Ich bin in den Genuss von bewusstseinserweiternden Drogen gekommen. Am Morgen so gegen halb acht an der Ecke Heinrich-Heine-Straße, Inselstraße. Ich steuere mein Fahrrad an die Ampel heran, als sich eine Frau auf die Gehsteigkante zubewegt. Sie sieht aus wie die Pausenaufsicht einer Grundschule: Mitte Dreißig, blonde, nach hinten gebundene Haare, knielanger, wattierter Mantel in Dunkelblau, Jeans.

Rot. Ich denke mir nichts dabei, als sie beginnt zu pfeifen, zwei Töne, hoch, tief, hoch, tief. Dann läuft sie ein Stück vor, schaut mir ins Gesicht: „Hey, du Wisser.“ Wisser? Na ja, wohl doch keine Pausenaufsicht. Eher ein Restposten aus der Nacht. Auf der anderen Straßenseite liegt der Sage Club. „Hey, ich red’ mit Dir, Du…“ Sie klemmt sich eine Zigarette in den Mundwinkel. Ich denke mir, ich sag mal Hallo: „Hallo.“ Jetzt beginnt so etwas wie eine Unterhaltung. „Ich ha’ mir das Rauchen nich’ annewöhn’“, bringt die Frau hervor. „Richtig so“, sage ich. Sie sagt: „Ich muss Dir ma’ watt’sa’n.“ Ich sage „Aha“ und blicke auf meine Uhr.

Gelb. Grün. Da ich zu früh dran bin, steige ich vom Rad, um eine angenehmere Gesprächssituation zu schaffen. Ein Mann, der vor dem Kiosk an der Ecke Glasscherben in den Rinnstein fegt, richtet sich auf, fixiert mich. Auch die Frau macht einen Schritt zurück. Mich beschleicht das Gefühl, dass ich besser nicht abgestiegen wäre. „Alles gut“, sage ich, um ein sanftes Timbre in der Stimme bemüht: „Was gibt’s denn?“

„Wie sieh’su übbahau’ aus?“

Die Frau fasst wieder Vertrauen, jedenfalls wird ihr Tonfall weicher. „Zur Abbeit?“, fragt sie. „Sieht man das?“, frage ich. „Wie sieh’su übbahau’ aus?“, fragt sie, zeigt auf meine Nase: „Wass’n das?“ Ich nehme die Radlerbrille ab. Sie hat gelbe Kunststoffgläser, das gibt morgens mehr Licht. Bilde ich mir zumindest ein. „Mr. Spock“, ein Ansatz von Lächeln im Gesicht der Frau. „Die Jacke“, sagt sie. „Was ist damit?“, frage ich. „Schei’wsensnwis’. Schlag ma’n Kragen hoch.“ – „So?“ – „Ja. Viel besser.“

Der Mann mit dem Besen fegt weiter. Komisch, dass sich niemand sonst für unsere aufschlussreiche Unterhaltung interessiert. Langsam legt sich allerdings auch bei mir die anfängliche Neugier. Wie komme ich jetzt aus der Nummer wieder raus?

„Die Schuh’ snisn’ okay“

„Die da“, die Frau zeigt mit ihrer Zigarettenhand auf meine Jeans, „is’n Sack.“ Sie lacht, und ihr fällt die Kippe auf den Boden. Sie will sie aufheben, entscheidet sich jedoch dagegen: „Die Schuh’ snisn’ okay.“

„Danke vielmals für das Kompliment“, sage ich. „Ich glaube, jetzt sind wir mit allem durch.“ Ich warte eine Lücke im Verkehr ab, um mein Fahrrad wieder auf die Straße zu schieben. Ich habe den Eindruck, dass in den drei Minuten, die vergangen sein müssen, das Zweiradaufkommen deutlich zugenommen hat. „Wo will’sn jetz’ hin, du...?“, ruft mir die Frau hinterher und pfeift wieder ihr Zweitonpfeifen, aber da bin ich schon in die Inselstraße eingebogen. Bei Gelb. Wird ja auch Zeit.

Eins muss ich der Frau allerdings lassen: Mit meiner Hose hat sie vollkommen recht.