Berlin - Steht irgendwo in Berlin überhaupt noch eine Klopfstange, oder besser: „’ne Kloppstange“, wie es auf Berlinisch heißt? Mir ist neulich aufgefallen, dass man sie nirgendwo mehr sieht. Dabei standen sie doch einst überall auf den Höfen. Gemeint sind die Gestelle aus Metallrohren mit Querstangen, über die man Teppiche zum „Auskloppen“ hängen konnte.

In den Besenschränken der Wohnungen hingen Teppichklopfer, die ein bisschen wie Tennisschläger aussahen. Sie bestanden aus Weiden- oder Rattangeflecht. „Gleich kriegste wat mit’n Auskloppa!“, drohte man unartigen Kindern. Wobei es nicht selten auch zur Ausführung kam.

Im Frühjahr wurden die Teppiche und Läufer aus den Häusern geholt und der Winterstaub ordentlich rausgekloppt. Dann hallten die Wände der Häuser in einer Art Doppelschlag wider: „Patamm, Patamm, Patamm“, und Staubwolken hüllten die Klopfenden ein. Nichts für Allergiker.

Wenn nicht gekloppt wurde, dienten die zusammengeschweißten Rohre als Klettergerüste für die Kinder. „Kommste mit uff de Kloppstange?“, lautete der Ruf, und alles stürmte auf das Gerüst zu. Manche machten auch „Schweinebammeln“ an der Querstange. Wer es am längsten schaffte, kopfüber zu hängen, der hatte gewonnen. Man konnte auch herrlich ins hohle Rohr der oberen Stange hineinbrüllen oder -trompeten.

Manchmal saß meine damalige Schulfreundin Katja auch allein ganz oben, um unser aller Spiel zu dirigieren. „Häuptling Schingschanggock soll weit fortgehen, und alle sollen glauben, dass er tot ist“, rief sie. (In Wirklichkeit hieß der Häuptling Chingachgook und war der Hauptheld eines Films, der jüngst im Kino gelaufen war.) Dann sollten „böse Cowboys“ das Dorf überfallen, doch „Schingschanggock“ sollte rechtzeitig zurückkommen und die Bösen verjagen. Und ähnliche Geschichten.

Wahrscheinlich hatten die Erfinder der „Kloppstange“ in keinem Augenblick daran gedacht, dass irgendwann niemand mehr Teppiche auf ihr „auskloppen“, dafür aber Kinder auf ihr herumklettern würden. 

Wenn Katja und ich früh zur Schule liefen, nahmen wir oft eine Abkürzung über die Höfe unserer Gegend – eine Welt der Bäume, Büsche und Bänke. Und der „Kloppstangen“, was Katja dazu bewegte, immer wieder ihre Mappe abzulegen, sich hochzuschwingen und ein bisschen auf dem Gestell herumzuturnen. „Du bist jetzt mal Kai und ich die Schneekönigin“, rief sie. „Und die mächtige Schneekönigin muss dich verzaubern!“ Natürlich kamen wir immer wieder zu spät in die Schule. Die Lehrer waren nicht begeistert. Unsere Eltern auch nicht.

Wann die „Kloppstangen“ verschwanden, weiß ich nicht. Vielleicht hat man sie wegen der immer besseren Staubsauger abgeschafft oder weil kaum noch jemand Teppiche besaß. Vielleicht beschwerten sich die Schulen, dass die Kinder immer zu spät kamen. Vielleicht hat der „Tüff“ gesagt: „Als Spielgerät sind die Dinger nicht zugelassen. Zu gefährlich!“ So wie ja heute alles zu gefährlich ist. Wir aber sind damals auf fast allem herumgeklettert, was herumstand. Und wir leben noch.