Am 8. Juli spielte der sechsjährige Elias im Hof seines Hauses im Stadtteil Schlaatz. Seitdem fehlt von dem Jungen jede Spur – trotz eines der größten Polizeieinsätze, die es in Brandenburg bisher gab. Soko-Chef in dem Fall ist Michael Scharf, 49. Er geht davon aus, dass Elias mit hoher Wahrscheinlichkeit einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist.

Sie sind selbst Vater eines gleichaltrigen Jungen. Wie nah geht Ihnen das Verschwinden des kleinen Elias?

Wie vielen unserer Ermittler: Es geht mir sehr nah. Ich merke es, wenn ich nachts aufwache und mir der Fall durch den Kopf geht. Dann stelle ich mir die Frage, ob wir wirklich alles getan, oder ob wir irgendetwas übersehen haben.

Was hat die Polizei getan, um Elias zu finden?

Wir haben in den ersten Tagen nach seinem Verschwinden intensiv nach dem Kind gesucht, täglich waren 150 bis 200 Beamte rund um die Uhr im Einsatz. Wir haben in Potsdam-Schlaatz alles durchkämmt, was abzusuchen war. Wir haben in Keller geschaut, in Gullys, in Schächte, in alle Kleidercontainer. Taucher von der Polizei und der Feuerwehr haben die nahe gelegene Nuthe abgesucht.

Wir konnten ja nicht ausschließen, dass das Kind in den Fluss gefallen ist. Elias kann nicht schwimmen. Nachdem drei Personenspürhunde, die auf die Suche nach Leichen abgerichtet sind, unabhängig voneinander an einer Stelle der Nuthe angeschlagen haben, wurde der Fluss abgesenkt und ausgebaggert. Kollegen der Bereitschaftspolizei sind durch den Fluss gewatet. Zwei Seen in der Nähe wurden ebenfalls abgesucht und die Mündung in die Havel. Nichts.

Sie haben selbst den Müll durchsucht.

Jede Mülltonne im Stadtteil Schlaatz. Selbst den Müll, der schon zur Verbrennungsanlage nach Schwedt geschafft worden war, haben die Kollegen komplett kontrolliert. Heute kann ich weitestgehend ausschließen, dass sich Elias noch im Schlaatz befindet.

Wie können Sie das? Sie sind doch in dem Neubaugebiet nicht in jede Wohnung gegangen?

Das stimmt, aber es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass Elias in irgendeiner Wohnung festgehalten wird. Wir haben keine Hinweise auf Anwohner, die sich seit dem Verschwinden des Kindes auffällig verhalten, den Nachbarn etwa, der im Supermarkt plötzlich Nutella kauft, was er sonst vielleicht noch nie gemacht hat. Da brauchen wir weiter die Bevölkerung, die nicht nur nach dem Jungen Ausschau hält, sondern auch Auffälligkeiten mitteilt, die im Zusammenhang mit dem Fall stehen könnten – ohne, dass man jetzt seinen Nachbarn denunziert.

Was, glauben Sie, ist passiert? Wovon gehen die Ermittler aus?

Trotz intensivster Suche und Ermittlungen gibt es keine einzige verwertbare Spur, die uns zu Elias geführt oder einen Ermittlungsansatz erbracht hätte. Mittlerweile gehen wir von einem Verbrechen aus. Wir rechnen nicht mehr damit, dass Elias noch lebt.

Kann der Junge verschleppt worden sein?

Ich denke nicht, dass das Kind entführt wurde. Es hat sich auch kein Erpresser gemeldet. Und die Tatgelegenheit, ihn von diesem Spielplatz, der von drei Seiten von Wohnhäusern umschlossen ist, zu entführen, ist mehr als ungünstig. Man kann da auch nicht einfach mal so mit dem Auto rein und weg. Auch das hatten wir im Blick. Es gibt aber Überlegungen bei den Ermittlern der Sonderkommission Schlaatz, die ich hier aber nicht ausführen kann.

Wie viele Hinweise aus der Bevölkerung haben Sie erhalten?

Aktuell sind es 947 Hinweise, von denen wir 926 abgearbeitet haben. Die Hinweise, von denen wir uns ein Ergebnis erhofft haben, sind zuerst überprüft worden. Aber auch die Hinweise brachten keinen Ansatz für unsere Ermittlungen.

Können Sie etwas über die Qualität der Hinweise sagen?

Da gab es beispielsweise Zeugen, die den Jungen beim Tanken im hessischen Nauheim gesehen haben wollen. Die Ermittler haben sich daraufhin die Aufnahmen aus der Überwachungskamera besorgt, die Hinweisgeber befragt, alles gecheckt. Letztlich konnten wir ausschließen, dass es Elias war.

Aber es gibt auch weniger ernst zu nehmende Hinweise?

Die gibt es immer in einem solchen Fall. Die Leute melden sich, weil sie etwas geträumt oder in ihrer Fantasie etwas gesehen haben. So gab es etwa den Hinweis, dass Elias von einem Wolf gefressen worden wäre. Und mittlerweile melden sich auch Hellseher. Aber auch diese Hinweise müssen wir prüfen.

