Berlin - Frau Delaperrière, hat so ein Supermarkt ohne Verpackung in Berlin eine Chance?

Ich hoffe es! Es herrscht ein Zeitgeist, den Plastikmüll zu reduzieren. Viele Menschen denken jetzt darüber nach.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Ihrem Geschäftsmodell in Kiel gemacht?

Die Resonanz ist sehr, sehr gut. In jedem Kopf steckt die Erfahrung, dass es zu viel Verpackungen gibt. Ich merke, dass die Menschen diese unnötige Verpackung ablehnen.

Wie viele Kunden kommen jeden Tag zu Ihnen?

Etwa 70 Leute kommen am Tag zu mir. Es gibt Besucher und Käufer. Zu den Kunden zählen Junge und Alte, Familien, Singles, Studenten, es gibt also keine bestimmte Käufer-Gruppe.

Was wollen die Besucher?

Sie interessieren sich erstmal für meinen Laden. Sie wollen wissen, wie alles funktioniert, was ich im Sortiment habe, wie sie sich vorbereiten können. Bei mir ist es anders als in einem traditionellen Supermarkt, in den man ganz spontan einkaufen geht. Ich sage den Besuchern, welche Behälter sie mitbringen können oder welche sie bei mir kaufen können.

Was hat Sie für dieses Experiment begeistert?

Es war die Feststellung, dass wir viel zu viel Verpackungsmüll produzieren, dass wir Lebensmittel verschwenden, weil wir zu viel davon eingekauft haben und sie am Ende wegschmeißen. Ich setze fort, womit andere längst angefangen haben. Unverpackt-Läden gibt es schon in Frankreich, England, Kanada und den USA. Ich habe mich gefragt: Warum noch nicht in Deutschland?

Sie haben etwa 300 Produkte im Angebot, darunter sind Müsli, verschiedene Mehl- und Reissorten, Öle, Spirituosen, Trockenfrüchte, Schokolade, Couscous, Gummitiere, Kaffee, Tee, Reinigungsmittel, Obst und Gemüse. Darf sich jeder Kunde alles nehmen?

Jeder kann sich selbst bedienen und die gewünschte Menge abfüllen. Und es versteht sich ja wohl von selbst, die Waren nicht mit den Händen anzufassen.

Und ich bekomme wirklich nur so viel, wie ich brauche?

Ja. Wir verkaufen bedarfsgerecht, dass heißt, es gibt keine Mindestabnahmemenge. Meine Waage reicht von zwei Gramm bis 15 Kilogramm, in diesen Mengen verkaufe ich auch alle Waren. Wer also für einen Kuchen nur zwei Esslöffel gehackte Walnüsse braucht, kann auch nur zwei Esslöffel kaufen.

Bieten Sie in Ihrem Laden auch Frischwaren an, also Käse, Milch, Fisch und Fleisch?

Natürlich will ich so viel wie möglich anbieten wie in einem gewöhnlichen Supermarkt. Aber Fisch und Fleisch überlasse ich erst mal den spezialisierten Läden, weil die hygienischen Anforderungen doch sehr spezifisch sind. Doch Molkereiprodukte möchte ich recht bald im Sortiment haben. Ich denke an dieser Stelle an ein Pfandsystem für die Behälter.

Also Milch in Pfandflaschen.

Genau. Und über frisches Bio-Brot denke ich auch nach.

Wie schaffen Sie es, Ihre Waren auch schon verpackungsfrei einzukaufen?

Ich sage den Händlern, dass ich nur Waren ohne oder nur mit ganz wenig Verpackung kaufen möchte. Am Liebsten ist mir, die Ware wird in Säcken geliefert oder in Packpapier. Aber das klappt nicht immer. Wenn ich ein bestimmtes Sortiment in meinem Laden anbieten will, muss ich noch Kompromisse eingehen. Zum Beispiel kenne ich keine andere Lösung, als Plastikkanister für flüssige Reinigungsmittel.

Sind Ihre Waren preiswerter als im Supermarkt? Es fehlt schließlich die Verpackung.

Mein Ziel ist es günstiger zu werden, als wenn ich verpackte Ware verkaufen würde. Ich bin aber ein Klein-Abnehmer. Ich kann somit nur schwer mit den Discountern mithalten. Meine Preise liegen zwischen denen vom Supermarkt und Biomarkt.

Nennen Sie bitte drei Beispiele.

Ein Kilo Roggenmehl in Bioqualität kostet 1,50 Euro. Ein Kilo Reis 3,80 Euro. Auch bio. Und Espresso, ganze Bohne, Bio und fair gehandelt, kostet 17,50 Euro. Wir mahlen auf Wunsch das Getreide und den Kaffee.

Haben Sie eine Idee, wie es mit Ihrem Geschäft weitergehen wird?

Ich bin optimistisch, dass ich bald einen zweiten Laden eröffnen werde. Dann bin ich ein größerer Abnehmer und werde als Geschäftspartnerin ernster genommen.

Das Gespräch führte Stefan Strauß.