Seit mindestens drei Jahren unterrichtet Nikolai N. als regulärer Lehrer Grundschüler und verbreitet nebenher über Youtube Verschwörungstheorien und antijüdische Positionen. Jetzt erst wird die Bildungsverwaltung aktiv.

Nikolai N. unterrichtet an der Vineta-Grundschule in Gesundbrunnen. Nebenbei tritt er in seinem eigenen Youtube-Kanal als „Volkslehrer“ auf. Dort stellt er, begleitet von freundlicher Klaviermusik, das Grundgesetz in Frage und bemängelt, dass die „deutsche Kultur“ in den neuen Lehrplänen zu kurz komme. Alle paar Tage stellt der smart und beredt wirkende Lehrer ein neues Video ein.

Der „große, blonde Germane“

Auch bei öffentlichen Veranstaltungen tritt er in Erscheinung: Eine Gedenkveranstaltung für ertrunkene Flüchtlinge auf dem Evangelischen Kirchentag störte der „große, blonde Germane“, wie er sich zuweilen nennt, lauthals. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) belehrte er bei einer anderen Gelegenheit lautstark darüber, dass die Geheimdienste und das Weltfinanzkapital die Terroranschläge vom 11. September 2001 inszeniert hätten.

Erst jetzt, nachdem der Fall durch einen Tagesspiegel-Bericht öffentlich wurde, handelt die Bildungsverwaltung. „Wir werden ihn wegen Volksverhetzung anzeigen und ihn zudem der Senatsverwaltung für Inneres als sogenannten Reichsbürger melden“, sagte eine Sprecherin am Sonntag der Berliner Zeitung.

Die sektenartige Reichsbürgerbewegung erkennt die Existenz der Bundesrepublik nicht an und geht davon aus, dass das Deutsche Reich weiter fortbesteht. Berliner Behörden sind seit vergangenem Jahr aufgefordert, den Verfassungsschutz über derartige Aktivitäten informieren. „Zur Gefahrenabwehr“, wie Martin Pallgen von der Innenverwaltung bestätigte. Ob Nikolai N. sich zu den Reichsbürgern zählt, ist unklar.

„Feindin des deutschen Volkes“ 

Erste Prüfungen durch Schulaufsichtsbeamte hätten indes den Tatvorwurf der Volksverhetzung erhärtet, erfuhr die Berliner Zeitung aus Kreisen der Bildungsverwaltung. Er habe sich offenbar radikalisiert. So habe Nikolai N. mehrfach den Holocaust in Frage gestellt. Tatsächlich gibt es Fotos von einer Demonstration auf dem Alexanderplatz. Dort trägt Nikolai N. ein Plakat, auf dem steht: „Die Geschichte des Holocaust ist eine Geschichte voller Lügen“, und er zitiert zudem den NPD-Mann Horst Mahler.

Außerdem hat er Lea Rosh, Publizistin und Initiatorin des Berliner Holocaust-Mahnmals, als „Feindin des deutschen Volkes“ bezeichnet. Arbeitsrechtlich ist er dennoch geschützt, so lange er nicht seine Ansichten im Unterricht kundtut oder dort für seinen Youtube-Kanal wirbt. Wenn es ein Gerichtsurteil gegen ihn gebe, könne der angestellte Lehrer leichter aus dem Arbeitsverhältnis entlassen werden, hieß es aus der Schulaufsicht.

Zwischenfall bei Merkel-Auftritt

An der Moabiter Grundschule, seiner früheren Wirkungsstätte, war er nach Informationen der Berliner Zeitung bereits aufgefallen: Dort hatte er Schülern einen Film mit Verschwörungstheorien gezeigt. Auch die Schüler an der Vineta-Grundschule kannten die Filme ihres Lehrers, wie er auf Youtube einräumt. Die Schulleitung habe ihn bereits verwarnt, hieß es.

Mit seiner Schule konfrontierte Nikolai N. sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel. Er störte ihren Wahlkampfauftritt in der CDU-Wahlwerbe-Zentrale in der Brunnenstraße. Nikolai N. unterbrach die Merkel-Rede und stellte sich als Lehrer einer Schule vor, an der in in diesem Jahr kein einziges deutsches Kind eingeschult worden sei, aber Flüchtlinge ohne Anspruch auf Asyl ins Land gelassen würden. 

Dann wird er hinausgedrängt. Später räumt er in einer „Klarstellung“ auf Youtube ein, dass wohl einige der Kinder einen deutschen Pass hätten. Seine meist türkisch- und arabischstämmigen Schüler seien aber prima, und er könne auch einiges von ihnen lernen, zum Beispiel Stolz auf die eigene Herkunft.

„Ich frage mich allerdings, ob dieser Lehrer nun weiter an der Schule tätig sein darf“, sagte die Wahlkreisabgeordnete Maja Lasic (SPD). „Womöglich hätte seine Radikalisierung frühzeitig der Senatsverwaltung gemeldet werden können.“ GEW-Chef Tom Erdmann sagte, dass es West-Berliner Lehrern noch in den 1980er-Jahren verboten worden sei, einen Anti-Atom-Aufkleber in der Schule zu tragen. „Da fragen sich manche, mit welchen Ansichten Herr N. nun durchkommt.“ Aus der Bildungsverwaltung war zu hören, dass der Lehrer nun erst einmal freigestellt werde. Auf eine schriftliche Anfrage der Berliner Zeitung reagierte Nikolai N. nicht.