Sie haben rekonstruiert, was Elias am Tag des Verschwindens getan hat.

Wir haben mit der Mutter und dem Lebensgefährten noch einmal den Tag des Verschwindens minutiös rekonstruiert. Elias ist an diesem 8. Juli, warum auch immer, eine Stunde früher als sonst aus dem Schulhort abgeholt worden. Dann ging es zum Jobcenter, dann nach Hause. Gesichert ist, dass Elias’ Mutter und deren Lebensgefährte bei Rewe einkaufen waren, während der Junge zu Hause blieb. Es gibt Zeugen, den Kassenbon und die Aufzeichnungen aus der Videoüberwachung des Supermarkts, die das bestätigen. Gegen 17 Uhr ging Elias auf dem Hof spielen. Auch das stimmt, er ist dort auch noch von zwei Frauen gesehen worden.

Seine Mutter will ihn auch noch beobachtet haben.

So ist es, seine Mutter hat gesagt, dass sie zwei-, dreimal aus dem Fenster nach Elias gesehen hat. Gegen 18.10 Uhr sei ihr aufgefallen, dass der Junge nicht mehr da ist. Sie und ihr Lebensgefährte haben dann erstmal Freunde informiert und gemeinsam nach dem Jungen gesucht. Wir wurden schließlich über den Notruf um 19.12 Uhr alarmiert.

War das zu spät?

Das soll kein Vorwurf sein: Aber es wäre besser gewesen, wenn sich die Eltern gleich gemeldet hätten. Wenn so etwas passiert, sollte man nicht erst selbst suchen, sondern gleich die Polizei alarmieren, auch wenn es einem vielleicht unangenehm ist. Aber dafür sind wir da. Je früher wir handeln können, desto besser.

Sie haben bei Ihren Ermittlungen sicherlich viele Personen überprüft, auch die Familie des Kindes?

Wir haben das gesamte familiäre Umfeld abgeklopft, ob es da einen Zusammenhang mit dem Verschwinden gibt. Mit dem heutigen Stand der Ermittlungen kann man das ausschließen. Wir haben rund 1200 Anwohner befragt. Aber auch 107 einschlägig vorbestrafte Personen aus der Region Berlin-Brandenburg wurden von uns überprüft. Wir haben geschaut, wer sich zum Zeitpunkt von Elias’ Verschwinden mit seinem Handy in der entsprechenden Funkzelle befand. Das waren Tausende Daten, die die Kollegen überprüfen mussten.

Sie haben sich auch unglaublich viel Filmmaterial anschauen müssen?

Das waren insgesamt 350 Stunden Filmmaterial aus Überwachungskameras, beispielsweise der Straßenbahn, der umliegenden Tankstellen, die gesichtet wurden und etwa 1000 Bilddateien. Wir haben sogar überprüft, ob der Bereich Schlaatz zu diesem Zeitpunkt von einem Satelliten aufgenommen worden ist. Auch das war negativ.

Sie haben den Fall mit anderen Vermisstenfällen verglichen. In Sachsen-Anhalt ist die gleichaltrige Inga verschwunden. Gibt es einen Zusammenhang?

Der relativ kurze Zeitraum des Verschwindens beider Kinder und das Alter, das sind Parallelen. Ansonsten gibt es aber nichts, was darauf hindeutet, dass beide Fälle zusammenhängen. Wir sind mit den Ermittlern in Sachsen-Anhalt aber im Kontakt.

Fünf Wochen sind seit Elias Verschwinden vergangen. Es gibt keine einzige Spur. Wie kann es sein, dass ein Kind spurlos verschwindet?

Diese Frage habe ich schon oft gehört. Aber leider ist es so. Man kann einen Menschen spurlos verschwinden lassen.

Die Soko Schlaatz ist in der vergangenen Woche auf 45 Ermittler reduziert worden, nachdem fast alle Hinweise abgearbeitet waren. Was können Sie jetzt noch machen?

Die Sonderkommission geht jetzt noch einmal Spuren nach, denen anfangs keine Bedeutung beigemessen wurde. Beispielsweise haben wir Spielzeug gefunden, das nicht Elias gehört. Jetzt schauen wir, ob der Junge damit nicht vielleicht vom Spielplatz weggelockt worden sein könnte. Auch die Nuthe haben wir kürzlich noch einmal abgesucht. Demnächst, wenn tatsächlich alle Hinweise abgearbeitet sind, wird die Stärke der Sonderkommission auf das erforderliche Maß reduziert. Sie wird aber nach wie vor in der Lage sein, in dem Fall weiterzuarbeiten, und sie kann jederzeit wieder aufgestockt werden.

Ist es nicht ungewöhnlich, dass es überhaupt keine Spur gibt?

Das macht uns schon etwas ratlos. Aber die Kollegen sind trotz der langen Ermittlungszeit noch immer hochmotiviert. Es ist natürlich auch für sie eine psychische Belastung. Das hängt damit zusammen, dass man als Polizei erfolgsorientiert ist. Ein Kriminalist ohne Spur ist wie eine Zeitung ohne Leser. Das Hauptinteresse ist es, Elias zu finden. Die Ungewissheit ist schon sehr belastend.

Das Gespräch führte Katrin Bischoff.