und Schaufeln ausgerüstete Einsatzkräfte durchforsteten das Unterholz in dem fraglichen Gebiet. Auch die Ermittler der dritten Mordkommission und Kriminaltechniker waren vor Ort. Zudem kamen speziell ausgebildete Spürhunde und ein Hubschrauber zum Einsatz. An beiden Tagen wurde bis zum Einbruch der Dunkelheit nach Hinweisen oder möglichen Spuren gesucht. Doch bis in die Abendstunden wurde nichts gefunden.

Berliner Ermittler irritiert über schnelle Rückgabe des Renault Twingos

Unterdessen sorgt die unerwartete Freigabe des vergangene Woche von der Polizei sichergestellten Twingos polizeiintern für Unverständnis. Nach wie vor ist unklar, inwieweit das Fahrzeug mit Rebeccas Verschwinden zusammenhängt. Doch am Freitag früh stand der kleine Twingo wieder vor dem Haus von Rebeccas Eltern – statt bei der Polizei. Die Spurensicherung sei „am Donnerstagabend abgeschlossen und der Wagen der Halterin übergeben worden“, hieß es am Freitag aus Polizeikreisen.

Obwohl es formaljuristisch eine „normale Vorgehensweise“ sei, zeigten sich erfahrene Ermittler dennoch „etwas überrascht und irritiert“ über die schnelle Rückgabe des Renaults, in dessen Kofferraum Haare von Rebecca sowie Fasern der ebenfalls verschwundenen Fleece-Decke sichergestellt wurden.

Berliner Anwaltsverein kritisiert Ermittlungsbehörden 

Während die Ermittlungen im Fall Rebecca knapp drei Wochen nach ihrem rätselhaften Verschwinden weiter auf Hochtouren laufen, hat die Vereinigung Berliner Strafverteidiger e. V. die Ermittlungsbehörden und die Art und Weise kritisiert, wie sie den Vermisstenfall in die Öffentlichkeit tragen. „Wir fordern die Presse auf, die mediale Vorverurteilung des Tatverdächtigen im Fall des verschwundenen Mädchens genauso einzustellen wie wir die Strafverfolgungsbehörden auffordern, die Durchstechereien nicht nur zu stoppen, sondern aktiv dem Eindruck entgegenzuwirken, das mediale Treiben sei für sie tolerabel“, sagt Vorstandsmitglied Cäcilia Rennert. Die Unschuldsvermutung des Verdächtigen werde mit Füßen getreten, so Rennert.

Tatsächlich gilt es auch in Ermittlerkreisen als eher ungewöhnlich, dass Fotos von einem Verdächtigen erst nach dessen Verhaftung veröffentlicht werden. Normalerweise dient die Veröffentlichung dazu, den Tatverdächtigen mittels Zeugenhinweisen zu finden. Dieses Mal jedoch hoffen die Mordermittler, dass sich Zeugen aufgrund der Bilder möglicherweise daran erinnern, den Mann nach dem Verschwinden von Rebecca gesehen zu haben. Dadurch könne der Mann möglicherweise weiter unter Druck geraten und sein Schweigen endlich brechen.

Bislang hatte Florian F. sowohl im Polizeiverhör als auch gegenüber dieser Zeitung lediglich gesagt: „Ich habe damit nichts zu tun“. Die Ermittler um Kriminalhauptkommissar Michael Hoffmann gehen mittlerweile jedoch fest „von einem Tötungsdelikt“ aus, sagte Hoffmann in der Sendung „Aktenzeichen XY“. Darauf wiesen die Ermittlungsergebnisse hin.

Fall Sandra Wißmann: Ungelöst seit knapp 20 Jahren 

Hoffmann gilt als einer der erfahrensten Mordermittler der Berliner Polizei. 1995 besuchte er die Polizeischule und arbeitete sich anschließend schnell bis in die Mordkommission hoch. Seitdem ermittelten Hoffmann und sein Team in Hunderten Mord- und Vermisstenfällen. Immer wieder befasste er sich dabei mit vermissten Kindern und Jugendlichen.

Sein wohl bekanntester Fall ist jedoch seit knapp 20 Jahren ungelöst. Am 28. November 2000 gegen 15 Uhr verabschiedete sich die damals zwölfjährige Sandra Wißmann von ihrer Mutter an der Ecke Kottbusser Damm/Böckhstraße. Das Mädchen wollte zu Karstadt am Hermannplatz, nur 500 Meter entfernt, um ihrer Mama ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen. Um 16.40 Uhr wurde sie von Schulfreunden noch einmal am Kottbusser Damm gesehen. Seitdem ist das Kind verschwunden. Das Schicksal des Mädchens ist ungeklärt. Wie bei Rebecca.