Verspätungen der Linie RE 2: Die Problemlinie

Cottbus - Arnulf Schuchmann kann seine Wut nicht mehr bändigen. „Es ist eine Katastrophe, was den Fahrgästen geboten wird“, sagt er. Die Züge zwischen Cottbus, Berlin und Wismar seien oft verspätet, Anschlüsse würden verpasst. Es ist ein Ausbruch, wie man ihn von einem Pendler auf der RE 2 erwarten würde. Doch bei Schuchmann handelt es sich nicht um einen genervten Fahrgast: Er ist Chef der Ostdeutschen Eisenbahn (ODEG), die alle Züge auf dieser Linie betreibt.

Am Donnerstag forderte der Geschäftsführer den Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) auf, endlich für eine Fahrplanpassung zu sorgen. Er kündigte an, die drohenden Strafgelder auch weiterhin nicht zahlen zu wollen. Es gehe um 30 000 bis 60 000 Euro pro Monat.

Der Fahrplan ist zu eng gestrickt

Der Chef hätte keinen besseren Ort für seine Zornesäußerungen wählen können: Er war zu der Pressekonferenz gekommen, bei der die Industrie- und Handelskammer (IHK) Cottbus und der Fahrgastverband Pro Bahn in Berlin vor vielen Journalisten eine Untersuchung zu der Linie vorstellten. Im Raum saß aber auch ein anderer gebürtiger Süddeutscher und Wirtschaftsingenieur – der ihm Kontra gab: Hans Leister, Bereichsleiter beim VBB.

Der Streit begann schon bei der Frage, ob es überhaupt gravierende Probleme gebe. „Wir haben keine Katastrophensituation“, sagte Leister. Sicher, bis in den November hinein nutzten Fernzüge, die nach dem Elbe-Hochwasser umgeleitet wurden, den Nordteil der Strecke mit. Der RE 2 musste oft warten, um Intercity-Express-Züge überholen zu lassen. Doch seitdem habe sich die Lage klar entspannt. „Toi, toi, toi, es läuft prima“, meinte Hans Leister.

Es sei nicht mehr so schlimm wie im vergangenen Jahr, bestätigte Schuchmann. „Allein im Juni wurden von 1 260 Fahrten 984 als verspätet registriert, wir fuhren 12 233 Verspätungsminuten ein. Inzwischen sind wir pünktlicher geworden. Doch zufrieden sind wir weiterhin nicht.“ Im Januar wurden bisher 299 Fahrten als verspätet gewertet. Bis zum Monatsende werde sich die Zahl auf rund 400 summieren, eine Quote von 30 Prozent. „Nur auf dieser Linie haben wir solche Probleme“ – wovon täglich im Schnitt fast 26 000 Reisende betroffen seien.

Warum ist das so? Darin sind sich mit Ausnahme des Verbunds viele Beobachter einig: Der Fahrplan sei nur unter Idealbedingungen einzuhalten. „Er ist in ein zu enges Korsett gequetscht worden, ohne dass es Reserven gibt“, sagte Dieter Doege von Pro Bahn Berlin/Brandenburg.

Ein Grund sei, dass die Züge in Cottbus und Bad Kleinen Anschlüsse erreichen müssen. Dass dies in der Praxis nicht immer funktioniere, liege daran, dass die Strecke Engpässe aufweise. Als der Abschnitt zwischen Königs Wusterhausen und Cottbus für 130 Millionen Euro saniert wurde, blieb das Teilstück ab Lübbenau größtenteils eingleisig, und eine Ausweichstelle wurde abgebaut. Im Bahnhof Königs Wusterhausen steht ebenfalls nur ein Gleis zur Verfügung. Züge müssen aufeinander warten, Verspätungen summieren sich. Darum die Forderung: Zweite Gleise müssten verlegt, die Ausweichstelle müsse wieder eingebaut werden, so IHK und Pro Bahn. Angeregt wurde auch, die Linie in Berlin zu teilen oder Äste mit der RE 4 zu tauschen.

Eingleisige Abschnitte seien nicht das Problem, entgegnete Ingulf Leuschel, Konzernbevollmächtigter der Deutschen Bahn (DB). „Die haben wir auch auf Strecken mit viel stärkerem Verkehr.“ Doch er stimmte zu: „Der Fahrplan ist zu knapp.“ So stünden für Halte auf dem Nordteil oft nur 30 Sekunden zur Verfügung. Verantwortlich sei der VBB, der DB Netz Fahrplanvorgaben übermittelt. Schuchmann fände es sinnvoll, im Norden und Süden je fünf Minuten dazu zu geben – was einen Zusatzzug erfordere. Noch wichtiger wäre es, die Anschlüsse zu ändern.

„Auch wir halten es für nötig, Lübbenau–Cottbus zweigleisig auszubauen“, so Leister. Doch weil größere Fahrplananpassungen viel Vorlauf bräuchten, wären sie erst Dezember 2015 wieder möglich. Dann erforderten neue ICE-Verbindungen ohnehin größere Änderungen. „Mehr als 750 000 Fahrgäste pro Monat sollen fast zwei Jahre auf Verbesserungen warten – das geht nicht“, konterte Schuchmann. Die Diskussion ist noch nicht zu Ende.