Berlin - Es gibt Tage, da öffnet er nicht mehr die Tür seines Führerstands, wenn verärgerte Fahrgäste anklopfen. „Seitdem kürzlich ein Kollege in Ahrensfelde verdroschen wurde, lasse ich sie lieber zu“, sagt der S-Bahner. Er hat den Eindruck, dass immer mehr Fahrgäste Ärger loswerden wollen. Aber er habe keine Lust, den Prügelknaben zu spielen.

Die S-Bahn-Kundschaft ärgert sich über volle Wagen, Verspätungen, übelriechende Mitreisende. Und immer wieder verlängern Fahrzeugdefekte sowie Notarzteinsätze die Reise. Allein im September, so die neueste Zahl, gab es 2349 störungsbedingte Zugausfälle. 371 Fahrten fanden nicht statt, weil Weichen oder Signale ausgefallen waren. Weniger Leistung bedeutet weniger Geld vom Staat und Einbußen für die S-Bahn GmbH. Der Senat hat seine Abschlagszahlung fürs erste Halbjahr um 3,2 Millionen Euro gekürzt. Dabei steht der Winter, der den S-Bahnen stark zusetzt, noch bevor. Absehbar ist, dass mit dem Frost noch mehr Frust kommt.

Mehr Polizeieinsätze

Beispiel Pünktlichkeit: Im dritten Quartal dieses Jahres wurden 94,81 Prozent der Züge als pünktlich gewertet. Diese Zahl mutet hoch an. Doch ein Zug gilt offiziell erst dann als verspätet, wenn er dem Plan mindestens um vier Minuten hinterher fährt. Dabei können schon kleine Verspätungen manche Alltagsroutine durcheinanderbringen. Zudem fordert der Verkehrsvertrag mit Berlin eine Pünktlichkeitsrate von mindestens 96 Prozent. Zwischen Januar und September wurde die Latte in fünf Monaten gerissen.

„Es gibt viele Gründe, warum Züge unpünktlich sind. Nicht an allen sind wir schuld“, sagt der S-Bahner. „Es gibt immer mehr Polizei- und Notarzteinsätze.“ Dann bleibt die S-Bahn erst mal stehen – mindestens eine Viertelstunde, oft auch länger. Hinter ihr stauen sich andere Züge, fluchen andere Fahrgäste.

Der Notarzt kommt öfter

Liegt es an der Alterung der Gesellschaft? Oder daran, dass in der wachsenden Stadt Berlin auch die S-Bahn voller wird? „Ich denke manchmal: Alle Fahrgäste sollten Atteste haben“, scherzt der Mann im Führerstand.

Sein oberster Chef Peter Buchner bestätigt, dass die Zahl der externen Störungen, etwa durch Polizei- und Feuerwehreinsätze, gestiegen ist. „Wir haben im Vergleich zum Vorjahreszeitraum eine Zunahme um zehn Prozent. Die Auswirkungen in Form von Zugverspätungen sind um rund 30 Prozent angewachsen,“ sagt der Vorsitzende der Geschäftsführung, der per S-Bahn von Potsdam nach Berlin zur Arbeit fährt.

Störungen an der Infrastruktur

Es gibt weitere externe Einflüsse: Störungen an der Infrastruktur – an Weichen, Gleisen, Signalen, in den Stellwerken. Zuständig ist DB Netz. „Ich habe den Eindruck, dass die Technik auf einigen Abschnitten schon ziemlich in die Jahre gekommen ist. Zum Beispiel auf dem Ring“, berichtet der S-Bahner aus dem Fahrdienst. Es müsse mehr in die Anlagen investiert werden.

„2015 wurden im Monat durchschnittlich 121 Infrastrukturstörungen registriert“, so die S-Bahn. Dadurch fielen im Monatsmittel 753 Züge aus oder sie verspäteten sich. In den ersten zehn Monaten dieses Jahres stieg die Zahl der Störfälle auf durchschnittlich 211 pro Monat. Im Mittel gibt es bei 1053 Zügen Ausfälle oder Verspätungen.

Elektronik-Probleme

Doch es gibt auch Gründe im Verantwortungsbereich der S-Bahn. Darauf wies der damalige Verkehrs-Staatssekretär Christian Gaebler (SPD) hin, als er im August die Bilanz für die ersten sechs Monate dieses Jahres vorstellte: 772 802 Kilometer wurden nicht gefahren. „Der Großteil der Ausfall- und Verspätungsursachen liegt bei der S-Bahn GmbH selbst.“ An erster Stelle stehen Störungen an den Fahrzeugen und Personalprobleme.

„Immer öfter steigt die Elektronik aus“, klagt der S-Bahn-Fahrer. Der Winter könnte die Situation weiter verschlechtern. Auf Schnee und Frost sei man „bestmöglich vorbereitet“, entgegnet der S-Bahn-Chef. „Aber alle Anstrengungen werden nicht verhindern können, dass unsere Züge bei Schneefall unter dem Gefrierpunkt Probleme bekommen werden. Die bekannten konstruktionsbedingten Mängel können wir nur lindern, nicht heilen.“ Erst die bestellten neuen S-Bahnen würden zu mehr Verlässlichkeit beitragen.

Immer mehr Fahrgäste

Auch erst dann werde es mehr Beförderungskapazität geben, sagt Buchner. Dabei drängen immer mehr Menschen in die Züge: „Ja, auch 2016 steigt die Zahl unserer Fahrgäste.“ Weil dafür Wagen fehlen, seien aber vorerst nur kleinere Angebotserweiterungen möglich – etwa die Ausdehnung des Fünf-Minuten-Takts auf dem Ring um eine oder zwei Stunden. „Große Schritte können wir erst machen, wenn die neuen Fahrzeuge 2023 alle da sind.“ Dann können die Züge der Ringlinien wieder mit acht Wagen fahren – statt mit sechs.

Dabei könnten die neuen Wagen früher kommen – „wenn der Senat die Ausschreibung des Verkehrs auf dem Ring schon 2010 in die Wege geleitet hätte“, klagt Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB. Doch weil Teile der SPD und der damalige Koalitionspartner, die Linke, eine Privatisierung fürchteten, kam das Verfahren lange nicht in Gang. Erst 2012 begann der Wettbewerb, der 2013 nach einer Klage der Bahn neu aufgelegt wurde. Vor einem Jahr wurden die neuen Züge endlich bestellt.